Die Geister, die ich rief… – Oxenfree im Test

von Marianne Kräuter 31.10.2017

Zu Samhain zieht sich der Vorhang zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten zurück. Welche Nacht wäre also besser dazu geeignet in Oxenfree mittels Radiowellen mit rachsüchtigen Geistern in Kontakt zu treten als die heutige?

Spannung auf den zweiten Blick

Ich wusste sehr wenig über Oxenfree, als ich es startete und war die ersten zwanzig Minuten lang fest davon überzeugt, es nicht zu mögen, ehe es mich packte und bis zum Schluss der 4 bis 5 Stunden Spielzeit nicht wieder losließ.

Das liegt zum einen an der Geschichte, die einem zu Beginn vorgaukelt, es ginge darin bloß um eine Gruppe Teenager, die einen Wochenendausflug auf eine einsame Insel unternimmt, um dort am Strand bei Lagerfeuer und Bier zu feiern und Zickenkriege zu führen. Nun, ich hätte es besser wissen müssen. Denn bald nimmt die Handlung rasant Fahrt auf: Als unsere Protagonistin Alex mit ihren Freunden eine Höhle untersucht und dort einem Mythos nachgeht, laut dem man mit einem Radio übernatürliche Frequenzen empfangen kann, zieht sie die Aufmerksamkeit rachsüchtiger Geister auf sich. Der Rest der Nacht wird so zum wilden Wettlauf gegen die Zeit, um ihre Freunde und sich selbst vor den Phantomen zu retten und von der Insel zu entkommen.

Zum anderen wäre da die ungewöhnliche grafische Darstellung: Für ein Spiel, das seinen Reiz hauptsächlich aus der emotionalen Bindung zieht, die man mit dessen Charakteren aufbaut, ist die Kamera äußerst weit vom Geschehen entfernt. Vermutlich war es für das kleine Studio auch eine praktische Überlegung, so keine Gesichter animieren zu müssen und den Detailgrad auf ein Minimum beschränken zu können. Es mag zunächst gewöhnungsbedürftig sein, doch irgendwann füllt die eigene Fantasie – ganz wie beim Lesen – die Lücken aus, die der reduzierte Grafikstil hinterlässt. Und der weite Blick über die nächtlichen Pastell-Landschaften der verlassenen Insel trägt seinen Teil zur unheimlichen Stimmung bei.

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Gespenstisch gute Klänge

Auch was die Dialoge angeht, musste ich mich ein paar Minuten lang eingewöhnen. Ist ja schließlich nicht so, als wäre ich jeden Tag von spritzigem, schnellen und schlagfertigen Teenager-Slang in amerikanischem Englisch umgeben. Leute mit guten Englischkenntnissen haben sich nach ein wenig Zeit jedoch eingehört und genießen die in punkto Tonfall und Tempo wohl realistischsten Dialoge der Videospielgeschichte. Die SprecherInnen machen durch die Bank einen fantastischen Job und hauchen den Figuren Leben ein. – Untertitel gibt es bei Bedarf auch in Deutsch.

Der Rest der Klangkulisse entpuppt sich ebenfalls als geheimer Star von Oxenfree: Unheimliche Nachtgeräusche, das statische Rauschen des Radios, die gruseligsten Geisterstimmen, die ich je gehört habe, und ein Soundtrack, der für Anspannung sorgt, ziehen einen in die Geschichte.

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Lauf, Alex, lauf!

Um Alex und ihre Freunde durch diese Nacht zu leiten, laufen und springen wir von einem Ziel zum anderen durch die unterschiedlichen Gebiete der Insel, quatschen mit den anderen ProtagonistInnen und zücken hin und wieder unser Radio, um damit kleine Aufgaben zu lösen.

Das Dialogsystem lässt uns in drei Optionen dabei stets die Wahl, welche Antwort Alex ihrem Gesprächspartner geben möchte, oder ob sie überhaupt etwas sagt. Die getroffenen Entscheidungen formen dabei nicht nur maßgeblich Alex‘ Charakter, sondern haben auch gravierende Auswirkungen auf weitere Dialoge und das Spielende. Das und die vielschichtige Geschichte, die viele Fragen unbeantwortet sowie Raum für reichlich Spekulationen lässt, sorgen für Wiederspielwert.

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Das einzige, worüber ich letzten Endes tatsächlich ordentlich zu meckern habe, ist die Steuerung. Die Figuren sind so langsam und träge, dass ich selbst während der kurzen Spielzeit geflucht habe, wenn ich mal wo kurz falsch abgebogen bin und den Weg zurücklaufen musste. Die fesselnde Geschichte, die viele Fragen aufwirft, wird durch einige optionale Funde, wie Briefe, Geheimmorsecode oder Funkanomalien bereichtert. Doch selbst die Aussicht auf weitere Puzzleteile zur Lösung des Mysteriums, war es mir die Mühe nicht wert, mit der sich so plump steuernden Alex die Insel nochmals abzugrasen. Schade, dass dieser eine Aspekt, das Spielerlebnis so kompromittiert.

Olly olly oxen free

Dennoch möchte ich Oxenfree allen ans Herz legen, die atmosphärisch dichte Thriller mit übernatürlichen Elementen – wie z.B. Stranger Things oder Stories Untold – mögen. Die träge Steuerung verhindert zwar, dass aus dem Spiel ein sehr gutes wird, doch die fesselnde, vielschichtige Handlung, der ungewöhnliche, stimmige Grafikstil und die grandiosen vertonten Dialoge sorgen insgesamt für ein lohnendes Spielerlebnis.

Wertung: 7.3 Pixel

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