Tiger King Kritik: Glorifizierung und Niedergang

von Mathias Rainer 16.04.2020

Der Oster-Ausgangssperre geschuldet hatte ich die Möglichkeit, mir den neuesten großen Internet-Hype auch endlich selbst anzusehen. Wie die Motte zum Licht zog mich Tiger King – oder wie die Serie in deutschen Gefilden passend genannt wird – Großkatzen und ihre Raubtiere magisch an. Nachdem ich bisher nur massenhaft Memes von Joe Exotic zu Gesicht bekommen habe durfte ich ihn nun mit eigenen Augen über den Bildschirm begutachten. Wie einen Tiger quasi, der durch die Gitterstäbe seines Gefängnisses hindurch beobachtet wird. Was dabei herauskam war eine wahnsinnig intensivste Doku-Erfahrung. Auch weil mir der Tiger King im Laufe der 7 Folgen umfassenden Serie fast schon ans Herz gewachsen ist.

Quelle: https://www.netflix.com/at/title/81115994

Ich liebe ja gebrochene Charaktere. Egal ob Jaime Lannister, Anakin Skywalker oder Arthur Fleck aka Joker – sie alle sind wesentlich interessanter als so manch eindimensionaler Superheld. Interessant deshalb, weil sie und ihre Absichten nachvollziehbar sind. Gutherzige, sowie grausame Taten sind beides Seiten derselben Medaille. Der Mensch ist nicht schwarz oder weiß, vollkommen gut- oder bösartig. Und obwohl Joe Exotic kein fiktiver Charakter ist, schlägt er doch genau in die gleiche Kerbe. Was ihn und seine Geschichte zu einem wahrhaftigen Abbild der Menschlichkeit sein lässt.

Über die eigentliche Story der Doku selbst will ich gar nicht zu ausschweifend berichten. Die Absurdität, mit der man es Episode für Episode zu tun bekommt, muss man einfach „am eigenen Leib“ erfahren. Und wenn man schon nach der ersten Folge das Gefühl hat, dass es krasser ja gar nicht mehr geht, wird man während des Bingens noch das ein oder andere Mal überrascht werden. Dabei repräsentiert der Tiger King eigentlich nur die Spitze des Eisbergs.

Die Personen, welche im Verlauf der Serie in das Scheinwerferlicht gerückt werden, ließen bei mir ein um das andere Mal die Kinnlade hinunterfallen. Wir haben Doc Antle, bei dem man sich unweigerlich fragt, ob sein Zoo überhaupt noch primär aus Tieren, oder doch schon viel eher aus Frauen besteht. Das Trio der Hauptprotagonisten komplettiert die Tierschützerin Carole Baskin, die über die Art der Erzählung schon irgendwie als der Antagonist der Serie hingestellt wird.

Dieser Punkt trifft tatsächlich auch gesamtheitlich auf Tiger King zu. Ohne Off-Stimme lässt die Serie viel mehr seine Bilder, und noch öfter seine Protatonisten, sprechen. Durch dieses Zusammenspiel suggerieren die Macher aber natürlich eine gewisse Stimmung und Sympathie für – oder eben auch gegen – einzelne Darsteller. Ein um das andere Mal habe ich mich zum Bespiel dabei ertappt, dass mir die eben erwähnte Baskin tierisch auf die Nerven ging. Ausgelöst allein durch das gezeigte Videomaterial.

Dabei ist mir aber auch bewusst, dass die Doku nur einen ganz bestimmten Ausschnitt der Realität zeigt. Die Charaktere werden bei allen Szenen ja direkt gefilmt, sind sich daher ihrer Handlungen und Aussagen (zumeist) deutlich bewusst. Dieser Aspekt ist auch eine der größten Stärken von Tiger King. Man wird dazu verleitet, selbst nachzudenken, welche Infos denn nun wahr und welche falsch sind. Lügt der vorbestrafte Math-Junkie gerade knallhart in die Kamera? Oder sagt er die Wahrheit und seine Aussage wird nur im Kontext der „falschen“ Bilder verdreht? Eine endgültige Antwort darauf gibt es nicht. Man muss den Tiger King schon mit eigenen Augen erleben.

"I saw a tiger, tiger saw a man"

Tiger King ist so eine Streaming-Erfahrung, die man einfach einmal gemacht haben muss. Deswegen gibt es an dieser Stelle auch eine uneingeschränkte Empfehlung für diese Netflix-Produktion. Wer auch nur annähernd mit dem dokumentarischen Stil der Serie klar kommt, wird mit Joe Exotic, Doc Antle und Co. sein unterhaltsames Wunder erleben. Die Figuren polarisieren, in der einen Sekunde hasst man sie für ihre Taten, in der nächsten liebt man sie für andere.

Großkatzen und ihre Raubtiere bringt das menschlichste in uns zum Vorschein und gibt diesem Aspekt eine Bühne. Eine Bühne für das Scheitern, aber auch er Glorifizierung und des Hypes. Wir erinnern uns daran, wie nahe diese Zustände bei einander liegen können und wie surreal das wirkliche Leben eigentlich sein kann. Das sollte man sich auf jeden Fall nicht entgehen lassen. Mit insgesamt nur 7 Folgen lässt sich die Produktion ja auch gut an einem Wochenende wegbingen. Zumindest mich hat sie dafür genug gefesselt. Joe Exotic trällert in einem „seiner“ Songs: „I saw a tiger, and the tiger saw a man.“ Ich denke, diese Textzeile beschreibt den Hype um diese Mini-Serie generell sehr gut.

Wertung: 8.5 Pixel

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