Bugonia Filmkritik – Emma Stone in Höchstform
Den Anfang von Bugonia macht eine Blume. In Nahaufnahme beherrscht sie das Bild, während der begleitende Off-Kommentar von Teddy Glatz (Jesse Plemons) davon erzählt, wie wichtig Bienen für unsere Nahrungsmittel sind und dass sie vom Aussterben bedroht seien. Diese Allegorie auf das Big Business unterläuft Teddy jedoch sofort mit seinem Verweis auf Aliens, die er für alles Schlechte und Verderbte in der Welt verantwortlich macht. Gegen sie kämpfen Teddy und sein geistig beeinträchtigter Cousin Don (Aidan Delbis). Teddy verfolgt dabei einen Plan, und schon zu Beginn wird klar, dass Don dabei kaum mehr als ein ausgenutzter Handlanger ist.
Gut vorbereitet
Training und ideologischer Unterbau der ersten zehn Minuten von Bugonia sind auf genial einfache Weise mit dem auf Longevity optimierten Fitnessprogramm von Michelle Fuller (Emma Stone) zusammengeschnitten. Abwechselnd laufen Teddy, Don und Michelle ihre Runden in einem selbst gebauten Hamsterrad. In erstaunlich kurzer Zeit sind die Positionen klar: auf der einen Seite die Abgehängten, die sich über Social Media und Podcasts ihre eigenen Echokammern schaffen; auf der anderen Seite die High Performerin, die alles für Gesundheit und Aussehen tut, als CEO eines Pharma-Riesen von Diversität spricht und sich gleichzeitig darüber beschwert, dass im vorbereiteten Statement zu oft das Wort diversity vorkommt. Das alles ist nicht neu, weshalb der gefeierte Giorgos Lanthimos auch keine Zeit darauf verschwendet, es ausführlich zu erklären.
Schon der Titel Bugonia deutet an, dass hier mehr hinter den Bildern steckt. Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff beschreibt die antike Vorstellung, dass Bienenvölker aus Rinderkadavern entstehen könnten. Und ähnlich wie viele antike Erklärungsmodelle aus mangelndem Wissen resultieren, verhält es sich bekanntlich auch mit Verschwörungstheorien. Das hindert die beiden Abgehängten nicht daran, Michelle zu entführen, da Teddy sie für ein Alien hält. Genau diese Aliens stecken seiner Überzeugung nach hinter nahezu allen Problemen seines Lebens. Die Wahrheit baut sich Teddy selbst zusammen ebenso wie das Modell von Michelles angeblichem Mutterschiff, das er am Laptop rendert. „Du musst mir glauben, ich habe recherchiert“, antwortet er auf Dons Fragen, woher er das alles weiß.
Big Business
Emma Stone spielt das Paradebeispiel einer modernen CEO. Sie trainiert fleißig am Laufband, natürlich mit Atemmaske zur Messung der Sauerstoffsättigung, übt Kampfsport und fährt einen dicken Mercedes. Sie leitet einen riesigen Pharma-Konzern, im Büro hängen die obligatorischen Fotos mit Prominenten und Politiker*innen, und weil es gerade en vogue ist, spricht sie davon, dass ihre Angestellten sich nicht überarbeiten sollen. Diese geheuchelte Progressivität entlarvt Lanthimos geschickt mit einfachen Aussagen wie: „Feel free to leave early – unless you have work to do, of course.“
Ein Anker zur Realität ist der leicht beeinträchtigte Cousin Don. Aidan Delbis, der selbst im Autismus-Spektrum liegt, spielt diese Rolle brillant und verkörpert so etwas wie Teddys Gewissen, auch wenn Teddy dieses konsequent ignoriert oder verdrängt. Auf jede von Dons Fragen hat er sofort eine Antwort parat und seine Erklärungen gehören zu den besten Textpassagen des Films. Beim Erkennen von Aliens sei es wie beim Steakbraten: Wer es oft genug macht, weiß einfach, wann es medium ist. Solche Szenen brechen die Absurdität der Geschichte immer wieder auf und das ist nötig, denn allzu oft erinnern die Dialoge (oder vielmehr die Streitgespräche) zwischen Michelle und Teddy an endlose Diskussionen in dunklen Internetforen.
Bugonias Kritik an der Gesellschaft
Wofür steht die Figur von Emma Stone? Für Big Business, Pharma-Konzerne, politische Netzwerke und geheuchelte Progressivität. Teddy glaubt Michelle unter anderem deshalb nicht, dass sie ein Mensch ist, weil sie für ihre 45 Jahre viel zu jung aussieht. Wer mit der Longevity-Dokumentation von Chris Hemsworth vertraut ist, wird sich an dieser Stelle ein Schmunzeln kaum verkneifen können.
Das Feindbild ist klar abgesteckt und funktioniert selbst dann, wenn Michelle tatsächlich kein Alien sein sollte. Allein als CEO eines großen Pharma-Konzerns kann sie für viele Probleme verantwortlich gemacht werden, etwa für das Bienensterben. Deutlicher wird dieses Bild durch einige in schwarz-weiß gehaltene Rückblenden, die die gesundheitlichen Probleme von Teddys Mutter zeigen.
Am schrägsten ist in diesem Kontext die Figur des Polizisten. Er war einst Teddys Babysitter, und es wird klar, dass damals etwas vorgefallen sein muss. Das wäre zumindest die einzig logische Erklärung für die halbherzige Suche der Polizei nach der Entführten. Das große Finale bildet schließlich ein Twist, und spätestens hier überzeugt Emma Stone auf ganzer Linie.
Fazit zu Bugonia
Teddy und Don sind Prototypen moderner Verschwörungstheoretiker. Teddy hat viel erlebt und sich dadurch von der Welt der Fakten verabschiedet. Mehr als einmal bittet ihn Michelle, doch einen Dialog zu führen, doch daran sind letztlich beide nicht interessiert. Manche Szenen schmerzen regelrecht beim Zusehen, Lanthimos gelingt es jedoch, die Tragik der Geschichte an den richtigen Stellen durch Satire so zu überhöhen, dass Lachen unausweichlich wird.
Begleitet wird der Film von einem grandiosen Soundtrack, der in düsteren Momenten dramatische Orchestermusik einsetzt, um kurz darauf Teddys Arbeit mit seinen Bienen sanft zu untermalen. Bugonia oszilliert zwischen harter Gesellschaftskritik und Szenen, die fast körperliche Schmerzen verursachen. Emma Stone nutzt dafür ihren ganzen Körper, und so reiht sich der Film in ihre bisherigen Arbeiten mit Giorgos Lanthimos ein, auch wenn er nicht ganz die Qualität von Poor Things (2023) erreicht.
Bugonia ist bereits auf mehreren Plattformen digital erhältlich!