Yoshi’s Woolly World (Wii U) im Test

von postbrawler 22.06.2015

Eines war immer schon so: Mario ist der Held in fast jedem Videospiel aus dem Hause Nintendo. Und ist er es mal nicht, dann lässt er sich zumindest von seinem grünen Freund Yoshi durch die Gegend tragen. Damit macht Nintendo nun Schluss und lässt seinen Eier legenden „Woll-mich-Saurier“ kurz aus Jurassic World raus, um in diesem textilen Abenteuer sein eigenes Garn zu spinnen. Im wahrsten Sinn des Wortes, denn in Yoshi’s Woolly World für Wii U ist alles aus Wolle.

Ein (Alb-)Traum aus Plüsch, Wolle und Stickereien

Als direkter Nachfolger von Super Mario World 2: Yoshi’s Island versteht sich Woolly World perfekt in der Inszenierung einer Welt, die direkt einem Kinderbuch entsprungen sein könnte. Diesmal handelt es sich jedoch nicht um ein Malbuch, dessen Wachskreiden-Ästhetik schon am Super Nintendo zu beeindrucken wusste, sondern um ein durch und durch aus textilen Materialien gefertigtes. Egal, ob Wolle, Seide, Spitze oder Fleckerlteppich, gehäkelt, gestrickt, genäht oder zusammengeknotet, in Yoshi’s Woolly World ist alles irgendwie Textil, sogar der zungenfertige Saurier selbst. Die üblichen Hintergrundhügel sind Wollknäuel, Wolken sind Wattebäusche, und reißende Wildbäche werden aus flatternden Zierbändern gebildet. Sinngemäß lässt sich die Welt auch verändern und manipulieren. An losen Fäden kann angezogen und damit können geheime Levelbereiche aufgetrennt werden, geschluckte Gegner werden zu Wolleiern verdaut, und Drahtgitter lassen sich mit einem präzise geworfenen Knäuel zu Plattformen umhäkeln. Wie viel unglaubliche Detailverliebtheit und Kreativität in dieser Gestaltung liegt, tritt im Rahmen des Spiels jedoch relativ rasch in den Hintergrund, denn Woolly World ist auch ein klassischer 2D-Plattformer und punktet mit flottem Jump-’n’-Run-Gameplay der alten Schule.

Eiernde Wollbällchen oder ballernde Wolleier?

Als ursprüngliches Spin-off der beliebten Super Mario World-Reihe erbt auch Yoshi’s Woolly World viele Eigenschaften seiner großen Serienschwester. Yoshi springt von Plattform zu Plattform, zertrümmert Mauerwerk mit einem Sprung von unten und Gegner von oben. Viele Dinge wurden aber mit Augenmerk auf eine sehr junge Zielgruppe stark vereinfacht, beispielsweise vermissen Profis einen schnellen Lauf durch Betätigen der X-Taste. Yoshi wird einfach von selbst schneller, wenn er lang genug in eine Richtung läuft. Auch gibt es in Woolly World keine Leben, kein Zeitlimit und kein Game over. Man kann in jedem Level sooft sterben, wie man will, man landet immer wieder beim letzten Checkpoint. Derer gibt es pro Level gleich mehrere, nicht bloß einen, wie bei Mario-Spielen üblich. Und wenn das Sterben zur lästigen Gewohnheit wird, schlägt das Spiel einen Schwebemodus vor, in dem man entspannt vom Anfang des Levels bis zum Ende fliegen kann. Die deutlichste Vereinfachung stellt der Wegfall von Baby-Mario dar, der im SNES-Debut bisweilen für nervenaufreibende Sekunden sorgte, in denen man ihn aus seiner davon schwebenden Blase befreien musste.

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Wie auch schon sein opportunistischer Klempner-Freund beschäftigt sich Yoshi nebenberuflich mit dem Sammeln weltlicher Reichtümer. In diesem Spiel sind es Rubine in unterschiedlichen Farben und Größen, die überall in den Levels verteilt sind. Hat man genügend davon gesammelt, können damit in den folgenden Levels extra Boni freigeschaltet werden. So kann Yoshi beispielsweise seinen Hundefreund Schnuffel herbeirufen, um auf ihm durch das Level zu reiten, oder mittels vollautomatischer Melonen-Uzi kindgerecht alles über den Haufen ballern, was sich nicht bei drei in seine Stoffteile aufgelöst hat. Seine Hauptwaffen sind aber immer noch die lange Saurierzunge, mit der StoffwidersacherInnen herangezogen und gefressen werden, und die Wollknäueleier, die Yoshi aus geschluckten GegnerInnen produziert. Mittels Zielfadenkreuz befördert der Dino diese als Wurfgeschoss bis an weit entfernte Stellen, wo sie ballistisch korrekt abprallen und auf ihrem zerstörerischen Flug alles und jeden aus dem Weg räumen. Wer das zu Hause mit eigenen Wollknäueln versuchen möchte, sei gewarnt: Selbst meterdicke Wände und turmhohe Gegner sind nicht vor der zerstörerischen Kraft dieser waffenscheinpflichtigen Strickwaren gefeit.

Weiters kann man auch geflügelte Fragezeichen-Wölkchen mit den tödlichen Bällchen aufschießen, um Trampoline, Rubine, Lebenssternchen oder die seltenen Gänseblumen zu finden. Davon verstecken sich in jedem Level fünf. Sie fungieren wie die grünen Sterne in Super Mario 3D-World als Schlüssel für weitere Bonuslevels. Genauso gut wie die Blumen sind fünf grinsende Wollknäuel in jedem Level versteckt, aus denen sich, wenn vervollständigt, neue Yoshis zusammensetzen lassen. Die verschiedenfarbigen Yoshis unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch spielerisch marginal voneinander. Der Flauschfeder-Yoshi kann beispielsweise schneller rennen, während andere höher hüpfen, etwas weiter fliegen, oder die Zunge ein Stückerl weiter ausfahren können.

Zwei gegen Ei ist unfair!

Fester Bestandteil jedes Nintendo-Plattformers ist der Zwei-Spieler-Koop-Modus. Dabei geht es nicht immer nur darum, gemeinsam Levels zu lösen, auch ein neckischer Aspekt macht den Multiplayer interessant: Man kann nämlich nicht nur Gegner schlucken und in Wolleier verwandeln, sondern auch den/die arglose/n MitspielerIn selbst. Das ist nicht nur praktisch, wenn mal die Wolle ausgeht oder man sich gegenseitig auf höher gelegene Plattformen werfen möchte, sondern so kann man auch unbeholfenere MitspielerInnen kurzerhand einpacken und über besonders knifflige Hüpfpassagen mitnehmen. Aber wehe, wenn man dabei versagt oder der Schuss auf die gegenüberliegende Plattform in der nächsten Lavagrube endet. Die Rache des betroffenen Gegenübers wird schrecklich ausfallen!

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Wolle, wohin das Auge reicht

Die Woolly World teilt sich in fünf Welten mit je acht Levels. Darüber hinaus gibt es noch jede Menge Bonus-Levels. In jeder Welt gilt es, zwei Boss-Burgen mit teils bekannten, teils neuen Stoffgegnern zu erobern. Leider sind die Welten optisch sehr ähnlich und bieten wenig thematische Abwechslung. Das kann am Textilstil liegen, der zwar durchwegs gelungen, aber dessen materielle Vielfalt enden wollend ist. Neben 0815-Schlauchlevels gibt es die aus dem Mario-Universum bekannten Lava-Verliese und Wasserwelten. Eine interessante Innovation sind die Türen-Labyrinthe, die mit Schalterrätseln und Skill-Checks gespickt sind. Mangels Zeitlimit spielen sich diese durchwegs spannend und knifflig, könnten für sehr junge ZielgruppenvertreterInnen aber auch schnell überfordernd wirken. Zeitlimits gibt es dafür wieder in den Morph-Levels, in denen Yoshi als Bagger, Helikopter, oder U-Boot brillieren darf. Besonders die submarine Variante hat mir gut gefallen, da sie an das U-Boot-Level im Gameboy-Klassiker Super Mario Land erinnert.

Handlung? Welche Handlung?

Kommen wir zu guter Letzt zur Handlung von Woolly World: Kamek hat die Woll-Yoshis zu Wollknäueln zerlegt und über die gesamte Welt verteilt. Der letzte Verbleibende macht sich auf, um die verstreuten Yoshis zu retten. Echt jetzt, ihr dachtet, da kommt noch was? Es handelt sich hier um ein reinrassiges Nintendo-Jump-’n’-Run, erwartet euch also keine parallelen Handlungsstränge mit ausgefallene Story-Twists, emotionalen Entscheidungen und vielschichtigen Charakteren. Das einzig Vielschichtige an Woll-Yoshi ist die Wattefüllung in seinem Inneren.

Fazit

Wenn es um Nintendo-Spiele geht, bin ich ein ewig Junggebliebener. Ich liebe die quietschbunten Pastellfarben, die heitere Musik und die witzigen Gegner. Auch die typischen Soundeffekte wie „GULP!“ oder „WACKOOOO!“ werden mir selbst nach dem 500sten Recycling nicht zu blöd. Ich steh auf den neuen Textilstil, weil er zeigt, dass Nintendo voller innovativer Ideen steckt und weil grafisch echt einiges aus der alten Wii U rausgequetscht wird. Was ich nicht so gern mag, ist die erbarmungslose Simplifizierung des Spielprinzips. Klar gibt es die eine oder andere knifflige Hüpfpassage, aber Speedruns mit meilenweiten Triple-Jumps werden wir in Woolly World wohl nicht erleben, dafür ist die Steuerung zu einfach gehalten. Auch die Mehrspielerfinten mit dem gegenseitigen Schlucken haben mir nur kurz Spaß bereitet. Irgendwann wird es einfach mühselig, ständig versehentlich gefressen und in Abgründe gespuckt zu werden. Es wäre wünschenswert, wenn man dieses Feature in den Optionen deaktivieren könnte. Dass auch Woolly World kein Spiel ist, das die Möglichkeiten des Wii-U-Gamepads nutzt, habe ich mittlerweile resignierend zur Kenntnis genommen. Im Großen und Ganzen macht mir Yoshi’s Woolly World aber enorm viel Spaß, und es beruft sich ganz klar auf die Stärken der Marke Nintendo-Jump-’n’-Run. Uneingeschränkt empfehlen kann ich das Spiel Eltern, die für ihren vier- bis achtjährigen Spross ein durch und durch kindgerechtes und einsteigerfreundliches Spiel suchen. Weniger Freude werden Menschen damit haben, die beim Anblick von Plüschhasen und Stoffpuppen Wallungen bekommen.

Wertung: 8.5 Pixel

für Yoshi’s Woolly World (Wii U) im Test