Static Comic-Kritik: Bilder der Verantwortung

von Matthias Tüchler 30.06.2021

Wie bei den meisten Dingen, lohnt es sich auch im Bereich Comics, ab und an den Mainstream zu verlassen und auf Schatzsuche zu gehen. Nicht, dass gegen Superhelden-Action und Fantasy-Abenteuer irgendetwas einzuwenden wäre, doch manchmal sehnt man sich als Fan der Bild-Text-Kunst nach frischem Wind und anderen Richtungen.

Matt Lesniewski’s Static schafft den Epic-Split zwischen (oberflächlich betrachteter) verrückter Action und dahinterliegenden Themen. Mit Farben von Carlos Badilla fungiert Lesniewski erst zum zweiten Mal als Autor und Künstler. Sein erster selbstgeschriebener und -gezeichneter Comic The Freak wurde allerdings direkt für einen Eisner Award als Best Single Issue/One Shot nominiert.

Von Dark Horse herausgegeben, ist Static ab sofort erhältlich.

Auf den ersten Blick

Selbst für den eiligen Leser bietet Static eine Menge! Protagonist Emmett fristet eine eher zweifelhafte Existenz. Als Auftrags-Jäger verschiedenster seltener fiktiver Tiere für einen verrückten Wissenschaftler namens Clay und tief in Schulden gegenüber einer ungemütlichen Biker-Gang, flieht Emmett vor seinem eigenen Gewissen in den Drogenrausch.

Static(c) Dark Horse Books

Um sich über Wasser (und high) zu halten, erlegt Emmett gefährliche Biester, die der selbsternannte Frankenstein Clay zu „Kunstwerken“ macht. Selbstredend ergeben sich besagte Wesen nicht ohne Kampf und so bekommt Emmett trotz Science-Fiction Speeder-Bike und Visor (aber relativ handelsüblichem .45er Colt) dabei anständig aufs Maul. Anstatt Clays Experimente zu verfolgen, sucht er nach erfolgreicher Jagd die Distanz zu dem rücksichtslosen Unterfangen.

Im ersten Panel des Comics auf dem Boden aufgerieben und verkatert aufgewacht, versucht Emmett (vermutlich erneut) von einer seiner Wahldroge loszukommen. Die kleinen leuchtenden Käfer müssen wohl einen Mordstrip auslösen, denn uns würde nichts so schnell dazu kriegen, uns regelmäßig von diesen garstigen Wesen beißen zu lassen. Doch was tut man nicht alles, um der eigenen Schuld zu entkommen? Und wie lange, bis einen dieser Leidensdruck überrollt?

Für aufmerksame Leserinnen und Leser

Neben visuell beeindruckender roher Action, verrückten Monster-Designs und Science-Fiction Technologie nimmt sich Static allerdings auch einiger menschlicher Themen an. Von Beginn an wird klar, dass unser Protagonist nicht gerade ein gesundes Leben führt. Doch darüber hinaus ist Emmett dies auch bewusst und der Wunsch nach Besserung wird ohne jeden Zweifel klar. Der Job als Großwildjäger, Clays Experimente, die Verbindung zur gewalttätigen Biker-Gang und die Drogen machen ihn nicht gerade zum Vater des Jahres für seinen Sohn (ein Story-Strang, der etwas mehr ausgebaut sein könnte).

Static(c) Dark Horse Books

Wieso also das nächste Wesen erlegen? Wieso die unmoralischen Tierversuche weiter damit fördern? Warum nicht mit dem schlechten Umgang brechen? Wozu das nächste Käfer-High? Static stellt dieselben Fragen, die viele von uns sich im Laufe des Lebens stellen. Wieso jeden Tag den unliebsamen Job weitermachen? Was hält uns ab, mehr für unsere Gesundheit zu tun? Uns schlechter Angewohnheiten zu entledigen? Was versperrt uns den Weg, nach dem wir uns eigentlich sehnen?

Je länger und je weiter wir von unseren Vorstellungen abweichen, umso mehr bilden Gewohnheit und Schuld einen Käfig, der uns – wie auch Emmett in Static – gefangen hält. Ablenkung und Betäubung bilden den einfachen Weg, mit diesem inneren Konflikt umzugehen und statisch in unserem Käfig zu verweilen. Doch um langfristige Besserung zu erreichen, bedarf es Bewusstsein, Handeln aus eigenem Antrieb und der Disziplin den gewählten Weg auch dann zu verfolgen, wenn sich Hürden vor uns erheben. An diesem Punkt angekommen, kann der Ausbruch aus dem Gefängnis aus Eskapismus und Rausch gelingen. Ein Ausbruch, der in Emmett’s Fall etwas spektakulärer ausfällt, als zumeist in der Realität.

Das Gesicht im Spiegel

Auch Matt Lesniewski’s Zeichenstil ist nicht der saubere, klare, coole Stil eines Batman oder The Walking Dead Comics. Wenn die üblichen Superhelden-Comics ein professionelles Instagrammer-Selfie wären, dann ist Static das im Rausch schnell geknipste, leicht verschwommene aber weitaus authentischere Partie-Selfie.

Bereits in The Freak bewies Lesniewski seinen Mut zur Unkonventionalität. Asymmetrische, extrem ausgeprägte Körperformen werden durch leicht ausgefranste Linien geformt und Static scheut sich nicht, die unschönen Wahrheiten unserer Menschlichkeit zu zeigen – und zu betonen. Wie bei einem Betrunkenen oder einem Junkie wirken Emmett’s Handlungen oft ungelenk oder tollpatschig, erreichen in Adrenalin-getriebenen Überlebenskämpfen aber auch eine rohe Physikalität.

Static(c) Dark Horse Books

Wir fühlen uns an Saturday Morning Cartoons wie Ren & Stimpy erinnert, als wir die abgefahrenen Tier- und Monsterkreationen betrachten, Emmett halb im Entzugsschweiß ertrinkend herumstolpern sehen oder Clays manisches Gelächter samt hervortretender Adern erleben (müssen). Static will, dass wir uns ekeln. Static hält uns den Spiegel vor und fordert, dass wir unserer fehlerhaften Menschlichkeit ins Gesicht blicken, sie akzeptieren und – wie Emmett – lernen darüber zu stehen.

Ein Comic mit/für Mut

Static kann durch die rohe Kunst auf den ersten Blick einschüchtern. Belohnt aber rasch mit einer verrückten, bunten und ausdrucksstarken Story über einen verrückten Wissenschaftler, einen mit Ungeheuern ringenden Junkie – und über Selbstbestimmtheit und Verantwortung.

Static(c) Dark Horse Books

Es ist leicht Matt Lesniewski’s und Carlos Badilla’s künstlerisches Talent und Static’s wilde Samstag-Morgen-Cartoon Story zu genießen. Mutige Leserinnen und Leser jedoch lesen Static für das Bild, das Lesniewski von unserem täglichen Leben zeichnet. Meist mit weniger Frankenstein-Monstern und Flug-Affen-Wrestling sollten wir uns alle jeden Tag fragen: „Bin ich mit meinem Weg zufrieden? Kann ich zu meinen Taten stehen?“ Ist die Antwort „Ja“, dann ist Emmett’s Geschichte für euch bereits eine bekannte. Falls nicht, wird es vielleicht Zeit auszubrechen.

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