Spirit of the North 2 Test (PS5): Meditatives Abenteuer mit Fuchs
Mit Spirit of the North 2 begebt ihr euch in das Fell eines Fuchses, der seine Umgebung erkundet und zum Leben erweckt.
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Worum geht’s?
Spirit of the North 2 (zur Website) ist der Nachfolger des 2019 erschienenen, von der Kritik gefeierten Indie-Titels aus den Händen des US- Studios Infuse Studio unter dem Publisher Silver Lining Interactive. Das Abenteuer ist auf PlayStation 5, Xbox Series X/S sowie dem PC verfügbar. Das Studio bewirbt seinen Nachfolger als umfangreicher, atmosphärisch intensiver und spielerisch vielfältiger als der erste Teil. Besonders stolz ist man auf die Unreal Engine 5, die eine nordisch inspirierte, offene Spielwelt zum Leben erwecken soll. Das Spiel verspricht eine stille, wortlose Erzählung einer emotionalen Reise durch mystische Landschaften.
Es wird angetrieben von nordischer Mythologie und visuellen Storytelling-Elementen, die an Meisterwerke wie Journey oder Shadow of the Colossus erinnern. Wir schlüpfen erneut in die Rolle eines Fuchses und werden dieses Mal von einem weisen Rabengefährten begleitet, um verdorbene legendäre Wächter zu befreien und die Welt vor dem finsteren Schamanen Grimnir zu retten. Das klingt schon recht ansprechend, und mit umfangreichen Personalisierungsoptionen und über dreißig verschiedenen Runen zur Charakterentwicklung bewirbt sich Spirit of the North 2 als ein Abenteuer, das bei jedem Durchspielen anders aussehen kann.
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Die erste Begegnung
Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem wir einfach einen generischen Fuchs übernehmen, dürfen wir uns in einem detaillierten Editor unseren eigenen Fuchshelden zusammenstellen. Wir können nicht nur Fell- und Augenfarbe anpassen, sondern auch subtile Merkmale wie die Ohrenform, die Schnauzenspitze, die Schwanzbuschigkeit und sogar den Augenabstand bis ins kleinste Detail feineinstellen. Dies ist eine wunderbare Geste, die das Spiel sofort persönlich macht und eine emotionale Bindung aufbaut, bevor die eigentliche Reise überhaupt beginnt. Danach erwachen wir in einer verwaisten Ruine auf der Fuchsinsel in luftiger Höhe.
Die Musik setzt augenblicklich ein, eine sparsam eingesetzte Klaviermelodie, die die Melancholie wie ein unsichtbares Tuch über uns breitet. Der erste Kontakt mit den spielerischen Mechaniken offenbart sich jedoch mit einer gewissen Unbeholfenheit: Die Steuerung fühlt sich anfangs schwammig an, besonders bei den Sprungmechaniken, die später zum zentralen Spielprinzip werden. Der Rabe, unser neuer Gefährte, führt uns nach der Einleitungssequenz sanft durch das erste Kapitel, wobei die Kommunikation rein gestisch bleibt. Das ist eine Designentscheidung, die den Zauber bewahrt, aber manchmal auch verwirrend wirken kann.
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Erkunden und rätseln
Wenn wir uns in die Spielwelt begeben, offenbaren sich die größten Stärken wie auch die subtileren Schwächen von Spirit of the North 2 gleichzeitig. Das Spiel ist im wahrsten Sinne des Wortes ein großzügiges Abenteuer: Eine weitläufige Inselwelt wartet auf Erkundung, mit dichten Wäldern, schneebedeckten Gipfeln, nebelverhangenen Küstenlinien und finsteren Krypten voller uralter Geheimnisse. Das Gameplay funktioniert tatsächlich, folgt dabei aber einem Rhythmus, der nicht sofort zugänglich ist. Wir werden uns durch dichte Vegetation kämpfen, kleine Plattformabschnitte überwinden, versteckte Runen sammeln und Umwelträtsel lösen, es geht darum, Schalter zu betätigen, kleine Statuen zu verschieben oder Objekte zu finden, um neue Gebiete freizuschalten.
Das macht Spaß und funktioniert gut, allerdings nur dann, wenn wir uns eher auf eine gemächliche, meditative Spielweise einlassen können. Die erste Stunde offenbart bereits eine Eigentümlichkeit, die im Jahre 2026 ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint: Das Spiel führt euch weniger, als es vorgibt. Während es in den Tutorials andeutet, dass der Rabe ein unterstützender Ratgeber sein wird, verbringt ihr schnell gefühlt viel Zeit damit, einfach umherzuwandern und zu hoffen, die richtige Richtung zu finden. Das erzeugt einerseits ein echtes Gefühl von Erkundung und Freiheit, andererseits aber auch gelegentliche Frustration, wenn man die gleiche Schlucht fünfmal hin und her läuft, ohne den korrekten Weg zu finden. Die teils ungelenken Sprünge helfen nicht.
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Spirit of the North 2 kann Stimmung
Es gibt definitiv Augenblicke, in denen Spirit of the North 2 sein volles Potenzial ausspielt. Die Begegnungen mit den legendären Wächtern sind regelrechte Höhepunkte, gestaltet als rätselbasierte Begegnungen, die eine Mischung aus Umgebungserkundung, Timing und kreativem Denken erfordern. Der erste Wächter, ein riesiger schwarzer Vogel, ist ein Paradebeispiel: Wir müssen im richtigen Moment Schalter betätigen, um seine Krallen einzuklemmen, danach spezifische Objekte aus seinem Körper ziehen. Das Ganze ist choreographiert wie eine QTE-Zeremonie und nicht wie ein klassischer Kampf. Die Personalisierungsmechanik mit den über dreißig verschiedenen Runen ist ebenfalls beeindruckend durchdacht. Jede Rune verleiht eurem Fuchs neue Fähigkeiten: Wir können Fallschaden reduzieren, längere Zeit im giftigen roten Nebel verbringen, mit Hilfe des Raben über größere Abgründe gleiten oder schneller sprinten.
Das System ermuntert euch daher zur konstanten Erkundung, da neue Fähigkeiten stets neue Bereiche der Welt zugänglich machen. Und hier liegt ein brillanter psychologischer Kniff: Beim Sammeln von Kristallen und dem Freisetzen von Obelisken erleben wir eine Souls-ähnliche Mechanik, ohne dass es sich wie ein Kampfsystem anfühlt. Verliert ihr euer Leben, verliert ihr auch eure angesammelten Kristalle, könnt diese aber an der Sterbens-Stelle wieder aufsammeln. Dies geht allerdings nur beim ersten Versuch nach dem Tod. Das wiederum erzeugt ein echtes Gefühl von Gefahr und Bedeutsamkeit, auch wenn das Spiel an sich zum allergrößten Teil sehr friedlich wirkt. Die Musik ist ebenfalls ein unumstrittenes Highlight, ein sparsames, atmosphärisches Score, das manchmal nur aus wenigen Note besteht, aber emotional so kraftvoll wirkt, dass man sich unwillkürlich in die Spielwelt hineinziehen lässt.
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Die Technik des Spiels
Spirit of the North 2 läuft auf der Unreal Engine 5 und bietet auf PS5 zwei unterschiedliche Grafikmodi. Der Fidelity-Modus zielt auf natives 4K bei 30 fps ab, was eine schöne und detaillierte Szenerie bietet. Das funktioniert, denn die Lichteffekte sind hervorragend, besonders die dynamischen Lichter während des Wetterwechsels (Regen, Schnee, Aurora) wirken beeindruckend. Der Performance-Modus zielt auf 60 fps ab, erreicht diese aber nicht immer durchgehend und bringt einen recht oft auftretenden Pop-In-Effekt mit sich. Grafisch profitiert das Spiel enorm von seiner stilisierten, malerischen Ästhetik, die es vor übertriebener Detailverliebtheit bewahrt. Die Welt sieht aus wie ein interaktives Ölgemälde mit nordischen Inspirationen. Szenische Effekte wie Blätterwirbel, Schneefall und Nebelformationen sind beeindruckend, auch wenn die Pflanzenvielfalt teilweise recht karg wirkt. Der Sound ist eher die prägende Kraft des Spiels.
Das Musik-Score ist großartig komponiert, bestehend aus minimalistischen Stücken, die oft nur kurze, emotionale Melodien spielen, um die Stille nicht zu zerstören. Die Soundeffekte sind natürlich gehalten und bestehen aus Knistern von Laub unter euren Tatzen, dem Rauschen des Windes und dem Plätschern von Wasser. All diese Elemente erzeugen ein kohärentes Klanguniversum. Eine Sprachausgabe existiert nicht, da das gesamte Spiel wortlos bleibt, was die minimalistische Philosophie unterstreicht. Die Steuerung ist auf dem DualSense-Controller grundsätzlich ausgefeilte Arbeit. Das haptische Feedback ist subtil, aber präsent, Trigger-Effekte sind nicht überwältigend aggressiv und die Button-Belegung kann umfangreich angepasst werden, eine großartige Leistung im Bereich Zugänglichkeit. Allerdings, wie erwähnt, fühlt sich die Sprungmechanik anfangs schwammig an und benötigt einen Moment oder zwei zum Eingewöhnen.
Starkes Abenteuer, technische Schwächen
Spirit of the North 2 ist ein echtes Herz-und-Seele-Spiel: Es schlägt rhythmisch nach Atmosphäre, nach Erkundung, nach emotionaler Verbindung mit einer wunderschönen, traurig-wundersamen Welt. Die Mechaniken, die rätselbasierten Wächter-Begegnungen und die kontinuierliche Belohnung für gründliche Erkundung machen dieses Indie-Spiel zu einer wahren Freude für alle, die sich Zeit für meditative Gaming-Erfahrungen nehmen. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rabengefährten entwickelt sich organisch und verleiht dem Spiel eine emotionale Tiefe, die sich an Klassikern wie Journey oder The Last Guardian misst. Fans von Narrativen und atmosphärischen Spielen werden einiges finden, was es hier zu mögen gibt, aber leider war da auch die Technik.
Die technische Ausführung ist sehr mangelhaft: Performance-Probleme auf PS5, Clipping-Fehler und das bisweilen grobe Figuren-Modeling schmälern das Erlebnis spürbar. Zudem kann die Sprungmechanik frustrierend sein, und es gibt Phasen, in denen ihr gewissermaßen verloren durch die offene Welt treibt. Das Spiel ist, bei aller Schönheit, auch nicht für jeden geeignet. Jene, die nach konstanter Action oder linearem Storytelling suchen, werden hier zu wenig finden. Dieses Game trägt euch in den kalten, mystischen Norden und lässt euch einfach zwischen Ruinen, Wäldern und Tierbegleitern stehen. Wenn ihr Lust auf Exploring habt und einfach eine Zeit lang in virtueller Natur verbringen wollt, solltet ihr euch Spirit of the North 2 durchaus einmal näher ansehen.