Alte Liebe rostet doch nicht: Der Assassin’s Creed Origins Test

von Max Hohenwarter 30.10.2017

Klettern, totkontern und Kisten – rein zwecks Achievement natürlich – plündern. So in etwa lief das über gefühlt 100 Serienteile bei Assassin’s Creed. Zumindest bis Ubisoft vor zwei Jahren nach Syndicate die Reißleine zog und der Meuchelmörderserie eine Pause gönnte. Warum diese Pause die wohl beste Entscheidung der französischen EntwicklerInnen seit langem war und warum der neue Serienteil trotzdem ein Ubi-Formel-Game ist, lest ihr in meinem Assassin’s Creed Origins Test

Rache – ein Gericht, das…

… am besten so oft serviert wird, dass die ausgeübte Selbstjustiz als Storyskelett zwar gerade noch annehmbar, aber im gleichen Maße fast schon zu gleichen Teilen so redundant wie ethisch-moralisch vertretbar ist. So breit getreten dieses Motiv auch ist, kalt serviert funktioniert es sogar in der x-ten Open-World-Iteration, diesmal eben in der brütenden Hitze Ägyptens. Aber für meinen Assassin’s Creed Origins Test will ich mal einen Gang zurückschalten und erst mal erklären, wer der neue Held denn überhaupt ist.

Bayek ist ein Medjay. Als solcher dient er zwar offiziell nur dem Pharao, aber eigentlich ist er genau genommen eine Art Beschützer und Wächter aller ÄgypterInnen. Doch sein Berufsstand ist eigentlich ein scheidender. Geschuldet ist das der Tatsache, dass diese Volks-Wächter ein Überbleibsel des alten Reiches sind. Diese Kultur befindet sich aber aufgrund der seit 200 Jahren währenden Griechischen Fremdherrschaft durch die Ptolemäer am absteigenden Ast. Das ist eigentlich nur eine nette Ausdrucksweise für: sie ist faktisch tot.

Das ist übrigens auch Bayeks Sohn und wer genau daran wie in welchem Umfang verantwortlich ist und warum, will ich natürlich in meinem Assassin’s Creed Origins Test nicht vorwegnehmen. Dass die Story wieder auf die klassischen, wie ebenso ausgelutschten Rachegelüste setzt, war mir aber eigentlich fast schon klar, bevor ich meinen Assassin’s Creed Origins Test überhaupt anging.

Mal ehrlich: gibt es überhaupt irgendeinen anderen Aufhänger für ein Open-World-Game? Wie dem auch sei: so abgegriffen das grundsätzliche Storykonstrukt auch sein mag, Assassin’s Creed Origins erzählt sie wenigstens auf eine durchaus interessante Weise mit starken ProtagonistInnen wie Bayek und Aya und natürlich den obligatorischen historischen Persönlichkeiten. In Origins wären das unter anderem Julius Cäsar und seine spätere Angetraute, Kleopatra.

Achja: Gegenwartsgedöns gibt es natürlich auch wieder, aber vergesst das am besten gleich wieder, denn das ist – wie ich in meinem Assassin’s Creed Origins Test feststellen muss – der bisher wohl langweiligste Umsetzungsversuch seit Anbeginn der Reihe. Aber hey: Immerhin ist die Person im Animus mal eine Frau.

No more strings attached!

Die erste und wohl wichtigste Neuerung für ein Action-Game wie Assassin’s Creed Origins betrifft die Steuerung und die Kämpfe. Seit Teil 1 war es das sogenannte Puppenspieler-System, das mich meinen Helden, respektive meine Heldin in einer eher steifen Art und Weise in die Kämpfe führen ließ. Egal ob ich zur Abwechslung mal eine/n GegnerIn mit diversen Gadgets oder Feuerwaffen ins Nirvana geschickt habe, letztlich lief es immer auf die eingangs beschriebene Totkonter-Mechanik hinaus. Sprich: mit passend getimtem Tastendruck zu einem letalen Konter anzusetzen und so 20 Gegner, die zudem brav nacheinander aber niemals zeitgleich angriffen, Staub fressen zu lassen. Das fühlte sich ja durchaus awesome an, aber Herausforderungen sehen anders aus.

Bayek hat einen Vogel

Gleich beim ersten Anzocken während meines Assassin’s Creed Origins Test offenbaren sich da zwei fundamentale Neuerungen. Erstens gibt es nun erstmals die Möglichkeit, einen von drei Schwierigkeitsgraden zu wählen, wobei der schwere Modus tatsächlich ziemlich herausfordernd ist und zweitens gleichen die Kämpfe nun eher denen aus Zelda. Ich fokussiere einen Gegner an, tänzele um ihn herum und versuche, durch leichte, schwere und Schildbruch-Attacken das Gegenüber zu Kleinholz zu verarbeiten und mittels geschickter Dodges selbiges für Bayek zu vermeiden. Instakills gibt es in offenen Auseinandersetzungen schlicht nicht mehr. Zudem attackieren mich nun mehrere unterschiedlich bewaffnete Kontrahenten gleichzeitig und ein komfortables Warnzeichen, wie beispielsweise in Mittelerde: Schatten des Krieges, dass gleich ein Pfeil in meinem Knie steckt, gibt es auch nicht.

Das ist auch dem etwas RPG-lastigeren Spielgefühl von Assassin’s Creed Origins geschuldet. Fortan haben ähnlich wie in Assassin’s Creed Unity alle GegnerInnen Level und eine/n FeindIn, der/die nur wenige Level über dem meinen ist, wird durch Attentate maximal noch schwer verwundet. Die fröhliche Meuchelei zwischendurch zum Ausdünnen der gegnerischen Übermacht funktioniert nur noch bedingt. Um meine Chancen trotz niedrigerem Level etwas zu erhöhen ist es natürlich unerlässlich, meine Umgebung zu kennen. Wie schon in Far Cry Primal mache ich das in meinem Assassin’s Creed Origins Test erneut mit einem Vogel, meinem getreuen Adler Senu. Hilft auch das nichts, um der Schar an Römern et al Herr zu werden, mache ich es nach klassischer Rollenspiel-Manier: Ich grinde ein bisschen und suche diesen Bereich der Spielwelt später nochmal auf, um den FeindInnen gewachsen zu sein.

Looten und Leveln… und klettern

Zum Glück gibt es etliche Möglichkeiten, stärker zu werden. Mittels Crafting werte ich Bayeks Ausrüstung auf. So teile ich mehr Schaden aus, habe mehr Platz in meinem Köcher für verschiedene Pfeile oder stecke dank verbessertem Rüstungswert auch mehr ein. Zudem gibt es nun drei Skilltrees, auf denen ich nach Herzenslust herumbasteln darf um dem letzten Medjay seinen Trip durch Ägypten zu erleichtern.

Das Land am Nil bereise ich übrigens sowohl auf dem Rücken von Kamelen und Pferden, wie auch auf dem Wasserweg, indem ich mir eines der Boote meiner Mitmenschen ausleihe – und ja: ein Medjay nimmt das mit dem Leihen ernst und gibt es nach geschehener Überfahrt wieder an die BesitzerIn zurück. 😉

Auch die Kistensucherei macht nun endlich Sinn. Waffen, die ich in allen Ecken und Enden der Spielwelt finde, aber auch kaufen und bei Schmieden aufrüsten kann, motivieren mich auch den letzten Winkel der toll gestalteten ägyptischen Spielwelt zu erforschen. Das Aufdecken der Umgebung passiert natürlich mal wieder mittels Synchronisation an Aussichtspunkten, die erklommen werden wollen. Collectibles gibt es Ubi-typisch zwar auch, aber auch hier sponnen die EntwicklerInnen eine nette kleine Rahmenhandlung um diese Tradition etwas besser ins Geschehen einzufügen.

Die Wüste lebt

Mit ihren abwechslungsreichen Städten – beispielsweise Alexandrien und Memphis – Grabmälern, Oasen und sonstigen Hotspots zählt das alte Ägypten zu den bisher besten Spielwelten, die es je in einem Assassin’s Creed Game gegeben hat. Außerdem finde ich überall nette Nebenquests. Die sind zwar, was die Aufgabenstellung betrifft nicht wirklich herausfordernd und auch nicht so vielschichtig, wie die Questreihen aus der Hauptstory, aber durchaus nett erzählt.

Eine verzweifelte Ehefrau bittet mich, ihren Trunkenbold von Mann zu finden. Dass der sich erst gar nicht erinnert, überhaupt eine Frau zu haben, schreibe ich erst einmal dem Wein zu. Aber auch hier gibt es einen netten Twist, wie ich bei erreichen der vermeintlich Liebsten feststelle. Oder das Buch der Toten, das einem todkranken Mann gestohlen wurde und das ich ihm wieder beschaffen soll, damit er zu seiner Frau ins jenseits gehen kann. So ein Medjay hat schon einiges zu erledigen, wie ich während meines Assassin’s Creed Origins Test oft genug feststellen kann.

Der Assassin’s Creed Origins Test - das Fazit

Ich habe mir eigentlich geschworen, diesmal hart mit Ubisoft ins Gericht zu gehen, denn seien wir mal ehrlich: das Wort Innovation ignoriert kaum ein Publisher so gekonnt, wie die FranzösInnen von Ubisoft. Stillstand ist das einzige Credo, dem die Assassinen seit einigen Jahren gefolgt sind. In meinem Assassin’s Creed Origins Test kann ich aber zu meiner Genugtuung feststellen, dass die Auszeit, die man sich bei Ubisoft nahm, der Serie an sich mehr als nur gut getan hat. Denn Origins mit den bisherigen Assassin’s Creed Spielen zu vergleichen, kommt einer Gegenüberstellung von Äpfeln und Birnen gleich. Wendet man selbigen Satz aber auf Origins und beispielsweise Far Cry 4 oder Primal an, so stelle ich in meinem Assassin’s Creed Origins Test fest, dass Ubisoft so formelhaft wie eh und je arbeitet. Die Schnittmenge zwischen Creed und Cry ist größer, als je zuvor.

Ist das nun schlecht? Ganz klar: Jein! Ubisoft wird mit Assassin’s Creed Origins bei den Leuten, die bisher schon die Formelhaftigkeit bei den Open-World Games der FranzösInnen kritisierten kein Leiberl reißen können. Eher das Gegenteil ist der Fall. Menschen wie ich hingegen, die an und für sich damit leben können, dass alle Ubi-Open-World Games konsiderable Gemeinsamkeiten aufweisen, solange das Spiel wenigstens handwerklich gut gemacht ist, Spaß macht und nicht fundamental verbuggt ist und einen guten Gesamteindruck hinterlässt, wird freuen, dass die Meuchelmörder-Serie nach fast zwei Jahren Auszeit wieder zurück ist und sich – rein auf die Serie bezogen – so frisch anfühlt, wie seit langem nicht.

Wertung: 9.1 Pixel

für Alte Liebe rostet doch nicht: Der Assassin’s Creed Origins Test von Max Hohenwarter
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