Giovannis Insel (Blu-ray) im Test

von Stefan Hohenwarter 17.03.2015

Wenn man nur den Titel Giovannis Insel hört und einen schnellen Blick auf das Cover wirft, könnte man meinen, dass es sich um eine Liebesgeschichte zweier Teenager handelt. Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man Details, die auf den wahren Charakter des Films schließen lassen: Flugzeuge verdunkeln den Himmel, Russen und Japaner stehen sich gegenüber, und mittendrin sitzen zwei Jugendliche, die aus diesen zwei verschiedenen Welten kommen. Was ich von dem Werk halte, erfahrt ihr in meinem Test.

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Facts

Genre: Drama
Publisher: Universum Anime
Regisseur: Mizuho Nishikubo
Release: 20. Februar 2015

Worum geht’s?

Giovannis Insel entführt uns auf die japanische Insel Schikotan im Jahr 1945. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und die Sowjetunion beeinsprucht die Insel für sich. Bei einer simplen Machtdemonstration bleibt es jedoch nicht – die russischen Invasoren beschlagnahmen öffentliche und private Gebäude der InselbewohnerInnen. Auf Schitokan, und damit mitten in der feindlichen Übernahme, befinden sich die Brüder Junpei und Kanta, die sich vor der Realität in Träume über eine magische Eisenbahn flüchten und unbeschwert in den Tag hineinleben. Auch sie müssen ihr Haus samt ihrer Familie verlassen und werden gezwungen im eigenen Pferdestall zu wohnen. Helle Momente bietet die Beziehung zwischen den Brüdern und der Tochter eines russischen Majors, Tanya: Die drei stellen die Frage nach ihrer jeweiligen Herkunft nicht und haben trotz der Sprachbarriere einfach nur Spaß miteinander. Als aber die Armut auf der Insel immer größer wird, spitzt sich die Lage zu. Der Vater von Junpei und Kanta, der Kommandant bei den Militärstreitkräften war, verteilt geheime Reisvorräte an seine Landsleute, um deren Hungersnot zu lindern – das schmeckt den Besatzungskräften aber überhaupt nicht. Sie nehmen den Unruhestifter fest und führen ihn ab.

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© 2014 JAME

Noch voller Trauer über den Verlust ihres Vaters, von dessen Verschleppung sie nichts wissen – sie rechnen einfach damit, dass er tot ist –, müssen in der Folge auch die beiden Brüder mit allen anderen japanischen InselbewohnerInnen ihre Heimat verlassen. Ob die beiden je wieder ihre Insel betreten und ihren Vater wiedersehen werden, findet ihr am besten selbst heraus.

Bild und Ton

Für die Animationstechnik sowie den gesamten Look des Films zeichnet das Studio Production I.G., das unter anderem für seine Arbeiten an Meisterwerken wie Jin-Roh, Ghost in the Shell oder der Serie Psycho-Pass bekannt ist, verantwortlich. Besonders auffallend ist bei diesem Werk die Arbeit von Art Director Santiago Montiel, der in einem Making-of die Mischung aus geradlinigen und flächigen Charakteren mit den rauen Hintergründen, die bewusst eine Pinselstrichoptik aufweisen, anspricht. Neben diesem Stilmix gefällt mir auch der Wechsel von der bitterkalten Realität zu den herzerwärmenden Traumsequenzen, die auf Kenji Miyazawas Roman Die Nacht in der galaktischen Eisenbahn anspielen. Die Mimik mancher Charaktere finde ich an einigen Stellen arg überzeichnet, was manche Szenen unweigerlich ins Lächerliche zieht – aber das ist wohl Geschmackssache. In puncto Sound gibt es von mir nur Lobeshymnen: Der Ton ist gut abgemischt, die Synchronstimmen wurden gut gewählt und die Musik trägt ihren Teil zur stimmigen Atmosphäre bei.

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© 2014 JAME

Extras

Wenn ihr noch mehr über den Film erfahren wollt, solltet ihr unbedingt einen Blick in die Bonusrubrik werfen, denn dort könnt ihr neben einem interessanten Making-of eine Bildergalerie, einen Musikclip sowie ein Interview mit Polina Ilyushenko, der Synchronsprecherin von Tanya, entdecken. Besonders das Making-of möchte ich euch an dieser Stelle ans Herz legen.

Zusammenfassung

Nach Barfuß durch Hiroshima und Die letzten Glühwürmchen widmet sich mit Giovannis Insel ein weiterer Anime der grausamen Zeit des zweiten Weltkriegs in Japan. Mit Giovannis Insel schaffte es Regisseur Mizuho Nishikubo, eine interessante Mischung aus Traumwelt, brutaler Realität, Emotionen verschiedenster Art und einer in gewisser Weise künstlerisch angehauchten Dokumentation der Nachkriegszeit zu erschaffen. Mehrmals erkennt man Parallelen zu Die letzten Glühwürmchen, die einem einen kalten Schauer über den Rücken jagen, aber die Intensität von Isao Takahatas Werk erreicht Giovannis Insel nicht.

In Sachen Optik hat man meiner Meinung nach mit dem Studio Production I.G. und Art Director Santiago Montiel die richtige Wahl getroffen. Die Geschichte ist sehr gut in Szene gesetzt und die verschiedenen Stilmittel unterstreichen die diversen Emotionen des Films. Mit einer guten Akustik sowie Bonusmaterial in Form von digitalen Extras und drei Postkarten stimmt auch das Drumherum. Giovannis Insel ist ein bewegendes Werk, das alles mitbringt, um die ZuseherInnen an den Bildschirm zu fesseln. Aber mit den Meisterwerken Barfuß durch Hiroshima und Die letzten Glühwürmchen kann er nicht ganz mithalten.

Wertung: 8 Pixel

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