Assassin’s Creed Valhalla (PC) im Test – Polierter Grieche, jetzt neu mit Wikingern!

von Max Hohenwarter 09.11.2020

Assassin’s Creed Valhalla führt nach zweijähriger Pause die Meuchelmörder-Saga fort. Seit der Odyssee im antiken Griechenland hat sich spielerisch trotz der enormen historischen Zeitspanne nicht viel getan, doch genug, um das Fortbestehen der Serie zu sichern und Fans zufrieden zu stellen.

Assassin’s Creed Valhalla – oder: Der mit dem Wolf schmust…

Die Geschichte von Eivor startet im Kindesalter. Bei einem nordischen Festgelage sollen die Clans von Varin, Eivors Vater und König Styrbjörn vereinigt werden. Kaum ist das geschehen fallen aber auch schon die wilden Horden von Kjotve dem Grausamen ein und damit endet das Festgelage in einem Blutbad.

Varin versucht das Blutvergießen zu beenden. Der grausame Clanchef bietet Eivors Vater an, den Clan und alle anderen Gäste im Tausch gegen sein Leben zu verschonen. Varin willigt in diesen Handel ein, ergibt sich kampflos und ist damit auch gleichzeitig seiner Ehre beraubt.

Doch kaum hat er unserem alten Herrn den Gar ausgemacht, pfeift der grausame Clanlord auf sein Versprechen und befiehlt seinen Schergen alle Anwesenden zu töten. Wir kommen nur knapp mit dem Leben davon. Weil aber Regen allein langweilig wäre und ein Kindheitstrauma für den kleinen Norweger nicht reicht, kommen wir auch gleich in die Traufe. Auf der Flucht wird Eivor von einem Wolf angegriffen.

Als der hungrige Isegrim schon seine Zähne an Eivors Hals gelegt hat, greifen Raben den Wolf an. Eivor nutzt diese scheinbar göttliche Intervention und kann sich mit einem beherzten Axtstreich grade so vor der Bestie retten. Plötzlich gibt es eine Störung im Animus. Assassin’s Creed Valhalla erklärt das mit einer Anomalie, dass aus welchen Gründen auch immer zwei Datenströme vorliegen.

Nun wählen wir das Geschlecht, mit dem wir fortan weiterspielen wollen. Entweder es geht nun als weibliche oder als männlicher Eivor weiter. Das mir das egal ist, überlasse ich es dem Zufall. In Stein gemeißelt ist diese Wahl aber auch nicht. Später im Spiel können wir jederzeit wechseln.

17 Jahre sind seit dem schicksalshaften Tête-à-tête mit dem Wolf vergangen. Ähnlich wie damals unser Vater finden auch wir uns – nun erwachsen – auf den Knien vor Kjotve dem Grausamen wieder. Der schwadroniert herum und klärt uns auf, dass wir ihn, von Rache getrieben, die letzten Jahre unermüdlich gejagt haben, um die Ehre unseres alten Herrn wieder herzustellen.

Selbstgefällig fummelt er uns mit der Axt unseres Vaters am Hals herum, erklärt, dass er uns gerne damit im Kampf den Gar ausmachen würde, aber er will uns die Chance auf einen ehrenhaften Tod nicht geben. Einsam und versklavt sollen wir uns zu Tode arbeiten. Er lässt uns mit seinen Lakaien zurück, ruft uns während seines Abzugs noch zu, dass der Name Eivor Wolf-Kissed für diese Welt tot ist.

Kaum ist Kjotve abgezogen, zerren uns die Sklavenhändler ins Boot. Erneut tauchen Raben am Himmel auf und wie schon damals bei der Begegnung mit dem Wolf nutzen wir die kurzzeitige Ablenkung unserer Häscher um ihnen zu zeigen, dass wir noch nicht bereit sind, abzutreten. Wir krümmen den Fiesewichten mehr als nur ein paar Haare und mit dieser frisch errungenen Freiheit, entlässt uns Assassin’s Creed Valhalla auch endlich ins eigentliche Spiel.

Assassin’s Creed Valhalla: Tutorial im hohen Norden

Nach dieser doch recht ereignisreichen Introsequenz eröffnet sich uns die Region Rygjafylke im verschneiten Norwegen. Hier lernen wir die grundlegenden aus Assassin’s Creed bekannten Spielmechaniken, aber auch einige der Neuerungen. Das grundsätzliche Open-World-Gameplay hat sich im Vergleich zu Assassin’s Creed Odyssey nur mäßig verändert. Ich konzentriere mich daher im Review auf die Neuerungen im Vergleich zum Vorgänger, anstatt nochmals alles zu erklären.

Wie eine Schachtel Pralinen

Beginnen wir bei der Kartenkunde. Hattet ihr im antiken Griechenland noch die Karte vollgepflastert mit Fragezeichen, ist die Karte in Assassin’s Creed Valhalla icon-mäßig ordentlich entschlackt. Lediglich drei Sorten von Punkten – weiße, blaue und goldfarbene – befinden sich auf der Karte. Dazu gesellen sich noch die bekannten Adler-Aussichtstürme, mit denen ihr den Nebel lüftet und gekreuzte Äxte, die euch anzeigen, dass ihr an diesen Orten lohnende Raubzüge durchführen könnt, auf denen ihr Vorräte und Rohstoffe erbeuten könnt.

Weiße Punkte stehen für Artefakte, die euch neue Vanity-Items, wie Langschiffs-Deko oder Tattoo-Designs bringen. Blaue Punkte verweisen auf Mysteries. Dahinter verstecken sich kleinere Nebenbeschäftigungen, wie die Animus-Anomalien in denen wir mit Leyla kleine Kletter-Parcours  erklimmen und an deren Ende wir Datenpakete finden, die uns mit kurzen Videoclips der ersten Zivilisation belohnen.

Auch Mini-Sidequests, in denen wir beispielsweise zwei Nordmännern helfen, ihre zu Übungszwecken errichtete Hütte abzufackeln, erwarten euch manchmal bei einem blauen Punkt. Dumm nur, dass die beiden Dumpfbacken erst nach unserer Zündelhilfe feststellen, dass sie die Wertsachen darin vergessen haben. Oder wir eilen einem Skalden zu Hilfe. Der hat die falschen Pilze verspeist und fühlt sich daher zur Kampfmaschine berufen. Im Alleingang will er ein Banditenlager ausräumen. Dass er dabei natürlich sehr schnell Staub frisst und wir seine „Schwammerlsuppe“ auslöffeln dürfen , ist selbstverständlich.

Zuletzt noch die goldenen Punkte: Dahinter verbergen sich sogenannte Wealth-Opportunities. Das sind manchmal Kisten mit Rohstoffen, Silber und Vorräten manchmal aber auch neue Ausrüstung oder gar Fähigkeitenbücher. Und das bringt mich dann im übernächsten Absatz auch gleich zum neuen Loot System, aber zuerst noch ein kleines Fazit zum neuen Exploration-System

Diese neue Art der Kartenmarkierung führt zu einem neuen Gefühl bei der Erkundung der erneut sehr lebendigen und schön detailliert gestalteten Spielwelt. Da sich die Activities erst kurz vor Erreichen eines Punktes wirklich ersichtlich sind, finde ich es persönlich um einiges reizvoller einfach durch die Gegend zu streifen und diese Einzusaugen, während ich neugierig bin, was mich wohl beim anvisierten Zielpunkt erwartet, oder um Forest Gump zu zitieren: “…wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man kriegt.”

Weniger ist manchmal mehr

Was bei Assassin’s Creed Odysseys Lootsystem wirklich nervig war, war der unendliche Schrott, den man an Waffen mit sich rumtrug, um es entweder zu zerlegen oder beim Händler gegen bare Münze zu tauschen. In Assassin’s Creed Valhalla hingegen freut man sich über jedes neu entdeckte Ausrüstungsstück. Jede Waffe spielt sich anders. Selbst zwei Einhand-Äxte spielen sich nicht unbedingt gleich.

Und damit die Waffen nicht schnell aussortiert werden müssen, könnt ihr sie in zwei Weisen verbessern. Einerseits könnt ihr die Qualität der Ausrüstungsstücke verbessern. Dies verändert sie nicht nur optisch, sondern fügt auch weitere Aufrüstmöglichkeiten und Runensockel hinzu. Die Runen fügen ähnlich wie in The Witcher 3 diverse Attributverbesserungen hinzu. Die Aufrüststufen, verbessern die grundsätzlichen Waffenwerte.

So steigert sich euer Powerlevel. Auch das ist neu, denn anstatt Stufenanforderungen spiegeln die Quests und Landstriche ihre Schwierigkeit mit einem minimalen Powerlevel wieder. Letzteres steigert sich aber nicht nur durch Ausrüstung, sondern auch durch investierte aktive und passive Skillpunkte im neuen Skillsystem. Das erinnert durch seine ineinander verästelten drei Skilltrees und miteinander verbundenen Sternenbildern ein bisschen an Skyrim.

Assassin’s Creed Valhalla – ein Souls-Like?

Auch die spektakulären Spezialangriffe aus Odyssey sind wieder mit an Bord. Wenn ihr genügend Adrenalin aufgebaut habt, springt ihr eure WidersacherInnen frontal an und treibt ihnen eure Axt ins Fleisch, enthauptet sie mit einem Wurfspeer oder feuert in einer Art Bullet-Time in schneller Abfolge mehrere Pfeile auf eure GegnerInnen. Nicht neu, aber immer noch schön anzuschauen.

Aber nur weil diese Angriffe noch gleich sind, bedeutet das nicht, dass sich das Kampfsystem nicht verändert hat. Ganz im Gegenteil. Ihr habt jetzt einen Ausdauerbalken, der eure Ausweichmoves und Angriffe limitiert. Außerdem fühlen sich die Waffen etwas schwerfälliger an. Mich erinnert diese Trägheit etwas an Dark Souls.

Generell sind die Kämpfe auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad durchaus fordernd erst recht, da ihr euch nicht mehr automatisch heilt, sondern ähnlich der Estus-Flasche aus Dark Souls nur begrenzte Heilrationen mit euch führen könnt. Oder aber ihr hofft, dass ihr in der Umgebung eurer Kampfhandlungen einen Beerenstrauch findet, sollte euch mal das Futter ausgehen.

Neues nach Formel: Willkommen in Ravensburp

Weitere Neuigkeiten hat sich Assassin’s Creed Valhalla das ganz nach Wikingertradition auch beim hauseigenen Far Cry New Dawn geplündert. Aber mal ehrlich: Ubisoft wäre nicht Ubisoft, wenn sie nicht klassisch ein Sammelsurium aus anderen Spielen in weitere Iterationen ihrer eigenen Marken einbauen würden. Entsprechend findet sich wie im postapokalyptischen Open-World-Shooter diesmal Basenbau in Assassin’s Creed Valhalla.

Euer Dorf errichtet ihr gleich ab Ankunft in England. Eivor gibt dem neuen Dorf den Namen Ravensthorpe. Ich nenne es liebevoll Ravensburp, weil sich der zweite Wortteil irgendwie nach Bäuerchen anhört. Hier baut ihr jedenfalls diverse Hütten und Behausungen.

In den Baracken könnt ihr eure Plünder-Crew im Detail anpassen und Jomsvikings – SöldnerInnen anderer SpielerInnen – anheuern.Im Stall rüstet ihr euer getreues Schlachtross und euren Späher-Raben auf und in der Fischerhütte verkauft ihr eure Fänge – richtig: ebenfalls wie in Far Cry 5 gibts jetzt ein Angel-Minispiel. Außerdem habt ihr Zeit, eure Clansmitglieder in kleineren Worldevents kennen zu lernen und Quests von ihnen anzunehmen.

Assassin’s Creed Valhalla - Polierter Grieche, jetzt neu mit Wikingern:

Keine Frage: Assassin’s Creed Valhalla ist ein gutes Spiel. Es macht Spaß und stülpt der bekannten Open-World-Formel eben anstatt einer griechischen Tunika jetzt einen Nordmänner-Wams über, würzt es mit zwei, drei Elementen aus Far Cry und verfeinert das Kampfsystem mit einer Prise Dark Souls.

Es verschlankt sinnvoll beim Lootsystem, modelt das Skillsystem um, gestaltet es rollenspiellastiger und außerdem sorgt es in Sachen Erkundung für Überraschungen. Leider kübelt Assassin’s Creed Valhalla auch eines meiner Lieblingsfeatures aus Odyssey – die Schiffskämpfe. Gut: das würde historisch nicht passen, entsprechend ist das zu verzeihen, aber rumgesudert will ich trotzdem haben. Auch die Massenschlachten die ich super cool fand erfuhren eine Veränderung und sind jetzt mehrstufige Burgbelagerungen

Dafür gibt es die Kampf-Fähigkeiten wieder, die schon ordentlich imposant aussehen und an diesen und den neuen Stun-Finishern kann ich mich momentan noch schwer sattsehen. Und bei über 20 Gegnertypen gibts auch genügend Probanden für eure Metzeltechniken. Technisch ist es großteils sauber bis auf kleinere Bugs und Glitches, an deren Behebung aber sicher schon geschraubt wird.

Summa summarum zeichnet sich trotz allem Feintuning und trotz kleinerer Neuerungen wie dem Flyting, dem kurzweiligen Würfelspiel Orlog und ähnlichem Kleinkram mit jeder weiteren Iteration seit der durch Assassin’s Creed Origins eingeläuteten Evolution der Serie zunehmend wieder die klassische Ubi-Formel ab.

Mit dieser polierten Wikinger-Version von Assassin’s Creed Odyssey hat man sicher lange Spaß. In diesem Sinne: Skal!

Wertung: 9.1 Pixel

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