Anomalisa (DVD) im Test

von Natalie Lamprecht 27.10.2016

Stimmengewirr – so hebt Anomalisa an, und mit Stimmengewirr endet das mit Puppen umgesetzte Stop-Motion-Kunstwerk von Charlie Kaufman und Duke Johnson auch. Dazwischen überzeugt der 2015 erschienene Film, dessen Drehbuch auf einem Theaterstück Kaufmans basiert, mit einer bestechenden Darstellung von Ennui – so sehr, dass er die melancholische Saite seines Publikums zum Klingen bringt. Aber von vorn.

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Facts

  • Genre: Drama
  • Regisseure/Produzenten: Charlie Kaufman und Duke Johnson
  • Studio: Paramount (Universal Pictures)
  • Erscheinungstermin: 2. Juni 2016
  • Spieldauer: 87 Minuten

„Alles ist einfach so langweilig.“

Die Geschichte von Anomalisa ist schnell erzählt. Michael Stone, leidlich berühmter Autor, der nach Cincinnati reist, um seinen Kommunikationsratgeber „Wie Sie helfen können“ zu promoten, residiert für eine Nacht im Hotel Fregoli. Der Protagonist hadert mit der Monotonie und Stumpfsinnigkeit der Welt – das obige Zitat stammt von ihm –, bis er auf die unscheinbare Lisa trifft, die ihn sofort in seinen Bann zieht und mit der er eine Nacht verbringt. Am nächsten Morgen, aller anfängliche Liebeszauber ist zu Michaels Bedauern bereits verschwunden, hält er einen Vortrag zu seinem Buch, in dem er seine existenzielle Verzweiflung vor seinem Publikum allerdings nicht verbergen kann, und kehrt danach in sein eintöniges (Ehe-)Leben zurück.

„And they’re all made out of ticky tacky and they all look just the same.“

Es sind die Verzerrungen, die Anomalisa so faszinierend machen. Diese werden erstens durch die Stop-Motion-Technik evoziert, durch die die Realität des Films ein Stück ver-rückt wirkt – und doch seltsam vertraut, was auch den lebensechten Figuren und Settings zu verdanken ist. Die Alltagsszenen, die (vermeintlich) aufdringlichen Menschen, sind so real dargestellt, dass man vorspulen möchte, um dem öden Smalltalk, Alltagslärm und Schmutz zu entfliehen. Eintönige Szenen, wie wir sie alle kennen – etwa das belanglose Gespräch mit dem Taxifahrer oder dem Gepäckträger im Hotel –, sind nicht wie in vielen Filmen üblich der Fantasie des Publikums überlassen, sondern detailliert, fast schmerzhaft genau, dargestellt. Dennoch werden die ZuseherInnen aufgrund der Bewegungen der Figuren, aufgrund ihres Aussehens – die MacherInnen haben die Fugen in deren Gesichtern absichtlich nicht retuschiert – ständig daran erinnert: Dies ist eine Abstraktion der Realität, hier gibt es Sollbruchstellen, sogar in der Physiognomie.

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Die Machart trägt jedoch nur einen gewissen Teil zu der Beklemmung bei, die immer wieder aufkommt, denn es gibt im Film zweitens einen subtilen Twist, der Anomalisa unheimlich macht, ohne dass man vorerst den Finger darauf legen könnte. Spätestens bei dem sehr distanzierten Gespräch, das Protagonist Michael mit seiner Frau führt, nachdem er in seinem Hotelzimmer angekommen ist, merkt man: Da stimmt etwas nicht. Ihre Stimme ist männlich und gleicht allen anderen Stimmen, die Michael – und mit ihm das Publikum – bisher vernommen haben. Aufmerksamen ZuseherInnen wird nun klar, dass der Name des Hotels, Fregoli, kein Zufall ist, denn er gibt dem unheimlichen Gefühl Kontur: Was so verspielt wie eine deliziöse italienische Nachspeise klingt, ist die Bezeichnung für eine schwerwiegende neurologische Störung. Am Fregoli-Syndrom Erkrankte sind wahnhaft davon überzeugt, dass ihnen nahestehende Menschen sich optisch verändert haben und mit böser Absicht als jemand anderer ausgeben. Jede/r Fremde sieht für die unter diesem Syndrom Leidenden also irgendwie wie jemand aus, den/die sie kennen.

Das seltsame Gefühl der Entfremdung ist so sicht- und greifbar, in Anomalisa wird es besonders zugespitzt: Alle die den Protagonisten umgebenden Personen haben dasselbe Gesicht und dieselbe Stimme, selbst seine Frau und sein Sohn. Nicht umsonst ist die Freude Michaels groß, als er durch die dünnen Hotelwände ein Timbre hört, das anders ist als das der anderen. Mit einem „Großer Gott, jemand anderes!“ macht er sich auf die Suche nach der einen Person, die aus seinem Einheitswahrnehmungsbrei hervorsticht, und findet sie schließlich: Lisa. Die wiederum kann nicht verstehen, was der intelligente Autor an ihr, der Tumben, der grauen Maus, findet. Was sie nicht weiß, ist, dass sie eine Anomalie in seiner Welt ist, eine Devianz, etwas, worauf er, wie es scheint, seit Ewigkeiten gewartet hat: eine Veränderung, die Michael in Anspielung auf ihren Namen zärtlich „Anomalisa“ nennt.

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„Wozu wir am Leben sind? Ich weiß es nicht.“

Doch so unergründlich und interessant eine Anomalie im ersten Moment auch scheinen mag, früher oder später wird auch sie zu einer Gewöhnlichkeit, gar zur Bagatelle. So ergeht es auch Michael, und das ist die Krux seines Seins: Schon nach der einen gemeinsam mit Lisa verbrachten Nacht holt ihn nach einem Albtraum, in dem er sich sicher ist, dass alle anderen Personen im Hotel seine aufkeimende Beziehung sabotieren wollen – „Alles eine Person, alle dieselbe Person außer dir und mir, du bist der einzige andere Mensch auf der Welt“ –, seine verzerrte Wahrnehmung erneut ein. Anomalisa wird wieder zu Lisa, ihre Stimme beginnt, wie die aller anderen zu klingen. So kulminiert der eigentlich seinem Buch gewidmete Vortrag, den Michael danach hält, und in dem er ironischerweise die Wichtigkeit betont, Menschen als Individuen wahrzunehmen, in einer Art Nervenzusammenbruch, in dem er seinem Publikum resignierte Sätze wie „Wozu wir am Leben sind? Ich weiß es nicht“ entgegenschleudert.

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Was bleibt, ist ein vollkommen desillusionierter Protagonist, der, als er wieder zu Hause ankommt, von seiner Frau und seinen FreundInnen mit einer Party überrascht wird – doch für Michael ist dies ohne Wert, einer sieht wie der andere aus, eine hört sich wie die andere an. Die verzweifelte Frage, die er an seine entnervte Frau richtet, „Wer bin ich, wer sind wir?“, kann auch sie nicht beantworten. Währenddessen schreibt Lisa Michael in einem Brief, in dem sie die Hoffnung ausdrückt, ihn unter „besseren Umständen“ wiederzusehen, dass sie das Wort Anomalisa in ihrem Japanischwörterbuch nachgeschlagen hat: Es bedeutet angeblich „Göttin des Himmels“. Am Ende wissen wir ZuseherInnen jedoch: Da muss sich die naive Lisa irren, denn in der Ödnis des Alltags gibt es weder Platz für Göttinnen noch für Himmel. Alles bleibt eins und einerlei – und geht in einer Kakophonie der Stimmen schließlich unter. Doch die Hoffnung bleibt: Vielleicht finden wir diesen einen Menschen, der aus der Trübnis hervorsticht und das Leben, wenn auch nur für kurze Zeit, lebenswerter macht.

Features

Was die Special Features betrifft, so gibt es deren zwar nur zwei, sie anzusehen sei aber wärmstens empfohlen:

  • Intimität im Miniaturformat: Dieses Feature ist besonders interessant, da hier genauer gezeigt wird, wie eine der wohl ehrlichsten Sexszenen in der Geschichte des Films überhaupt – jene zwischen Michael und Lisa – gedreht wurde.
  • Der Klang des Unbehagens: Die ProduzentInnen erklären hier im Detail, wie die realitätsnahe Klangkulisse, die Michaels stets am Wahnsinn entlangschrammende Verzweiflung unterstreichen soll, entworfen wurde.

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Fazit

Anomalisa ist kein Film für dunkle Tage. Wer gerade mit seinem Leben hadert, sich die Sinnfrage stellt oder generell gern Trübsal bläst, sollte sich entweder leichtere Kost zu Gemüt führen – oder den Stop-Motion-Film für eine Katharsis nützen, denn selten wurde Ennui metaphorisch so klar und gleichzeitig so einfühlsam dargestellt.

Zentral dafür ist das Fregoli-Syndrom, an dem Protagonist Michael leidet und an dessen Symptomen sich Anomalisa abarbeitet. Dennoch darf man die gezeigten Ausformungen dieser psychischen Erkrankung nicht für bare Münze nehmen, es werden einige Verschiebungen vorgenommen, was durchaus programmatisch für diesen Film ist. Es geht auch weniger um die realitätsgetreue Darstellung des Syndroms, sondern darum, es als (durchaus geeignete) Metapher für die Entfremdung in einer von oktroyierten Lebensentwürfen, Oberflächlichkeit und damit von Eintönigkeit geprägten Welt zu nutzen, in der man zuerst die anderen und schließlich sich selbst als Individuum verliert.

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Tragend für den Film sind ebenso die – absichtlich – nur beinahe perfekten Puppen, die den ZuseherInnen den Bruch mit der Realität buchstäblich vor Augen führen, das Handwerk, das Anomalisa den letzten Schliff gibt – nicht umsonst wurde der Film in der Kategorie Bester Animationsfilm für einen Oscar nominiert. Die Klangkulisse und Musik tun ihr Übriges, um Anomalisa so gut wie perfekt zu machen. Einziger Wermutstropfen der DVD sind die Features: Sie sind zwar besonders interessant, aber leider nur spärlich vorhanden, weshalb es von mir einen Abzug in der B-Note gibt.

Was das Ende von Anomalisa betrifft, so mag es nicht allen gefallen, da das wohl insgeheim erhoffte Dénouement ausbleibt. Dennoch zeigt das Stop-Motion-Kunstwerk einen möglichen Ausweg aus der Misere der Lebensmüdigkeit: Entweder man findet die eine Anomalie, mit der man das eigene Leben aus der Eintönigkeit heben kann, oder man selbst wird für jemand anderen zu dieser Anomalie. Letzteres ist wohl die erstrebenswertere Option, eine, die Michael auch hätte wählen können, hätte er sich dazu durchgerungen, sein Gefängnis der Misanthropie zu verlassen – eine Lektion, die sich alle von Ennui Geplagten zu Herzen nehmen sollten.

9.8

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