Undertale (PS4) im Test: Indie-Klassiker zum Verlieben

von Mandi 12.01.2018

Toby Fox hat sich mit Undertale 2015 einen Namen gemacht. Allerdings hat es eine Weile gebraucht, bevor die Spielerschar auf den Titel aufmerksam wurde. Nun ist Undertale in aller Munde, und dieses Review klärt, warum!

Worum es geht

In Undertale seid ihr ein menschliches Kind. Das Kind ist namenlos und auch bewusst geschlechtsneutral gehalten, ihr könnt es als männlich oder weiblich ansehen. Gleich zu Beginn nach einem liebevoll gestalteten Intro werdet ihr gefragt, wie ihr heißt – und dann geht es auch schon los. Ohne jedes Vorgeplänkel fallt ihr in eine Schlucht und wacht in der Monsterwelt auf. Der Drang, nach Hause zu gehen, ist groß!

Zum Glück steht euch eine liebenswürdige Pflanze namens Flowey zur Seite. Sie führt euch in die Welt von Undertale ein und klärt euch über Begrifflichkeiten sowie das Leben auf. Allerdings wird nach den ersten Minuten schnell klar, dass nichts so ist, wie es scheint! Undertale stellt die Frage, wie eine Stadt voller Monster so funktionieren kann. Dabei hat jede der Kreaturen eigene Eigenschaften spendiert bekommen, herausgekommen ist ein Mix der liebenswürdigsten Videospielcharaktere der letzten Jahre.

Das Hauptziel, wieder an die Oberfläche zurückzukehren, wird im Verlauf des Spiels immer nebensächlicher. Zu viel gibt es zu entdecken, zu gern führt euch Undertale dann und wann in die Irre. Dabei muss gesagt werden, dass das Game nur so vor Liebe zum Detail strotzt. Kein Wunder, dass sich in Windeseile verschiedenste Fanbases für einzelne Charaktere gebildet haben! Undertale ist im Prinzip ein Rollenspiel mit einem rundenbasierten Kampfsystem, aber mit heftigem Fokus auf die Story.

Was Undertale einzigartig macht

In Undertale macht alles einen Sinn. Erklärt wird dies mit der charakter-eigenen Entschlossenheit. Monster besitzen davon nicht sehr viel, und deshalb verschwindet deren Seele nach dem Tod sofort. Menschen hingegen, wie ihr einer seid, haben extrem viel Entschlossenheit. Darüber hinaus ist diese ominöse Entschlossenheit bei den Monstern viel wert, da sie selbst nicht so viel davon besitzen. Sie gibt euch die Möglichkeit, an gewissen Stellen zu speichern und den Spielstand auch wieder zu laden. Die Kreaturen können dies also nicht, was sie von euch unterscheidet.

Da die Monster auch Wissenschaftler und Wissenschafts-Geeks in ihren Reihen haben, durchschauen sie euer Spiel natürlich. Sie erkennen euch als Anomalie und beziehen sich manchmal auf Dinge, die ihr nur ausprobiert habt, um danach einen Spielstand zu laden. Gerade bei einem weiteren Spieldurchlauf wird diese Erkenntnis schnell gemacht. Habt ihr beispielsweise ein Monster im vorigen Spieldurchlauf getötet, erinnert sich das Monster im nächsten bruchstückhaft daran!

Im Spiel selbst habt ihr die freie Auswahl, wie ihr mit den einzelnen Gegnern verfahrt. Um möglichst viele EXP einzuheimsen und daher viele LV aufzusteigen, müsst ihr klarerweise alle Monster töten. Nur so könnt ihr den Höchstwert von LV 20 erreichen! Undertale lässt sich aber auch ohne Probleme friedlich spielen, was euren Fokus auf das Ausweichen und Kommunizieren legt. Manche Monster lassen sich leichter töten, andere leichter überzeugen – auch ein Mix ist möglich. Hier der Ankündigungstrailer zur PS4-Version:

Hoher Wiederspielwert

Undertale spielt sich am allerbesten, wenn ihr euch zuvor nicht zu viel darüber informiert. Spielt den ersten Spieldurchgang (maximal fünf Stunden) einfach so, wie es euch beliebt und wie ihr es für richtig haltet. Obwohl Undertale sehr linear ist und euch nicht viel Anreiz zum freien Herumstreifen bietet, macht es Laune, die Welt zu erforschen. Da ihr vermutlich schon von anderen Spielen und Medien geprägt seid, habt ihr viele Referenzen im Game, die dann einfach nur lustig sind.

Laufen allerdings die Credits das erste Mal ab, bekommt ihr wertvolle Tipps für euren nächsten Spieldurchlauf. Wer nun meint, dass Undertale sich beim zweiten oder siebten Mal genau gleich spielt, irrt. Da sich die Monster doch immer wieder an etwas von euren vorigen Spielständen erinnern, ist es einfach nur genial, zuzusehen, was sich Entwickler Toby Fox alles einfallen hat lassen. Gemeinsam mit den zuckersüßen Animationen von Temmie Chang fällt es einfach, sich in der Welt von Undertale zu verlieren.

Habt ihr Undertale nach eurer Lust und Laune durchgespielt, stehen euch darüber hinaus noch weitere Pfade offen. Zwei davon sind die Pazifisten-Route sowie die Genozid-Route. Die Pazifisten-Route stellt euch die Herausforderung, keinen einzigen EXP-Punkt zu erhalten. Das bedeutet, dass ihr mit dem Minimallevel 1 bis zum Endgegner kommen und diesen dann auch noch schlagen müsst! Die Genozid-Route ist das genaue Gegenteil – hier müsst ihr alles kurz und klein hacken, was euch in die Quere kommt. Da ihr hier wirklich alles und jeden angreift, erwarten euch nicht nur zusätzliche Kämpfe gegen bislang freundliche Charaktere, sondern auch die härtesten Schlachten, die ihr jemals bestehen musstet, und das nicht zwingend nur in Undertale!

Genialer Soundtrack, geniale Technik

Wenn ihr Fans von Pixel-Art seid, kommt ihr an Undertale einfach nicht vorbei. Ja, das Game ist auf 30 Bilder pro Sekunde limitiert und ja, die Top-Down-Ansicht ist schon seit den 90ern bekannt. Nichtsdestotrotz versprüht das Spiel an allen Ecken und Enden Charme, es ist schwer, hier eine einzelne Ursache ausfindig zu machen. Die Portraits der einzelnen Monster sind knackig und auf den Punkt gebracht – ihr wisst sofort, wie sich der einzelne Charakter fühlt.

Dazu kommt der unglaublich platte Wortwitz, der von zumindest drei Charakteren so richtig ausgekostet wird. Hinzu gesellen sich treffsichere Einzeiler und die bemerkenswerte Geschwindigkeit, in der ihr euch mit den Monstern teils identifizieren könnt. Dann darf man den Soundtrack nicht unterschätzen. Während ihr euch in den ersten Minuten noch mit dem Gameplay von Undertale beschäftigt, baut sich akustisch langsam ein absoluter Ohrwurm auf. Damit nicht genug, jede Szene ist mit passenden Effekten und Hintergrundthemen hinterlegt. Das geht so weit, dass Teile des Soundtracks es auf meine persönliche Playlist geschafft haben, so gut ist der Sound!

Das Kampfsystem wurde bislang noch überhaupt nicht erwähnt. Ihr steuert in den Kämpfen ein kleines rotes Herz, das den Angriffen der Monster ausweichen sollte. Trifft euch ein Angriff, verliert ihr Lebenspunkte, und fallen diese auf 0, heißt es Game Over. Damit Undertale nicht zum reinen Ausweich-Simulator verkommt, gibt es zusätzliche Aktionen. Blaue Attacken verlangen von euch, dass ihr stillsteht, während ihr bei orangen Attacken Tempo machen müsst. Andere Aktionen umfassen beispielsweise Flirten, das Erzählen eines Witzes oder das Motivieren des Monsters – kein Scherz!

Lineares Gameplay und doch brillant

Würde man Undertale ohne jede Gefühlsregung beschreiben, klingt der Titel gewaltig nach Durchschnittskost. Hier ein simpler Versuch! Befreit euch aus der Monsterwelt, bekämpft die Gegner rundenbasiert, kämpft euch zurück an die Oberfläche, Spieldauer zwischen vier und fünf Stunden. Ausrüstungsgegenstände sind genau so wie Konsumierbares zu erwerben, die Grafik ist pixelig und der Soundtrack besteht großteils aus 16-bit-Chip-Tunes. Oh, und eine New Game-Funktion gibt es auch.

Doch Undertale ist so viel mehr als die Summe seiner Teile. Mit jeder Spielminute erfahrt ihr mehr über die Bewohner, und manche Charaktere und Umstände drehen sich komplett. Ihr lernt beispielsweise Sans, das Skelett, früh im Spiel kennen. Seine hervorstechendste Eigenschaft ist, dass er sich nirgends Mühe gibt und bloß das absolute Minimum erledigt. Dennoch hat er mehrere Jobs parallel und läuft euch immer wieder über den Weg. Undertale liefert die Antwort, warum Sans so ist, wie er nun mal ist – und auch für alle anderen Charaktere, denen ihr im Game begegnet!

Das Ganze geht sogar so weit, dass grundsätzliche Dinge in Frage gestellt werden. Undertale spielt mit der Thematik „was wäre, wenn sich Charaktere dessen bewusst sind, in einem Spiel zu sein?“. Dass ihr durch euer ständiges Speichern und Laden in gewisser Weise eine Zeitschleife nach der anderen verursacht, klingt logisch. Dass aber manche Charaktere in Undertale das bemerken und euch darauf ansprechen, ist eine programmiertechnische Meisterleistung und wirkt einfach nur genial!

Bemerkenswerte Charaktere

Den Hauptteil des Anreizes machen in Undertale ohne Zweifel die Monster aus. Egal, ob ihr die Blume Flowey, das Skelett Sans oder seinen Bruder Papyrus hernehmt, das Gesamtpaket ist für Geeks ein gefundenes Fressen. Sans spricht in einer serifenlosen Schrift, während Papyrus seine Sprechblasen mit der Schriftart Papyrus befüllt. Gemeinsam mit seiner Vorliebe für Rätsel und seinem unvergleichlichen Lachen könnt ihr gar nicht anders, als die schrulligen Geschwister ins Herz zu schließen.

Doch auch die weiteren Hauptcharaktere können sich durchaus sehen lassen. Die unsichere Wissenschaftlerin Dr. Alphys macht eine bemerkenswerte Entwicklung durch, auch die blutrünstige Kriegerin Undyne ist imstande, ihr eigenes Handeln zu überdenken. Dann wären da noch Toriel und der König Asgore, die beide großes Herz gegenüber dem Kind zeigen. Der Entertainer Mettaton darf keinesfalls vergessen werden, der euch immer wieder in unmögliche Situationen bringt und das Geschehen regelmäßig auflockert.

Aber nicht nur die Charaktere in Undertale sind genial, auch die einfachen Monster sind bis ins letzte Detail durchdacht! Da gibt es Tsunderplanes, die euch im Leben nicht zu nahe kommen wollen, oder ein festlich geschmücktes, hirschähnliches Monster, das in Wahrheit ganz anders sein will. Die schnuckeligen Temmies in ihrem versteckten Dorf bringen nicht zuletzt durch die geniale Hintergrundmusik die SpielerInnen zum Schmunzeln. Während Gegner in anderen Titeln bestenfalls vergessbar sind, bleibt euch in Undertale so gut wie jede Auseinandersetzung im Gedächtnis!

Fazit: Undertale ist einer der besten Indie-Titel

Was Toby Fox und Temmie Chang mit Undertale geleistet haben, ist nicht so einfach zu erklären. Das Game steckt voller Herzblut und spricht trotz seines eigenen Charmes eine breite Schicht von SpielerInnen an. Wenn ihr nur im Entferntesten RPGs mögt und Fans von Pixelgrafik seid, dürft ihr euch Undertale nicht entgehen lassen. Schwachstellen gibt es eigentlich keine, denn die relativ kurze Spielzeit ist für erneute Spieldurchgänge optimal und füllt euch einen langen Abend gelungen aus.

Die Geschichte ist mitreißend und eingängig, die Liebe zum Detail ist jederzeit erkennbar und es gibt keine unnötigen Passagen. Rätsel wechseln sich mit Action ab, und überraschende Wendungen stellen sicher, dass ihr gerne in die Welt von Undertale zurückkehrt. Dafür sorgen weiters der hohe Wiederspielwert, der klasse Soundtrack und die Thematik, die euch auch lange nach dem Abspann noch im Hirn haften bleibt. Solche Empfehlungen gibt es nur dann und wann…

Das Spiel ist randvoll mit Anspielungen auf andere Reihen und Serien. Die Zielgruppe, die jeden einzelnen Witz erkennt und versteht, ist daher eher eng definiert. Doch selbst, wenn ihr es nur aus Neugier anspielt und keine Anspielung versteht, der Charme wird euch binnen einer Stunde einfangen. Undertale versprüht mehr als genug eigenen Charme, um nicht auf Anspielungen angewiesen zu sein – sie machen das Erlebnis nur um so viel besser! Undertale ist nicht nur für PS4, sondern auch für PC erhältlich. Egal, für welche Plattform ihr es euch holt, es ist sein Geld mehr als nur wert. Wir sehen uns im Untergrund!

Wertung: 9.0 Pixel

für Undertale (PS4) im Test: Indie-Klassiker zum Verlieben von Mandi