Mari liest: Girlsplaining

von Marianne Kräuter 07.03.2020

Das V-Wort

Die Teenagerjahre eines jeden Mädchens sind voller Scham: Scham vor dem eigenen Körper, Scham vor der eigenen Sexualität, Scham davor „nicht so wie die anderen“ zu sein. Das wirksamste Mittel gegen Scham ist, offen über heikle Themen zu reden und sie auf diese Weise zu enttabuisieren. So wie Katja Klengel dies unverblümt und mit viel Humor in ihrer Comic-Kolumne Girlsplaining tut. Da geht es unter anderem um Körperbehaarung, Menstruationsbeschwerden, dem Entdecken der eigenen Lust und warum wir uns vor dem Wort „Vulva“ fürchten.

Für ihre Erzählungen greift die Autorin Situationen aus ihrer eigenen Pubertät auf, auf die sie als Endzwanzigerin zurückblickt und mit ihren inzwischen gewonnenen Erkenntnissen neu reflektiert. Dabei lässt sich im Nachhinein oft erkennen, wie ihr von ihrer Umgebung ein völlig falsches und schädliches Selbstbild aufgezwungen wurde, welches sie damals ungefragt annahm. Die geschilderten Szenarien dürften so ziemlich jeder Frau in unserem Kulturkreis und Alter bekannt vorkommen. Doch auch wenn jedes Kapitel einen ernsten Kern hat, bleiben die Geschichten mit Witz und popkulturellen Anspielungen der 90er und frühen 2000er durchgehend unterhaltsam.

Das Titelbild von Girlsplaining

(c) Reprodukt

Schwarz-Weiß-Rosa

Die Erzählungen werden von der grafischen Gestaltung des Buchs nahtlos aufgegriffen, indem es in seiner Aufmachung gekonnt mit weiblichen Stereotypen spielt: Vom in Schönschrift gehaltenen Titel bis zur Wahl ausgerechnet zartes Rosa als einzige Kontrastfarbe zu verwenden. Schön, dass als Gegensatz bereits am Umschlag ein Schlüpfer mit Binde an der Wäscheleine hängt und klar macht, dass hier kein Blatt vor den Mund genommen wird. Katja Klengels Zeichenstil reiht sich irgendwo zwischen Mangas der 90er und amerikanischem Independent-Comic ein. Etwas skizzenhaft, schnell zu erfassen und stets gerade so detailliert, dass das Auge daran hängen bleibt.

Girlsplaining: Katja entdeckt ihre Klitoris im Supermarkt

(c) Reprodukt

Wenn Frauen Frauen die Welt erklären

Wer sich grundsätzlich für feministische Themen interessiert, wird im Laufe seines oder ihres Lebens bereits über die meisten Fragestellungen des Buches gestolpert sein. Doch entgegen der Vermutungen, die der Titel aufkommen lässt, will Girlsplaining keinesfalls belehren, sondern vielmehr eine Entschuldigung an Katjas früheres Ich sein, sowie eine Solidaritätsbekundung an alle anderen Frauen, die diese oder ähnliche Erfahrungen in ihrer Pubertät durchlebt haben.

Ich finde allerdings, das man weitergehen kann, als in Girlsplaining bloß eine späte Katharsis für unangenehme Jugenderlebnisse zu sehen. Die einzelnen Geschichten regen auch zum Reflektieren und Handeln an. Nun da wir inzwischen erwachsen sind und es im Nachhinein besser wissen, können wir dafür sorgen, dass es unseren jungen Schwestern, Nichten und Töchtern nicht so ergeht. Wir können ihnen ein anderes Verständnis für ihren eigenen Körper, ihre Sexualität und ihre Rolle in der Gesellschaft vermitteln. Wir können den Kreis des Schweigens, der Scham und der Untätigkeit brechen, indem wir diese Themen offen ansprechen. Und Girlsplaining geht mit gutem Beispiel voran.

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