Quantum Break (Xbox One) im Test

von Matthias Jamnig 01.04.2016

Die Kombination von Videospiel und Live-Action-Sequenzen ist per se ja nichts Neues. Quantum Break erklimmt aber mit Sicherheit die nächste Evolutionsstufe dieser Entertainment-Symbiose. Ob das Spiel deswegen auch als Ludus Superior bezeichnet werden kann, darf aber bezweifelt werden.

QuantumBreak_Logo

Wenn ich an Realfilm-Sequenzen in Videospielen denke, kommt mir zu allererst Tim Curry als Premier Cherdenko in Command & Conquer: Alarmstufe Rot 3 in den Sinn. Legendär ohne Frage, aber in Sachen Immersion damals vielleicht kein Paradebeispiel – zu groß war der Bruch zwischen Live Action und animierten Spielinhalten. Heute, gut acht Jahre später, ist in Sachen Grafik viel geschehen – Photorealismus beispielsweise ist kein unerreichbares Ziel mehr. Doch noch sind wir nicht soweit und dementsprechend gewagt ist der aktuellste Versuch Reales mit Virtuellem verschmelzen zu lassen.

Quantum Break geht dieses Wagnis ein und verknüpft einen klassischen Third-Person-Action-Shooter mit mehreren halbstündigen Live-Action-Episoden. Eingebetet ist diese Kombination in ein – im wahrsten Sinn des Wortes – Endzeit-Setting. Denn der Welt der nahen Zukunft droht buchstäblich das Ende der Zeit. Experimente mit temporalen Reisen haben einen Riss in ebendieser verursacht und es droht immerwährendes Chaos. Gäbe es da nicht Jack Joyce – den Helden dieser Geschichte.

Die Story: Gestern, heute, morgen und wieder zurück

Jack ist der Bruder eines Temporal-Wissenschaftlers, der maßgeblich am Durchbruch in der Zeitreise-Forschung beteiligt ist. Als es zu einem Zwischenfall in dessen Labor kommt, beginnt aber die ganze Misere. Paul Serene, ein Kollege von Jacks Bruder, steigt in die Maschine, verdoppelt sich zunächst und verschwindet kurz darauf. Im Zuge dieses aus den Bahnen gelaufenen Experiments kommt auch Jack in Kontakt mit der in Aufruhr geratenen Zeit. In der Folge entwickelt er neue Fähigkeiten, die ihm im Kampf gegen einen übermächtigen Konzern noch überaus nützlich sein werden. Chef dieser Firma ist übrigens der oben erwähnte Paul Serene aus der Gegenwart, der das Unternehmen 1999 ins Leben ruft – dort landet er nämlich nach besagtem Experiment. Eine Temporal-Krankheit, eine weitere Zeitreisende, ein werdender Vater und ein machthungriger Handlanger sorgen obendrein für ordentlichen Trubel in Vergangeheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Story als solche ist aber dann weniger komplex, als es zu Beginn den Anschein nimmt. Die Linien sind klar zwischen Gut und Böse gezogen. Natürlich folgen einzelne Charaktere verschiedenen Motivationen und es gibt auch die üblichen Turncoats, aber alles in allem bleiben größere Überraschungen oder Aha-Erlebnisse aus. Die Handlung folgt dem Schema Jack gegen das System durch alle Zeiten. Zugute halten muss man Quantum Break aber, dass es trotz einiger Zeitsprünge und verschiedener temporaler Einflüsse für SpielerInnen immer überschaubar bleibt. Ich verspürte zumindest nie das Gefühl, den Faden verloren zu haben. Kausalketten bleiben stets nachvollziebar. Ich hätte mir aber etwas mehr Esprit und Unvorhersehbarkeit gewünscht.

Der Cast: Ein Quantum Testosteron, ein Quäntchen Östrogen

Die Liste der SchauspielerInnen, die sowohl für die animierten Figuren Pate standen als auch die Charaktere in den Realfilm-Sequenzen verkörpern, kann sich durchaussehen lassen. Shawn Ashmore (The Following) gibt den unermüdlichen Zeitretter Jac k Joyce, Aidan Gillen (Game of Thrones) mimt auf der anderen Seite den Antagonisten Paul Serene. Lance Reddick (Fringe) überzeugt als dessen rechte Hand Martin Hatch und erfüllt als einziger Farbiger nebenbei auch noch diese Quote. Darstellerinnen findet man leider nur in den Nebenrollen.

Allen voran spielt Courtney Hope (Motivate Me) die mysteriöse Beth Wilder, die meiner Ansicht nach spannendste Figur des Spiels. Jacks Verbündete hätte sich durchaus einen Akt als spielbarer Charakter verdient – entweder im Jahr 1999, wo alles beginnt, oder im Chaos der Endzeit. So bleibt ihr zwischen der mütterlichen Frau Doktor, dem Kleine-Schwester-Typ, der schutzbedürftigen Schwangeren und der blonden Versuchung nur die Rolle als potentielle Frau fürs Leben. Damit sind alle emotionalen Anknüpfungspunkte für den männlichen Spieler bedient – nicht mehr und nicht weniger.

Quantum Break schafft es wie soviele Spiele zuvor nicht, sich vom Stereotyp „männlich, weiß“ zu distanzieren – sowohl Protagonist Jack als auch Gegenspieler Paul entstammen dieser Gruppe und legen damit wohl auch die vorrangige Zielgruppe fest. Versteht mich aber bitte nicht falsch, diese Tatsache tut der Leistung der DarstellerInnen in keinster Weise einen Abbruch. Die Live-Action-Episoden erfüllen schauspielerisch alle Ansprüche, die man an eine moderne TV-Show stellt. Leider fehlt es aber gerade dem Charakter des Jack Joyce an nötigem Tiefgang. Ich konnte mir zumindest von Beth, Martin, dem wankelmütigen IT-Spezialisten Charlie und dem ehemaligen Elite-Soldaten Burke ein wesentlich besseres Bild machen als vom Hauptdarsteller. Dies liegt aber eher am Script als an der Leistung von Shawn Ashmore, der sein Bestes gibt, um der Rolle durch sein Schauspiel eine Seele einzuhauchen – am Ende ist das aber zu wenig.

Das Spiel: Aktiv zuhauen

Einmal installiert, verliert Quantum Break nicht viel Zeit. Den spielbaren Prolog bildet sozusagen der alles auslösende Vorfall im Zeitreise-Labor. Bereits dort erhält man die ersten Fähigkeiten, die man im Laufe des Spiels auch upzugraden in der Lage ist, und kann diese alsbald in einem ersten Feuergefecht erproben. Das Basis-Gameplay ist eine Mischung aus Third-Person-Shooter mit Cover-Elementen und Parcours-Teilen, die eher auf den geschickten Umgang mit dem Controller abzielen. Man findet also schnell ins Spiel, da die Steuerung sehr vertraut ist und die Spezialfähigkeiten mühelos von der Hand gehen. Jedoch wird der aufkommende Spielfluß abrupt gestoppt – von der ersten Live-Avtion-Episode. Es folgen 30 Minuten Passiv-Konsum; zu bald im Spiel für meinen Geschmack. Die späteren Folgen fügen sich dann aber besser ins Gesamtbild.

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Nach der ersten Realfilm-Sequenz sieht man sich einer weiteren Eigenheit von Quantum Break gegenüber. In der Rolle von Paul Serene gilt es eine Entscheidung zu treffen, die den weiteren Spielverlauf prägen wird. Es gibt eine Handvoll dieser Junction Points, die zum einen über das Schicksal von Pauls Konzern zum anderen über Pauls eigene Entwicklung entscheiden. Dieses Feature ist im Grunde auch die einzige nennenswerte Komponente bei der Ermittlung des Wiederspielwerts. Mit kleinen Vorschauen auf die Zukunft nach der jeweiligen Entscheidung ist dieses Story-Element sehr gut umgesetzt und man hat zumindest den Eindruck, also würde jede Entscheidung schwer wiegen.

Die verbleibenden zehn Stunden – inklusive zwei Stunden TV-Show – bieten sehr abwechslungsreiches Gameplay, das nicht immer nur von Schußwechseln geprägt ist, sondern auch mit Hindernisläufen und Erkundungssequenzen aufwartet. Der steigende Schwierigkeitsgrad äußert sich dabei hauptsächlich in der Anzahl der Gegner, deren Standfestigkeit sowie dem temoprären Entzug der Sonderfertigkeiten. Einzig die härtesten der Sicherheitsfachkräfte müssen mit etwas Finess über den Jordan geschickt werden. Dafür steht euch ein Standard-Shooter-Waffenarsenal zur Verfügung, das jedoch um Jacks Spezialfähigkeiten erweitert wird. Diese geben dem Spiel eine gewisse Würze, da sie vor allem die Feuergefechte von SpielerInnen-Seite her abwechslungsreicher machen – die Gegner leisten dazu nur einen bescheidenen Beitrag.

Ein Wort noch zu den Speicherpunkten: Diese sind im Grunde sehr gut gesetzt, aber hie und da geschieht es, dass man vor einer knackigen Szene einen für das Spielgeschehen unerheblichen Weg nochmals laufen muss. Zum Beispiel muss Jack vor einer Brücke eine Treppe hochlaufen – ohne Sprünge oder ähnliche Herausforderungen –, oben angekommen, erwartet ihn ein formidables Feuergefecht. Fällt unser Held hier, darf er die Treppen nochmals hochlaufen. Ein unnötiges Schinden von Spielzeit, das Quantum Break eigentlich nicht nötig hat.

Die TV-Show: Passiv zuschauen

Über die Live-Action-Episoden habe ich ja mittlerweise schon das eine oder andere Wort verloren. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Zum einen freue ich mich als Serienjunkie über die gebotene Qualität – würden diese Sequenzen als Miniserie ausgestrahlt, sie könnten sich mit dem aktuellen TV-Angebot mehr als messen. Zum anderen wirken die zwei Stunden Passiv-Konsum doch immernoch als Fremdkörper in einem ansonsten sehr aktiven Shootererlebnis. Und auch der Mehrwert erschließt sich mir nur bedingt. Meines Erachtens nach hätte man die Episoden nützen können, um komplexere Sachverhalte aufzulösen beziehungsweise überhaupt erst zu erzählen. In der aktuellen Form dienen sie aber nur dazu, einzelne Charaktere auszubauen, die in den Spielsequenzen bis zu ihrem Eingreifen nur eine bescheidene – oder gar keine – Rolle spielen. Charlie und Burke sind Paradebeispiele dafür.

Ein weiteres Haar in der Suppe sind Content Buffering und Ruckler. Ersters geschieht in fast jeder Episode – Standbild oder schwarzer Bildschirm und die Schrift: Please wait… Content Buffering. Es folgt ein meist sehr unruhiges Bild, das häufig ruckelt. Diese Ruckler finden sich leider auch gelegentlich in den Spielsequenzen. Vielleicht ist dies der Pre-Release-Version geschuldet, aber nichtsdestotrotz schmeicheln diese Dinge nicht dem Auge und trüben die vermeintliche „revolutionary entertainment experience“ doch ein wenig.

Das Fazit: Quantum Break-down

Der ganz große Wurf ist Entwickler Remedy mit Quantum Break nicht gelungen. Das Spiel setzt sehr Vieles gut und richtig um, aber eben leider Einiges auch nicht so optimal. Der Third-Person-Action-Titel sieht optisch sehr gut aus, die Feuergefechte sind nicht zuletzt dank der Spezialfähigkeiten sehr unterhaltsam – wenn auch aufgrund des Gegnerdesigns wenig abwechslungsreich –, den Spielverlauf an den Weggabelungen zu beeinflussen, ist ein überaus gelungenes Feature und nicht zuletzt kann sich die Qualität der Realfilm-Sequenzen vor allem aufgrund des sehr guten Casts sehen lassen. Aber es fehlt meines Erachtens nach an der Homogenität zwischen TV-Show und Videospiel, der Story fehlt es an Esprit, um beispielsweise mit einer modernen TV-Show dieses Genres mithalten zu können, gerade der Protagonist Jack Joyce lässt Charaktertiefe vermissen und nicht zu guter Letzt kommt frau nicht über die Klischee-Nebenrolle hinaus – von mangelnder Diversität in Sachen Hautfarbe ganz zu schweigen. Und ja, meiner Meinung nach ist das ein Maßstab, den man getrost an ein modernes Entertainment-Produkt anlegen kann. Kurz und gut: Die angekündigte „revolutionary entertainment experience“ ist Quantum Break nicht, eine gelungene und kurzweilige Entertainment-Symbiose aber allemal.

Wertung: 7.5 Pixel

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