Far Cry Primal (PS4) im Test

von Max Hohenwarter 22.02.2016

Mit Far Cry Primal versucht Ubisoft frischen Wind in die Open-World-Shooter-Serie zu bringen. Und weil die Geografie nach Trips in die Südsee, die afrikanische Steppe und die verschneiten Höhen des Himalayas kaum mehr Neues bieten kann, mussten sich die EntwicklerInnen eben auf der Zeitachse austoben. Ich habe mich mit Hilfe von Far Cry Primal in der Steinzeit rumgetrieben und sage euch, ob der zeitliche Rückschritt für die nötige Evolution der Serie sorgt.

Damn u, Udam

Die Steinzeit ist kein Zuckerschlecken. Der tägliche Kampf ums Überleben wird nicht nur durch wilde Tiere ordentlich erschwert, sondern vor allem durch die rivalisierenden Stämme, die in Oros mit den Wenja, unserem Clan, um die Vorherrschaft streiten. Deren Stammesführer Ull ist ein ganz großes Ekelpaket. Mit seinem irren Blick und einer Visage, die am ehesten nach einer Mischung aus Verhackertem und einer Überdosis Gekuschel mit einem tollwütigen Säbelzahntiger aussieht, reiht er sich aber gut in die Riege seiner memorablen Vorgänger ein, auch wenn sowohl Pagan Min (Far Cry 4), als auch Vas (Far Cry 3) weit weniger von der Bettkante zu stoßen wären.

Far Cry Primal

Doch zurück zu seinen Untergebenen, den Udam. Dieser wilde, kriegerische und vor allem kannibalistische Stamm versucht die Wenja-Männer auszulöschen und zu fressen, um sich deren Kräfte anzueignen. Die Frauen hingegen werden gefangen genommen und wie Zuchtvieh als Gebärmaschinen missbraucht. Warum? Weil die Udam selbst ein aussterbender Stamm sind, der sich aufgrund von langjähriger Inzucht nicht mehr produktiv genug fortpflanzen und weiterentwickeln kann.

Die Izila

Im Süden von Oros hingegen lauert ein zweiter Clan, der weiter entwickelt ist, als die Udam.

Die Izila betreiben Ackerbau und leben in fortschrittlicheren Behausungen als die kannibalistischen HöhlenbewohnerInnen. Auch gesellschaftlich sind sie weiter entwickelt. Sofern man das behaupten kann, wenn sie es unter der Führung ihrer Matriarchin Qatari darauf anlegen, unseren Stamm zu versklaven. Man merkt schon: Unsere Antagonisten in Far Cry Primal sind absolute SympathieträgerInnen.

Far Cry Primal 1

Ständig bedroht von der feindseligen Urzeit-Fauna und den konkurrierenden Eingeborenen ist es als Bestienmeister Takkar fortan unser Ziel, unser in alle Himmelsrichtungen verstreutes Volk zu vereinen, wieder aufzubauen und die anderen Clans im Evolutionswettlauf zu schlagen.

Far Cry Primal = Ubisoft-Formel

Vielleicht habt ihr schon von der Theorie der sogenannten Ubisoft Formel gelesen, wonach mittlerweile fast alle Titel des Publishers, egal ob Assassin’s Creed, Watch_Dogs oder eben Far Cry nach dem selben Schema F funktionieren. Ähnliches lässt sich erneut über Far Cry Primal sagen. Der neueste Ubisoft-Spross erinnert starkt an bisher jede Auskopplung des Franchise (seit Teil 2): Ihr erkundet das wirklich weitläufige Oros, das in etwa die selbe Größe hat wie Kyrat in Far Cry 4, befreit Lager, die ihr dieses Mal sogar ausbauen und mit zusätzlichen Stammesmitgliedern besiedeln könnt, jagt Tiere, um an Ressourcen für Ausrüstungsverbesserungen zu kommen und zähmt Säbelzahntiger und vieles mehr. Achja: „Ubisoft-Türme“, die in Far Cry Primal als Lagerfeuer getarnt sind, jedoch die selbe Funktion haben, gibts natürlich auch wieder zu erobern. Sie dienen erneut als Schnellreisepunkte, denn logischerweise müsst ihr im Mesolithikum auf ein Tuk-Tuk oder einen Gyrocopter verzichten. Dafür könnt ihr auf einem Säbelzahntiger oder einem Mammut den einen oder anderen Meter gutmachen.

Von Bomber-Eulen und Richard Wagner

Genauer möchte ich noch auf die Beastmaster-Mechanik von Far Cry Primal eingehen. Das gabs im Vorgänger bereits in ähnlicher Weise! In den Shangri-La-Abschnitten hattet ihr die Kontrolle über euren mystischen weißen Tiger, den ihr auf die Gegner hetzen konntet. Der markante Unterschied in Far Cry Primal hingegen ist, dass ihr nicht nur auf das ehemalige Haustier von Siegfried und Roy beschränkt seid, sondern es euch freisteht, alle Land-Raubtiere zu zähmen, seid ihr doch der Beast-Master Takkar. Das funktioniert dann so: Ihr werft dem Begleiter eurer Wahl, sobald ihr ihn entdeckt und den nötigen Skill freigeschaltet habt, einen Brocken Fleisch zu und sobald er damit beschäftigt ist, geht ihr mit einer beruhigenden Geste an ihn heran und nach ein paar Beschwichtigungen, habt ihr einen neuen Bewohner in eurem Streichelzoo.

Far Cry Primal 2

Ein Mitglied hat diese Tiersammlung relativ von Beginn an. Eure getreue Eule, die Aufklärungs- und Angriffseinheit zugleich ist. Mit ihr könnt ihr die Umgebung nach Feinden absuchen, während ihr eurem anderen tierischen Begleiter Befehle erteilen. Oder ihr macht es auf die althergebrachte amerikanische Art und lasst euer Federvieh diverse Bomben abwerfen. Super! Fehlt nur noch Richard Wagners Walkürenritt!

Mammut im Porzellanladen

Auch wenn ihr – abseits eurer Eule immer nur einen aktiven Begleiter haben könnt, heißt das aber nicht, dass ihr jedes Tier zigmal befrieden müsst. Einmal in eurer Sammlung, könnt ihr sie wechseln wie Unterhosen. Das macht auch Sinn, denn jedes eurer Tierchen bietet andere Vorteile. So eignen sich Jaguare um feindliche Siedlungen auf dem Schleichweg zu befreien, wohingegen ein Mammut eher mit Getöse in die Heimstätten des Udam-Clans einreitet. Außerdem können sie auch anderweitig behilflich sein. Der Bär schnuppert nach Honigvorräten und der Wolf wittert alle Gegner in der Umgebung. Wenn eure Tierchen brav waren, könnt ihr sie zur Belohnung auch streicheln und ihnen zwecks Heilung ein paar Fleischstücke abdrücken.

Far Cry Primal 3

I am the god of hellfire …

…and I bring you: Fire! Diese klassischen Zeilen aus dem berühmten Rocksong kennt ihr sicherlich, oder? Wenn nicht, auch nicht so schlimm. Jedoch sollte bemerkt sein, dass das Feuer in Far Cry Primal oh wer hätte das in einem Steinzeitszenario vermutet verdammt wichtig ist. Angezündete Lagerfeuer halten euch nachts die Fressfeinde vom Hals und dienen als „Save-Spots“. Aber auch offensiv lässt sich Prometheus Geschenk zweckdienlich einsetzen. So eine Strohhütte brennt nunmal gut, womit wir wieder Rückschlüsse auf amerikanische Bemühungen in Vietnam anführen könnten, aber lassen wir das! Jede eurer Waffen, egal ob Speer, Keule oder Bogen kann entzündet werden und so noch verheerenderen Schaden anrichten.

Krieg, Krieg bleibt immer gleich!

Far Cry Primal 4

Apropos Arsenal: Schusswaffen fehlen logischerweise in Far Cry Primal. Aber seid beruhigt: Auf Gemetzel, und zwar äußerst archaisches, müsst ihr definitiv nicht verzichten, oder um es mit einem Fallout 3-Zitat auszudrücken: „Seit unsere Vorfahren die mörderische Kraft von Stein und Gebeinen entdeckten, wird Blut vergossen …“ und zwar literweise. Die Gewalt in Far Cry Primal ist nämlich passend zum Zeitalter roher denn je und für mich ein weiterer Atmosphärebonus. Als Tötungswerkzeug greift Takkar auf die im Vorhinein beschriebenen Utensilien zurück jede davon aufrüstbar. So verschießt ihr dann beispielsweise mit dem Bogen wie schon im Shangri-La des Vorgängers mehrere Pfeile zugleich. Aber auch auf Granaten müsst ihr nicht verzichten. Die Urversionen der Böller sind sogar noch ein bisschen gemeiner als die neuzeitlichen Modelle. So werft ihr Tongefässe mit Bienen oder auch giftigen Gasen auf die Gegner und erfreut euch am entstandenen Chaos.

Fazit:

Far Cry Primal bleibt seinem Franchise und auch der sogenannten Ubisoft-Formel treu. Wie beschrieben hat sich an den Grundmechaniken der Serie nicht viel geändert. Aber dennoch fühlt sich Far Cry Primal definitiv anders an, als Teil 3 oder 4 an. Das liegt hauptsächlich am Survival-Feeling, das besonders in höheren Schwierigkeitsgraden zum Tragen kommt, der Liebe zum Detail und der Authentizität, die der Titel dank der eigens hierfür mit Hilfe von Sprachwissenschaftlern rekonstruierten proto-indogermanischen Ursprache versprüht.

Die EntwicklerInnen haben sich wirklich jede Mühe gegeben, die Gegebenheiten im Jahre 10.000 v. Chr. in ihrem Spiel einzufangen. Gut: Einen Schnellfeuerbogen, dressierte Eulen als Späher und Säbelzahntiger als Reittiere sind stark in der künstlerischen Freiheit verortet, aber abseits davon, wird unsere Position am unteren Ende der Nahrungskette gut vermittelt. Vor allem das Jagen und das stark erweiterte Crafting wirken nun nicht mehr so aufgesetzt, wie in den Vorgängern. Somit erzeugt Far Cry Primal um einiges mehr Atmosphäre, als die großartigen Vorgänger. Allein das sorgt schon für enorme Abwechslung, und das obwohl es wieder „more of the same“ gibt. Ubisoft bleibt sich also erneut treu und dennoch kann ich, wie bei vielen anderen seiner Titel, dem Unternehmen nicht wirklich einen Strick daraus drehen. Wenn das Rad mal erfunden ist, warum es dann nochmals erfinden, wenn schlichtes Optimieren und Anpassen schon reicht?

Ein archaisches Vergnügen!

Wertung: 9 Pixel

für Far Cry Primal (PS4) im Test
2 Comments
neuste
älteste
Inline Feedbacks
View all comments

[…] Dagtekin versucht sein Erfolgsrezept mit dieser Fortsetzung ein zweites Mal zu kochen, erhitzt den Erstling aber nur erneut und würzt bis auf einen internationalen Handlungsort und ein, zwei ziemlich vorhersehbare Twists nichts nach. Das reicht aber nicht, um anspruchsvolleren Humor-Gourmets ein weiteres Mal den Gaumen zu reizen. Ich persönlich zähle mich zu Letzteren und aufgewärmt schmeckt mir nur Gulasch, Assassin’s Creed und Far Cry […]

[…] Wenn ihr mehr über Far Cry Primal erfahren wollt, werft einfach einen Blick in unser Review. […]