Xenoblade Chronicles Definitive Edition Review: Mimimi vom Oberpon

von Mathias Rainer 27.05.2020

Xenoblade Chronicles-Fans freut euch, die Definitive Edition ist da! Echte Fans dürfen sich auf zahlreiche Upgrades freuen und Serien-Neueinsteiger bekommen die Gelegenheit, einen verpassten Klassiker nachzuholen. Soweit so gut. Mir stellt sich dabei aber unweigerlich die Frage – wie immer bei diesen noch einmal aufpolierten Spielen – ob die Anpassungen und zusätzlichen Inhalte dem Spiel auch gut getan haben.

Wurden Schwächen des Originalspiels beseitigt? Wurde auf den Stärken aufgebaut, diese noch verfeinert und vervielfältigt? Seit Xenoblade Chronicles 2 (hier geht’s zu unserem Test), welches mein Einstieg in die Xenoblade-Saga war, zähle ich mich auch zu den Fans. Dementsprechend euphorisch war ich, als ich die Definitive Edition für euch initial anspielen durfte. Jetzt, dutzende Spielstunden später, hält sich meine Begeisterung nun in Grenzen. Aber lest im folgenden Review am Besten selbst, warum das der Fall ist und warum ich Xenoblade Chronicles Definitive Edition dennoch empfehlen will.

Wie gesagt, mein Auftakt in die Serie war der eigentliche Nachfolger von Xenoblade Chronicles. Als jemand, der mit diesen Spielen von Monolithsoft nicht vertraut war, fiel mir der Einstieg wahnsinnig schwer. Ermüdende Passagen, in denen ich nicht selten aus Frustration das Spiel beendete – etwa weil das Navigationssystem des Spiels alles ist, nur eben kein Navigationssystem – wechselten sich mit packenden Sequenzen und Kampfgefechten ab. Das mein Eindruck vom Spiel bei all den Hochs und Tiefs dennoch ein weitestgehend positiver ist, liegt am fulminanten Finale. Am Ende hatte ich sogar Tränen in den Augen.

Mich an diese Spielerfahrung zurückerinnernd war mir klar, dass der Vorgänger in eine ähnliche Richtung gegangen war und die Definitive Edition natürlich jetzt auch gehen wird. Es wird wahrscheinlich eine ähnliche Odyssey werden, mit einigen Talfahrten. Für die entschuldigt dann aber die eindrucksvolle Welt, die liebenswerten Charaktere und die abgedrehte Story. Ich will versuchen, einige Eindrücke meiner zahlreichen Spielstunden zusammenzufassen.

Audiovisuelles Meisterwerk

Es gibt nicht viele Spiele die es schaffen, mich komplett zu vereinnahmen, den Kontroller gleich wieder aus der Hand zu legen, noch bevor ich das eigentliche Spiel überhaupt gestartet habe. Xenoblade Chronicles Definitve Edition ist aber eines davon. Dabei befinde ich mich gerade einmal im Menü mit dem Titelbildschirm. Der Soundtrack, der hier erklingt, lässt mich sofort in diese Welt eintauchen. Innerhalb von 3 Minuten habe ich eine gewisse Bindung entwickelt. Ich bin absolut bereit für ein neues Spiel. Und hey, ich bekomme sogar noch ein kleines Geschenk dafür, dass ich den zweiten Teil ebenfalls gespielt habe. Danke Monolithsoft!

Leider muss ich sagen, dass sich ein solcher Moment im Spiel seither nicht wiederholt hat. Der OST ist gut, keine Frage, und Kenner des Originalspiels werden sicherlich auch die kleinen feinen Unterschiede in den Melodien bemerken. Aber so richtig in ihren Bann – etwa während einer epischen Kampfsequenz – zog mich keine mehr. Trotzdem schaffen es die Stücke eine sehr stimmige Atmosphäre zu schaffen.

Gerade im Zusammenspiel mit den teilweise epischen Landschaften, schafft das einen bleibenden Eindruck. Ich laufe gerade über weite Ebenen und lasse per Kameraschwenk die Gegend auf mich wirken. Im Hintergrund erhebt sich der giganische Titan Bionis, der Zugleich auch den Großteil unserer Spielwelt darstellt. Aktuell laufen wir – begleitet von peitschenden Klängen – seinen Oberschenkel hoch, auf der Suche nach unserer nächsten Mission. So fühlt sich an, als ob ich gerade wirklich dort wäre.

Quelle: Nintendo

Spielwelt & Inhalt

Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, das alles schon einmal besser irgendwo gesehen zu haben. Ja klar, bei Xenoblade Chronicles 2 natürlich. Das Design der Titanen, die Art und Weise, wie sie in diese Welt eingebaut wurden, konnte Monolithsoft im zweiten Teil noch wesentlich verbessern. Diesen Punkt kann ich aber dem ersten Teil natürlich nicht ankreiden. Ganz im Gegenteil. Ich muss sogar das Konzept loben, eine bis dahin einzigartige Spielwelt erschaffen zu haben. Nur macht eben die Definitive Edition aus den Erkenntnissen der weiteren Teile (es gib da ja auch noch Xenoblade Chronicles X) für das eigene Spiel zu wenig daraus.

Ebenso zwiegespalten bin ich was den Inhalt dieser Spielwelt betrifft. Zwar gibt es von Beginn weg unmengen an Missionen. Wirklich abwechslungsreich sind diese allerdings schon nach ein paar Stunden nicht mehr. „Erlege 10 Giraffen“ oder „Sammle 20 Knollen“ in x-fachen Variationen sind die Dauerbrenner im Spiel. Vorgetragen werden diese Aufträge dann auch von zumeist belanglosen Questgebern. Aus meinen bisherigen Erfahrungen mit der Serie war mir dieser Umstand aber durchaus bewusst, weshalb ich den meisten Quests lange Zeit gekonnt aus dem Weg gegangen bin.

Irgendwann kommt jedoch der Zeitpunkt an dem dir ohne zusätzliche, durch Quests erreichte Erfahrungspunkte einfach die Level fehlen. Level, die dringend benötigt werden, wenn man in den durchaus anspruchsvollen Kämpfen auch nur den Funken einer Chance haben will.

Gameplay und Kämpfe

Das Kampfsystem in den Xenoblade Chronicles-Spielen war immer schon ein wenig eigen. Auch beim zweiten Teil hat es gefühlt ewig gedauert, bis ich mich damit wirklich ausgekannt habe. Neue Tutorials in den Stunden 70 oder 80 taten da ihren Teil dazu bei. Zumindest waren die Kämpfe aber sehr gut ausbalanciert, sodass man immer die Möglichkeit hatte zu reagieren, auch wenn die Niederlage drohend nahe war. Mit der Definitive Edition habe ich dieses Geführ überhaupt nicht. Klar, ich bin was den Level betrifft immer ein klein wenig hinter meinen Kontrahenten, wollte das aber durch den geschickten Einsatz der Fähigkeiten meiner Charaktere wieder ausgleichen.

Unser Hauptcharakter Shulk etwa erzielt mit einem gewissen Angriff mehr Schaden, wenn er den Angriff auf den Gegner gerichtet ist, der ihm den Rücken zugewandt hat. Das sollte eigentlich in den Kämpfen immer für Abwechslung sorgen, sich immer gut im Areal zu positionieren und die Oberhand im Gefecht zu erlangen. Das funktioniert aber tatsächlich nur so lange, wie man mit seinen Gegnern ungefähr auf dem selben Level ist. Liegt man auch nur wenige Level zurück, ist man nicht nur viel anfälliger, sondern hat quasi keine Zeit zu reagieren, da einem innerhalb von Sekunden die HP ausgehen.

Das ist eine für mich sehr frustrierende Mechanik. Man ist so quasi fast gezwungen durch langes grinden und/oder dem Abarbeiten immer gleicher Quests den Level des Gegners zu halten. Zumindest was den Missions-Abschluss betrifft, hat das Spiel einen enormen Fortschritt hingelegt. Hat man etwa im Kill-Quest das letzte Vieh erlegt, so gilt der Auftrag automatisch als abgeschlossen. Man spart sich den lästigen weg zurück zum NPC.

Aber aus einem Kampf durch Skill als Sieger hervorgehen? In Xenoblade Chronicles Fehlanzeige. Für mich ist dieser Umstand eigentlich ein absolutes No-Go. Ein um das andere Mal hab ich mich gefragt, ob ich irgendwas falsch mache (außer meiner Abneigung gegenüber den Nebenquests). Gibt es eine Mechanik, die ich nicht verstanden habe oder gar benutze? Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass das der Fall ist. Nicht, nachdem ich extra darauf geachtet habe, diesmal das Kampfsystem auch wirklich zu verinnerlichen. Dieser Plan ist wohl gehörig daneben gegangen.  Zu meinem Leidwesen nimmt der Kampf im Spiel jetzt auch keine untergeordnete Rolle ein.

Ich bin außerdem permantent damit konfrontiert, dass mein Level-30er-Shulk von Level-90er-Dinos in Sekunden zu Brei gehauen wird, weil man beim Erkunden dessen Aggro zufälligerweise gepullt hat. Auch das Umstellen auf den als „Gemütlicher Modus“ ausgewiesenen Schwierigkeitsgrad hat diesbezüglich nichts geholfen. Wenn man einfach nur die Mainstory genießen will, ohne den ganzen anderen belanglosen Schnickschnack, wird man sich auf eine harte Zeit einstellen müssen.

Quelle: Nintendo

Charaktere & Story

Apropos Story. Die ist – eingebettet im wie gesagt großartigen Setting lange Zeit am dahintümpeln. Erst in der ungefähren Mitte der Spielzeit zieht diese merklich an und wird mit einem Schlag wahnsinnig interessant. Hier schließt sich ab einem gewissen Punkt auch der Kreis zu Xenoblade Chronicles 2, was mir persönlich auch sehr gefallen hat. Ich frage mich aber schon, warum ich erst 30 Stunden im Game überbrücken muss, damit ich beginne die Charaktere einigermaßen interessant zu finden und mich um deren Schicksal zu sorgen.

So richtig ans Herz wachsen tun mir Shulk, Fiora, Dunban und Co. allerdings nie. Es gibt keinen kindlich-naiven, aber immer an das Gute im Menschen glaubenden Rex, keinen extrem weirden Nopon wie Tora. Und auch Pyra hatte ja ihre gewissen Vorzüge. Die Protagonisten in Xenoblade Chronicles wirken hingegen alle casual, was sie zwar weniger nervig, aber auch nicht wirklich interessant macht. Wobei „nervig“ in einem Xenoblade-Spiel nicht unbedingt ein schlechtes Attribut ist, wenn man sich einmal an die Eigenheiten der Serie gewöhnt hat.

Wir alle erinnern uns sicherlich noch mit Schaudern an „think you can take me? Don’t forget me!“ aus dem zweiten Teil. Während der eine Teil der Fangemeinde heute noch schweißgebadet aufwacht, feiert die andere Hälfte diese Line heute noch – zurecht. Wer den Ausruf im Zusammenhang mit Xenoblade Chronicles nicht kennt, sucht am Besten einfach mal bei Youtube danach. Das Kampfegrüll unserer Mechon-Gegnerhorden in der Definitve Edition finde ich hingegen einfach nur nervtötend. Als ob der furchtbare englische Dialekt nicht schon schlimm genug wäre ist das Overacting einfach untragbar – zumindest für mich.

Paradies für echte Fanboys

All dies von mir vorgebrachten Punkte rücken die Definitive Editon von Xenoblade Chronicles jetzt nicht unbedingt in ein gutes Licht. Allerdings darf man hierbei nicht vergessen, dass es sich dabei um meine ganz persönliche Spielerfahrung handelt. Die Spielereihe steckt für mich voller Höhen und Tiefen und im zweiten Teil war es noch so, dass die tollen Seiten die negativen noch ausgleichen konnten, was für mich diesmal definitiv nicht der Fall war. Wer aber kein Problem mit grinden hat und gerne im Vorbeigehen alle optionalen Missionen mitnimmt, wird sicherlich eine angenehmere Zeit in den Kämpfen erleben.

Das selbe trifft auch auf die Charaktere zu. Ich kenne genug Leute, die mit der Crew aus Teil 2 überhaupt nichts anfangen konnten, als Shulk und Fiora dort im DLC aufgetaucht sind, sofort nostalgisch wurden. Für echte Fans der Serie bleibt die Definitive Edition deswegen ein Muss! Auch wegen der vielen Neuerungen (wir berichteten), die bei Veteranen auf große Zustimmung stoßen wird. Ebenso stellt der komplett neu hinzugekommene Epilog eine tolle Ergänzung zum Grundspiel dar.

Fanboys bzw. Fangirls  und jene, die es noch werden wollen schlagen deshalb bei Xenoblade Chronicles Definitive Edition zu. Wer mit dem zweiten Teil oder X scho so seine Probleme hatte, der wird in diesem Spiel wohl auch nicht den Heilsbringer finden.

Wertung: 8.1 Pixel

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