In Velo Veritas – das Urtopia Carbon E-Bike im Test

von Michael Neidhart 17.10.2022

Der Herbstwind bläst kalt ins Gesicht und die Oktobersonne schickt ihre warmen Boten durch das morgendliche Wien. Wer sich für den Weg in die Arbeit, auf die Uni oder die Schule morgens aufs Rad setzt, strampelt sich den Schlaf aus dem Körper und kommt im Idealfall bereits auf Betriebstemperatur an. Damit dieser Weg dann aber nicht zu anstrengend wird, setzen immer mehr Biker:innen auf die unterstützende Funktion des Elektroantriebs. Neben allerlei Designblüten gibt es nun ein weiteres optisches Zuckerl in diesem Segment, das Urtopia Carbon E-Bike. Der Name ist eine Kombination aus „urban“ und „Utopie“ und steckt sogleich die hohen Ziele dieses Projekts ab. In einer idealen Welt bewegen wir uns also elektrisch auf zwei Rädern durch den urbanen Dschungel. Das schweißnasse Hemd ist Schnee von gestern, Biker:in von Welt kommt erholt und mit gutem ökologischen Gewissen in die Arbeit.

Mit Urtopia nachhaltig unterwegs?

Das Thema Nachhaltigkeit und Elektromobilität ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert. Die Marketing-Abteilungen preisen sie, wer genauer hinsieht stößt aber schnell auf ein paar wichtige Fragen. Eigentlich ist ein Rad mit Elektromotor schwer als nachhaltig zu kategorisieren, braucht es den Motor in Wahrheit doch nicht wirklich. Bleibt dafür auf der anderen Seite das Auto dann öfters stehen, weil der Weg mit dem E-Bike weniger anstrengend ist als mit einem regulären Fahrrad, verschiebt sich die Perspektive. Wie bei vielen anderen Themen lohnt also der genaue Blick, vor allem auf die eigenen Gewohnheiten. Daraus folgen auch lustige sprachliche Blüten, schon öfters kam mir bei diesem Thema das Wort „Bio-Biker:in“ unter.

Sich neben den vielen europäischen Platzhirschen zu behaupten ist dabei gar nicht einfach. Urtopia, mit Sitz in Hongkong, versucht sich mit besonderem Design und einem speziell für Biker:innen wichtigen Thema abzuheben, dem Gewicht. Dank eines Carbon-Rahmens bringt das Urtopia lediglich 13kg auf die Waage. Für ein Stadtrad ist das ein toller Wert, schließlich tragen viele ihr geliebtes Bike gerne in die Wohnung oder ins Büro. Mit oder ohne Lift. Bei einem Preis von rund 3.000 Euro ist das auch eine gute Idee. Für mich als Vielfahrer ist das ein wichtiges Thema. Auch wer kein ängstlicher Mensch ist, überlegt es sich dreimal, ein so teures Gerät in der Großstadt einfach so an der Straße irgendwo anzuhängen. Für den Weg in die Arbeit oder wieder nachhause spielt das keine Rolle, für die kleineren Fahrten im Alltag ist das aber ein entscheidender Punkt.

Innere Werte zählen

Das Urtopia unterstützt Fahrer:innen mit einem 250W starken Motor, der das Bike auf bis zu 25km/h beschleunigt. Dank des eingebauten Drehmomentsensors wechselt das Rad nahezu reibungslos zwischen den drei Stufen und bis auf einen kleinen Ruck ist nichts davon zu bemerken. Der von Samsung gelieferte 360Wh Akku ermöglicht laut Hersteller eine Reichweite von bis zu 100km. Bei gleichmäßiger Fahrweise dürfte der Wert knapp erreicht werden. Wer sich etwas spielt und zwischendurch auch den Turbomodus verwendet, kommt auf immer noch gute 50-60km. Mit dem Turbo lässt sich dann sogar die 25km/h Grenze überwinden. Beim Ampelstart beschleunigt das Urtopia relativ zügig auf knapp 40km/h. Will man dieses Tempo halten, heißt es aber ordentlich kurbeln. Die Single-Speed-Übersetzung ist eher fürs gemütliche Cruisen gedacht.

Beim ersten Start fühlte ich mich gleich in meine Kindheit versetzt. Wie sicher für viele andere auch, gehörte K.I.T.T, der sprechende schwarze Pontiac Firebird Trans Am von Michal Hasselhoff, zu meinen absoluten Traumautos. Das lag nicht zuletzt an seiner sonoren Stimme und den grandiosen Gesprächen, die er mit Michael Knight führte. Ähnlich verhält es sich mit dem Urtopia. Auch wenn die Sprachsteuerung noch nicht ganz ausgereift ist, kommuniziert das Rad mit seinen Fahrer:innen und eignet sich bestens, um mit der Klingel aus dem Lautsprecher Passanten zu erschrecken. In dieser Preisklasse zwar ohnehin Vorraussetzung aber dennoch sei es erwähnt: falls ein Passant dann doch mal abrupt vors Rad springt, helfen die hydraulischen Scheibenbremsen beim Halten.

Smarte Bedienung

Um alle Funktionen dieses smarten Geräts zu nutzen, muss aber zuerst die App am Smartphone installiert werden. Damit wird das Rad personalisiert, der eigene Fortschritt getrackt und werden Features wie Licht, Hupe oder Diebstahlsicherung gesteuert. Der Lenker fungiert als Smartbar, in deren Mitte ein 24×24 Pixel Display als Anzeige dient. Große Zahlen zeigen die aktuelle Geschwindigkeit an, darunter ist der Akkustand und der aktuelle Modus abzulesen. Für Retro-Liebhaber:innen wie mich ein absolutes Plus. Die beiden Bedienknöpfe links und rechts dienen einmal zum Hoch- und Runterschalten der Unterstützung bzw. als Blinker (tatsächlich) und einmal als Klingel und Fingerabdrucksensor. Für gute Sichtbarkeit im Straßenverkehr sorgt das ARES-System. Vom Rücklicht aus werden zwei Lichtsignale auf den Boden projiziert, die dem nachfolgendem Verkehr die eigene Position deutlich machen. Ein gelungenes Feature.

Ich bin ein leidenschaftlicher Biker und nutze seit vielen Jahren mein geliebtes schwarzes Single-Speed, um damit durch den Wiener Stadtverkehr zu flitzen. An den Wochenenden zieht es mich dann raus in die Natur und auf mein bergaffines Zweitgerät. Sowohl mein Hintern als auch meine Beine sind es also gewohnt, viele Kilometer abzuspulen. Das hat auch eine grundlegende Skepsis gegenüber E-Bikes hervorgebracht, die das Urtopia tatsächlich ein wenig ins Wanken gebracht hat. Selten kam ich so unverschwitzt und entspannt in der Arbeit an. Besonders im zweiten Modus genügt gemütliches Pedalieren, um mit lockeren 25 km/h voran zu kommen. So weit so gut. Das bereits erwähnte ungute Gefühl beim Abstellen vor Geschäften lässt mich aber nicht los. Mein reguläres Stadtrad müsste ich schon jemandem schenken, damit er oder sie es mitnimmt. Beim gut 3.000 Euro teuren Urtopia bin ich mir da trotz Diebstahlsicherung nicht so sicher.

Strom in den Beinen - das Fazit

Sehr cooles Design, saubere Verarbeitung und ein fein austarierter Antrieb können die meiner Ansicht nach fehlende Alltagstauglichkeit nicht ganz wettmachen. Dabei kommt es aber tatsächlich auf den gewünschten Einsatz des Bikes an. Wer damit in die Arbeit fährt, einen sicheren Ort zum Abstellen hat und es als Alternative zum Auto sieht, schafft sich ein tolles E-Bike mit smarten Features und besten Fahreigenschaften an. Dafür muss aber relativ tief in die Tasche gegriffen werden und es gilt dasselbe, wie für andere E-Bikes dieser Preisklasse. Die große Mobilitätswende wird damit nicht ausgerufen, dafür ist der Absatzmarkt zu eng auf eine spezifische Zielgruppe zugeschnitten. Die Frage nach dem Tracking durch App und allerlei Sensoren im Rad selbst ist natürlich auch zu stellen. Dann sollte aber gleich das Smartphone und die Smartwatch auch zuhause bleiben.

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