Wunderbar und doch so merkwürdig – PES 2020 im Test

von David Kolb 20.09.2019

PES 2020 ringt abermals mit FIFA 20 um die Krone der Fußballsimulation. Trotz neuer Lizenzen und Fokus auf eSports und Gameplay, konnte mich Konami nicht zur Gänze überzeugen. EA hat mich über Jahrzehnte lang verdorben. Wie, erfahrt ihr in meinem Review.

98 – WM in Frankreich

Ja genau, EAs FIFA hat mich verdorben! Mein erstes FIFA Erlebnis hatte ich bereits mit der Jahreszahl 98 und in den letzten fünf Jahren habe ich beinahe ausschließlich EAs Fußballsimulation konsumiert. Aber warum schreibt man solche Dinge überhaupt in ein Review zu PES 2020? Damit ihr besser nachvollziehen könnt, wie es mir ergangen ist. Ich kann nicht aus der Sicht eines PES-Veteranen schreiben, denn das bin ich nicht. Ich bin ein aufgeschlossener Fußballfan, und der Fußballrasen ist auf der anderen Seite bekanntlich immer grüner. PES galt schon immer im Kern als die bessere Simulation, weshalb ich mich mit großer Vorfreude auf das Spiel eingelassen habe.

Die Vergangenheit holt mich ein

Mein Eingstieg war schwer, denn ich musste FIFA auf die harte Tour aus meinem System gespült werden. Das bedeutete kalter Entzug und nur noch PES 2020 als Ersatz. Zu Beginn habe ich sehr gefremdelt und gelitten und es hatte tatsächlich einen Hauch von Nikotinkaugummi. Alles fühlte sich deutlich langsamer und behäbiger an. Nach mehreren Stunden verging dieses Gefühl dann aber langsam die entschleunigte Spielweise ist plötzlich cool und sehr sinnvoll. PES 2020 gleicht mehr einem Rasenschach, in dem jeder Pass wohlüberlegt sein will und auch die Passhilfe ist nicht so stark eingestellt, wie beim Kontrahenten. Durch das langsamere Tempo haben ich, aber auch meine Gegner, mehr Zeit den nächsten Schritt zu planen bzw. diesen auch zu vereiteln. Hat man das System verinnerlicht, gibt es zahlreiche Varianten, wie man das gegnerische Mittelfeld hinter sich lassen kann. Klappt dann das Mattsetzen und löst sich gekonnt mit einem Flügelspieler, zirkelt den Ball auf die erste Stange und verwandelt diesen mit einem Kopfball ins Kreuzeck, dann ist das ungeheuer befriedigend.

Maierhofer statt Iniesta

Auf der anderen Seite war und ist das Dribbling System, das dieses Jahr prominenterweise an Andres Iniesta angelehnt ist, für mich zu schwach ausgefallen. Das große Vorbild Iniesta kann auf engstem Raum dribbeln, ohne dabei vom Gegner auch nur berührt zu werden. In PES 2020 ist es aber wirklich schwer Spieler mit Geschwindigkeitsänderungen auszuspielen, da diese keine Wirkung erzeugen. Mit der Spritzigkeit eines FIFAs klappt das bei der Konkurrenz sogar ohne eingebauten Trick. In vielen Situationen, habe ich die explosiven Sprints vermisst, die mir ansonsten viel Raum verschaffen. In dieser Hinsicht ist mir das Gameplay deutlich zu behäbig. Zu Gute halten kann ich Konami jedoch, dass die Animationen an sich sehr realistisch ausfallen, Zusammenstöße sich wuchtig anfühlen und eine spürbare physikalische Präsenz besitzen. Die lahmen Sprints sind und bleiben für mich aber ein deutliches Manko.

Ausfall in der Verteidigung

Kommen wir damit zu den Punkten, die mir nicht so gut gefallen haben. Der Schiedsrichter ist eine launenhafte Diva. Mal gibt er ein Foul, beim zweiten, identischen Versuch dann plötzlich wieder nicht. Das mach mir das Leben sehr schwer, da ich nicht mehr gut einschätzen kann, wann ein Pfiff ertönt oder der Schiri doch die Pfeife ruhen lässt. Apropos einschätzen, es kommt selten, aber doch immer wieder vor, dass der bestpostierte Verteidiger den tödlichen Pass ignoriert und durchlässt. Ich dachte zuerst noch an einen lokalen Bug, aber anscheinend bin ich nicht der Einzige, dem so etwas passiert ist.

Der Stürmer kann in diesen Situationen ungehindert durchlaufen und locker ein Tor schießen. Das ist mir zwar nicht so oft passiert, aber das Vertrauen zwischen dem Spiel und mir war weg, der Frust war da. Auch wenn das auf der anderen Seite einem Gegner in einer Onlinepartie wiederfährt, ist das geschossene Tor für mich nicht wirklich befriedigend. Ich hoffe, dass Konami sich bald um diese „Kleinigkeiten“ kümmert, die das Spiel erheblich beeinflussen.

Das gilt auch für die Replay- und Zeitlupenfunktion, die jeden noch so trivialen Einwurf in einer Wiederholung erneut anzeigt. Nun sitze ich mittlerweile den Option-Button spammend auf der Couch, um alle Replays  wegzudrücken. Hier würde ich mich über eine Option freuen, die z.B. nur mehr Tore als Wiederholungen zeigt oder wenn nicht anders möglich, dann dieses Feature komplett abzudrehen.

Die neue Saison

Die Menüs sind nicht wahnsinnig einladend aber gehen in Ordnung. Ärgerlich ist, dass bei manchen Screens mit dem X-Button bestätigt werden, dann wieder mit Option-Knopf. Sei’s drum, die verschiedenen Modi, wie z.B. die „Master League“ oder „myClub“ konnte ich trotzdem problemlos finden. Ersterer ist die klassische Kampagne, die man gegen die KI spielt. Mit einer eigenen Mannschaft und einem selbst erstellten Trainer, spielt man dann Saison um Saison, um die Meisterschaft und Champions League. Für die Königsklasse hat man zwar keine Lizenz, sie kann aber unter anderem Namen trotzdem in Angriff genommen werden. Nach den Spielen können jetzt auch Interviews abgehalten und aus mehreren Optionen unterschiedliche Antworten gegeben werden. Je nachdem wie geschickt man antwortet steigt oder sinkt der Teamgeist. Es gibt also ein paar kleine Neuerungen, die sie Sache an sich aber nicht grundsätzlich ändern. Ehrlich gesagt, war ich aber ohnehin immer begeisterter davon online gegen andere SpielerInnen zu spielen und meine eigene Mannschaft aufzubauen.

myClub my Game

Dafür ist der myClub-Modus wie geschaffen, das Pendant zu FIFAs „Ultimate Team“ (FUT). Es gibt in myClub keinen Transfermarkt, wie bei FIFA, wo ihr einzelne Spieler kaufen und verkaufen könnt. Konami verlässt sich hier auf ein Scoutingsystem, das so schon in den Vorgängern existierte. Einem Scout sind bestimmte Werte zugeteilt, wie z.B. Alter, Position und Seltenheit. Setzt ihr ihn ein, dann bekommt ihr z.B. einen Spieler zwischen 23 und 27, Mittelfeldspieler und eine Chance zu 37%, dass es sich um einen schwarzen, also sehr seltenen Spieler handelt. Im Prinzip ist das Kartenziehen, dadurch stärker steuerbar, da ihr diese Faktoren einsetzen und sogar verschiedene Scouts kombinieren könnt. Was ich besonders cool finde und bei FIFA schon ewig vermisse, das ist der Koop-Modus. Mit diesem Modus können zweie SpielerInnen die eigenen Mannschaften kombinieren und jeder/jede bringt eigene Spieler in die Mannschaft. Das gemeinsame zusammenbauen und taktieren, das dadurch entsteht ist großartig.

Spürbare Leere

Zwiegespalten bin ich dann aber doch, da mir zu Beginn viele Credits und mehrere hochkarätige Spieler geschenkt wurden. Ich weiß, das sollte eigentlich etwas Gutes sein, aber ich hatte seit der ersten Minute Ramos, Messi, Ronaldinho und van Dijk in meiner Mannschaft. Bei FUT wäre diese Zusammenstellung schon im absoluten Endgame angesiedelt. Nach diesen ersten Geschenken von Konami, bekomme ich danach für lange Zeit nur mittelmäßige Spieler, die meinen Stars nicht annähernd das Wasser reichen können. Das macht die Sammelei und die Jagd nach einer guten Mannschaft etwas unbefriedigend. Das meisten Ingame-Credits habe ich dafür ausgegeben, damit meine teuren Spieler einen neuen Vertrag unterschreiben.

Das leidige Lizenzthema

Und wo wir gerade bei Geld ausgeben sind, das hat Konami auch für die neuen Lizenzen getan, die sie zugekauft haben. Der wohl größte Triumph ist dabei Juventus. Hier darf EA den korrekten Namen der Mannschaft, sowie auch das Wappen nicht mehr verwenden. Die Spieler hingegen, dürfen auch weiterhin mit ihrem richtigen Namen verwendet werden. Cristian Ronaldo, gibt es dadurch in beiden Spielen. Zwar konnte man bei Konami zulegen, man fällt aber immer noch ganz deutlich hinter FIFA zurück. Bis auf Barcelona fehlt die gesamte spanische Liga, weshalb die restlichen Vereine Fantasienamen verliehen bekommen haben. Ich persönlich finde es schade, dass die österreichische Liga gar nicht vorhanden ist, bin mit dieser Meinung aber mit Sicherheit in der absoluten Unterzahl. Hier findet ihr einen Link zu allen Lizenzen des Spiels, wo ihr euch selbst ein Bild machen könnt.

Grünes oder oranges Twinni? - PES 2020 Fazit

Mag man lieber den grünen oder den orangen Teil beim Twinni? Diese Frage könnte man genauso an Stelle von FIFA oder PES dieses Jahr stellen, denn es handelt sich um eine Geschmacksfrage. Auch nach einem intensiven Einstieg in die Welt von PES bevorzuge ich immer noch das FIFA-Erlebnis. Dieses ist mehr auf Action ausgerichtet, auf Dribblings, schnelles Umschaltspiel und ein geschliffenes Gesamtbild. Ich schätze aber trotzdem PES 2020 sehr für sein bedachteres und physisches Spiel, das ich stark mit dem Begriff Rasenschach assoziiere. Auch wenn sich das Lizenzthema ein wenig gebessert hat, ist man immer noch weit entfernt von einem FIFA. Die ganz großen Neuerungen, wie EAs Volta-Modus, vermisst man dieses Jahr leider bei Konami. Trotzdem ist PES 2020 ein bemerkenswertes Spiel, weil es auf mich als Neuling so ungeschliffen wirkt. Es verfügt über ein großartiges Gameplay, mit bedachtem Spielfuss. Auf der anderen Seite gibt es seltsame Schirientscheidungen und horrende Schnitzer in der Verteidigung. Einerseits so wunderbar, andererseits doch so merkwürdig. Ich benötige mindestens noch eine ganze Spielsaison, um aus dir schlau zu werden, mein liebes PES 2020.

Wertung: 8.0 Pixel

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