The Last of Us 2 Test – Zurück ins Elend

von David Kolb 23.06.2020

The Last of Us 2 zeigt meisterhaft wie Dramaturgie und Pacing in Videospielen eingesetzt werden sollen, um dadurch eine grausame und gleichzeitig emotionale Geschichte zu erzählen.

Hinweis

Wer die Story vom ersten Teil noch nicht kennt, kann diese in unserer Zusammenfassung nachlesen. Unser Review hier enthält keinerlei Spoiler zu wichtigen Storyinhalten.

20 Jahre Apokalypse

Part zwei spielt vier Jahre nach dem ersten Teil, wirft uns aber auch immer wieder mit Rückblicken in die Vergangenheit. Das Spiel startet in Jackson, Wyoming mit Joel, Ellie und ihrer Freundin Dina. Der Cordyceps-Pilz hat mehr als 20 Jahre gewütet und mehr als die Hälfte der gesamten Menschheit in aggressive Mutanten verwandelt. Joel und Ellie haben es mit Hilfe von Tommy geschafft sich in einer, für die Zombieapokalypse, sehr ansehnlichen Kleinstadt nieder zu lassen, wo es Strom, Wasser und sogar ein wenig Gemütlichkeit gibt. Die Idylle wird durch einen brutalen Vorfall in den umliegenden Bergen gleich zu Beginn wieder zerstört. Die Geschichte führt uns dann nach Seattle und ist im Kern eine eher simple Rachegeschichte, die nach Menschenleben und Gewalt giert. Dieser Ansatz wird mit Storyfäden konterkariert, die sich um die Liebe von jungen Menschen und die Gefühle zwischen Vater und Tochter drehen.

Langsamer Aufbau, knallharte Peaks

Joel bezieht ganz klar die Rolle als Ziehvater, trifft dabei aber wie jedes Elternteil bei einer heran wachsenden Teenagerin nicht immer zu 100 Prozent ins Schwarze. Deshalb schwingt in der Geschichte immer etwas Coming of Age mit, denn für Ellie geht es mitunter ums Erwachsen werden und die erste, echte Liebe mit Dina. Diese Dinge werden in Zwischensequenzen ganz meisterhaft von Naughty Dog erzählt und das hat mehrere Gründe. Ganz trocken gesagt ist The Last of Us 2 handwerklich eines der besten Spiele für die PS4 überhaupt. Die Lichtstimmung, wenn die Sonne im Schnee glitzert oder man an einem Bach entlang durch den Wald reitet sind absolut beeindruckend. Die Inszenierung an sich, also Kamerafahrten, Hintergrundmusik und die Schauspielerin Ashley Johnson, die Ellie spielt harmonieren in sehr gutem Einklang. Das liegt auch am eher gemächlichen Erzähl- und Spieltempo. Es ist wie eine Staffel Better Call Soul, die in ihren langsamen Momenten wunderschöne Panoramen und außergewöhnliche Einstellungen liefert. Als Kontrast fällt in jedem Kapitel aber irgendwann der Action-Hammer und der fällt ganz gewaltig aus.

Unangenehm und Aufrührend

Das geht soweit, dass sich einige Wendungen in der knapp 30-stündigen Spielzeit wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Naughty Dog schafft es geschickt mit meiner Erwartungshaltung zu spielen und überrascht mich entweder mit ergreifenden Szenen oder brutalen Gräueltaten. Gewalt wird in den Zwischensequenzen nie zum Selbstzweck abgespult. Man will bei Naughty Dog nicht cool oder edgy sein, sondern die harte Realität zeigen. Wenn eine Schrotflinte von zwei Metern aus auf die Beine des Gegenüber abgefeuert werden dann hört und sieht man auf schreckliche Weise den Einschlag und die zerfetzenden Auswirkungen. Wenn Ellie jemanden tötet, dann macht sie das nicht klinisch, wie ein Auftragskiller. Es wird Gerungen, Gewürgt und schlussendlich auch Abgestochen. Das Todesröcheln der im Sterben liegenden Gegner und das Geräusch, wenn ein Genick gebrochen wird sind realistisch und verstörend. Das Spiel beeindruckt nämlich nicht nur visuell, auch das Sounddesign ist auf höchstem, technischen Niveau und reißt mich immer wieder schonungslos aus meiner heimlichen Stille.

Kein Schwarz-Weiß-Denken in The Last of Us 2

Als letzten Punkt zur Story möchte ich noch festhalten, wie gut Naughty Dog mit klassischen Feindbildern kokettiert. Im ersten Teil sind Joel und Ellie noch eher als klassisch „gut“ anzusehen, die aber beide ihre düsteren Seiten und Verfehlungen haben. Diese Ebene wird geschickt weitergesponnen und mit neuen Elementen, wie der Beziehung zu Dina erweitert. Aber Ellie und Joel kämpfen nun nicht mehr für das erhabene Ziel, die Menschheit zu retten und ein Heilmittel herzustellen. Die Motive sind weit weniger rational und privater Natur. Ab den ersten vergangenen zehn Stunden habe ich mich immer wieder gefragt, was das Ganze hier soll und das ich eigentlich nicht mehr weiter möchte. Versteht mich nicht falsch, das ist kein Kritikpunkt sondern positiv gemeint. Ellie verfällt nach und nach in einen Modus, wo sie nur mehr „ihre Mission“ vor Augen hat und diesen Weg zu verfolgen ist intensiv, hoch spannend und fantastisch erzählt. Die Motive aller Hauptcharaktere sind für mich immer nachvollziehbar und das gilt auch für den Konflikt der sich immer mehr aufschaukelt.

Es geht ums Überleben

Genug der Storyandeutungen, machen wir gemeinsam einen Blick auf die Welt von The Last of Us 2. Die ist sehr verwinkelt und es gibt einiges zu entdecken. Seid ihr in Seattle angekommen, öffnet sich sogar eine Art Mini-Open-World-Hub. Ansonsten bleibt das Spiel aber eher schlauchiger Natur. In den vielen, kleinen Arealen werdet ihr ständig auf der Suche nach Munition und Crafting-Materialien sein. Ich habe das Spiel auf dem Schwierigkeitsgrad „Schwer“ (dem zweit höchsten) gespielt und war ständig unter Munitionsknappheit. Das zwingt mich in wirklich jede noch so kleine Schublade reinzuschauen und auf ein wenig Loot zu hoffen. Es ist ein bittersüßer Schmerz, dass einige davon auch einfach von anderen Menschen bereits leer geräumt wurden und leer sind. Die Ressourcenknappheit zwingt mich zu einem Umdenken. Normalerweise gibt es in Videospielen Gegner und die müssen eliminiert werden – Punkt. In The Last of Us 2 ist vorbei schleichen oder sogar die Flucht nach vorne immer wieder eine sehr valide Taktik. Einfach drauf los zu sprinten ist zwar riskant, es spart aber natürlich auch viel Munition, wenn man den Feinden nicht jedes Mal eine Kugel in den Kopf ballert.

Kleine Anpassungen beim Gameplay

Ellie spielt sich an sich, wendiger als Joel im ersten Teil, ist bei Drehungen aber immer noch sehr träge. Wenn man zu Zielen beginnt, wird ihr Tempo stark reduziert und auch die Schussgenauigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Sie ist eben kein Supersoldat und wie schon im Vorgänger muss man bedächtig agieren. Einzig das behäbige Wenden kann nervig werden, wenn man von Feinden umringt ist. Zum Glück muss ich keine Messer mehr craften, die dann erst recht wieder kaputt gehen. Elli verfügt als Standardwaffe über ein solches und kann damit eine Stealthkill auch bei Clickern ausführen. Geht ihr mit dem Messer aber vom Stealth in den offenen Nahkampf, werdet ihr auf Probleme stoßen. Ihr könnt zwar ausweichen, aber die kleine Stichwaffe macht wenig Schaden. Deshalb könnt ihr wieder andere Nahkampfwaffen wie Baseballschläger, Macheten oder Brecheisen finden, die eine Haltbarkeit von vier bis 8 Schlägen haben. Durch freischaltbare Skills können diese dann sogar aufgewertet werden, ja sogar Rauchbomben, Schalldämpfer und explosive Pfeile für den Bogen können aus den immer knapp vorhandenen Ressourcen gebastelt werden. Auch die Werkzeugteile haben es wieder in Spiel geschafft, mit denen ihr Waffen, wie das Jagdgewehr oder den Revolver verstärken könnt. Hier wird klassisch auf mehr Stabilität, mehr Schaden, höhere Munitionskapazität oder Ähnliches gesetzt. Die Upgrades sind zwar klassisch, verstärken die Waffen aber deutlich spürbar, was sehr angenehm ist.

Entdecken heißt Überleben

Um neue Fähigkeiten zu erlangen müsst ihr Supplies finden und diese investieren. Zu Beginn geht das aber gar nicht, denn ihr benötigt dafür Trainingsbücher, die in der Welt versteckt sind. Ihr findet außerdem einige Briefe, die tragische Geschichten erzählen und Collectibles, wie Sammelkarten oder Münzen. Ja sogar einige Waffen, wie z.B. die Schrotflinte könnt ihr nicht einfach per Story bekommen, sondern müsst optionale Rätsel und Kämpfe überstehen. Es lohnt sich deshalb wirklich alles zu erkunden, denn es erhöht die Überlebenschance drastisch. Dabei entstehen echte Endzeitvibes, wenn man jeden neuen Raum verzweifelt auf den Kopf stellt und komplett leer räumt. Bei den Rätseln handelt es sich manchmal um Physikspielereien. Mal musst ihr ein Kabel oder ein Seil über einen versteckten Balken werfen und euch auf die andere Seite schwingen, dann wieder sehr schnell auf einem rollenden Container eine Erhöhung erklimmen. Außerdem gibt es immer wieder kleine Kopfnüsse, um eine Tresorkombination herauszufinden und dann richtig fette Beute abzustauben.

Wegüberbrückung

Ich habe am Anfang das Pacing gelohnt. Was mich aber gar nicht freut, sind Spielabschnitte, die bis zu zwei Stunden dauern und als Ziel nur vorgegeben wird von A nach B zu gelangen. Da tut sich dann in der Story nichts und das Spiel besteht zu 95 Prozent nur mehr aus Gameplay. Dann merkt man auch, dass sich der anfängliche Schock bei den Nahkampfkills und das wiederholen der Gegnertypen abnutzt. Es fühlt sich dann ein kleines bisschen nach Spielstreckung an. Zum Glück ist dann aber die nächste packende Zwischensequenz nicht mehr weit. Ebenfalls schade, Seattle bleibt der einzige Mini-Hub des Spiels. Das hat in mir falsche Erwartungen geweckt und ich hatte fälschlicherweise die Annahme getroffen, dass sich Naughty Dog damit etwas weiter vom ersten Teil entfernen möchte. Versteht mich nicht falsch, der Vorgänger ist ebenfalls ein herausragendes Spiel, der zweite Teil hätte sich davon aber gerne noch einen Ticken mehr davon abheben können.

The Last of Us 2 Fazit

Welches ist nun das beste PS4 Spiel überhaupt? Eine korrekte Antwort darauf gibt es nicht, es bleibt doch alles Geschmackssache. Schon vor Release wurde in den Medien klar gemacht, dass The Last of Us 2 unter anderem mit God of War um diese Krone wetteifern muss. Dem Genre und dem Setting geschuldet, finde ich das Gameplay von Kratos letzter Odyssee deutlich stärker. Dort finden auch die angesprochenen Spielstreckungen nicht statt, weshalb es für mich das komplettere Spiel ist. The Last of Us 2 schafft es aber dafür mich noch stärker emotional zu berühren und bei mir ein wohliges, unwohles Gefühl herbeizuzaubern. Die Peaks der Erzählung gehören ganz klar zum Besten des Mediums und die Ereignisse während, aber auch am Ende des Spiels lassen mich lange nach dem Ablauf der Credits darüber sinnieren. Aus diesem Grund wird man auch noch in Jahren, wenn die PS4 Geschichte ist, noch über dieses Spiel reden. In der Inszenierung und der Dramaturgie macht Naughty Dog so schnell keiner was vor.

Wertung: 9.0 Pixel

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