World of Warcraft – Warlords of Draenor (PC) im Test

von postbrawler 14.12.2014

Warlords of Draenor versetzt HeldInnen der Stufe 90 bis 100 in eine alternative Vergangenheit, in der die Geschichte rund um die erste Eroberung Azeroths durch die Orcs und die Namen gebenden Warlords neu geschrieben wird. Was ich als Fan der ersten Stunde vom neuen Add-on halte, erfahrt ihr in meinem Review.

Blizzard hat gut lachen

Seit 20 Jahren erfreut sich die Fantasy-Marke Warcraft bei Fans und SpielerInnen großer Beliebtheit. Vor fast genau zehn Jahren erblickte World of Warcraft das Licht der Welt, mit dem die KalifornierInnen vom kleinen Hersteller zum weltweiten Megakonzern avancierten. Mit zehn Millionen aktiven SpielerInnen auf monatlicher Abobasis ist die Welt von Azeroth nach wie vor die digitale Lizenz zum Gelddrucken – doch das war nicht immer so. Der Zenit schien schon 2010 überschritten, als man mit damals zwölf Millionen AbonnentInnen erstmals rückläufige Zahlen präsentieren musste. Seinen bisherigen Tiefststand (sieben Millionen SpielerInnen weltweit) fuhr WoW mit dem umstrittenen Add-on Mists of Pandaria ein. Doch der fünfte und damit jüngste Nachschub für Hobby-AbenteurerInnen soll alles wieder gut machen: Warlords of Draenor.

Garrosh Höllenschrei fungiert als Antagonist der ErweiterungHandlung

Langsam kam die Geschichte rund um Thrall, den Anführer der wilden Horde, und König Wrinn, den Herrscher der Allianz, ein wenig ins Stocken. Große Namen wie Prinz Arthas und Illidan Sturmgrimm wurden schon vor Langem aus der Gleichung gestrichen, alte wie Grom Höllenschrei waren schon vor der Zeitrechnung von World of Warcraft ausgeschieden. Da hilft nur eines: eine Zeitreise! Klar, es handelt sich zwar um ein Fantasy-Spiel, doch Paralleluniversen, fremde Planeten und Dimensionsportale spielten schon zuvor eine Rolle, warum also nicht? Durch die Wiederbelebung Draenors, der Heimatwelt der Orcs, belebt Blizzard einerseits bekannte Gesichter aus der Prä-WoW-Ära wieder, andererseits zeigt der Entwickler SpielerInnen das beliebte Setting aus Burning Cruisade, der ersten Erweiterung für World of Warcraft, aus einer neuen Perspektive. Das funktioniert besser als erwartet! Die neuen Areale bieten jede Menge Wiedererkennungspotenzial und Nostalgie.

Der Oberschurke des letzten Abenteuers, Garrosh, floh nach seinem Sturz als Kriegshäuptling durch ein Portal in die Zeit zurück, als Draenor noch eine blühende Welt und noch nicht zur Scherbenwelt zersprungen war. Gemeinsam mit seinem Vater Grom Höllenschrei veränderte er den Lauf der Dinge und schuf eine neue Bedrohung für die Welt von Azeroth in Form der Eisernen Horde. Die Kriegsherren dieser Eisernen Horde, allesamt Veteranen aus den RTS-Spielen der Warcraft-Reihe, trachten nach einer erneuten Invasion in die Welt der Menschen. Da haben sie die Rechnung aber ohne unsere Helden gemacht, die diese Gelegenheit nutzen, sich gleich auf Draenor breitzumachen und dort eine eigene Garnison hochzuziehen.

Features

Die Garnison ist auch das zentrale Feature der neuen Erweiterung. Je nach Fraktion kann jeder frischgebackene Level-90-Held der Horde in den eisigen Weiten des Frostfeuergrats oder als Allianz in den schummrigen Hügeln des Schattenmondtals ein Stück Land erobern und dort eine mächtige Festung hochziehen. Die Garnison fungiert dabei eher als Hub für Daily-Quests und Handwerkszentrum denn als persönliches Wohnhaus, wie in anderen MMOs üblich. Über das Hauptgebäude können rekrutierte Streiter auf Beutemissionen geschickt und die verschiedenen Produktionsgebäude gebaut und erweitert werden. Das entpuppt sich als kurzweilige Beschäftigung, die tägliche Routinen eines MMOs in ein intuitives Ingame-Interface verwandel, und die Personalisierung jedes Helden auf einem hohen Niveau vorantreibt.

Abseits der Garnison hat sich natürlich auch noch einiges geändert. So wundern sich SpielerInnen seit dem Pre-Patch 6.0 über beängstigend kleine Schadenswerte. Statt Crits im Millionenbereich herauszudonnern, muss man sich mit moderaten fünfstelligen Zahlen begnügen. Das ist nicht etwa ein gefürchteter Nerf, sondern ein sogenannter Sqish, also eine Normalisierung aller Schadens- und Gesundheitswerte auf ein leserliches und einfacher zu erfassendes Format – längst überfällig und ein wahrer Segen! Zudem kommt natürlich kein Add-on ohne den obligatorischen Umbau von Item-Werten aus. In Warlords of Draenor sind lästige Hit-Caps und Mitigations-Eigenschaften komplett gestrichen und durch Sekundär-Stats ersetzt worden, von denen alle Klassenspezialisierungen profitieren können. Anstelle als Tank auf Items mit Werten wie Ausweichchance hoffen zu müssen, steigert beispielsweise die Vielfältigkeit sowohl Tank- als auch Heil- und Schadenswerte gleichermaßen. Noch besser, Gegenstände die einer Rüstungsklasse angehören können nun spezialisierungsübergreifend getragen werden und sparen somit wertvollen Taschenplatz. Die Skill-Leiste aller Klassen wurde entrümpelt und um unbeliebte und unnütze Talente erleichtert. Am spezialisierungsunabhängigen Talentbaum hat sich hingegen wenig geändert, nur ein Level-100-Perk ist dazugekommen.

Grafik

Die augenscheinlichste Neuerung in Sachen Präsentation ist sicher die grafische Aufwertung aller Rassen (mit vorläufiger Ausnahme der Blutelfen). Nicht nur Modelle und Texturen wurden an die Möglichkeiten des Jahres 2014 angepasst, sondern auch die Gesichts- und Bewegungsanimationen sehen seit zehn Jahren erstmals modern und ansprechend aus, ohne den Charme der ursprünglichen Modelle komplett verworfen zu haben. Auch an der Texturschärfe und der Polygondichte der Umgebungen wurde ordentlich geschraubt. Die neue Welt von Draenor sieht knackig und lebendig aus und erfreut das Auge mit dichter Bodenvegetation, die sich unter den Schritten des Helden wiegt, und vielen liebevollen Details. Natürlich merkt man der Engine ihr hohes Alter an, kaum ein Spiel wagt heutzutage noch ohne Tesselation oder dynamischer Beleuchtung zu glänzen. WoW übertüncht diese Nachteile mit viel Charme und einem unverwechselbaren Art-Design. Leider ist die Engine für solche Meisterstückchen nicht konzipiert worden, was sich vor allen in den Ladezeiten beim Einloggen und unschönen Nachladeeffekten im Spielverlauf niederschlägt. Ein konkreter Kritikpunkt betrifft auch das Interface zur Verwaltung der Garnisonsmissionen, hier wurde so viel Animations-Bling-Bling aufgetragen, dass sich das Checken erledigter Missionen zu einem abendfüllenden Prozess auswachsen kann. Hie und da einen optischen Effekt zugunsten der Bedienbarkeit zu opfern hätte dem Garnisonsfeature nicht geschadet.

Ein weiteres sehr gelungenes Feature sind die schon aus Mists of Pandaria bekannten Ingame-Cinematics. Hier kann Blizzard seine volle Klasse ausspielen, um Schurken und Helden gleichermaßen gelungen und cineastisch in Szene zu setzen. Wie schon in unserem WoW-Tagebuch erwähnt gehört der finale Showdown in Nagrand zum Besten, was man in dem Genre an Storytelling erwarten darf. Die kurzen Selbstläufer kommen wohldosiert zum Einsatz, jedes neue Gebiet darf zum Ende hin mit einer krönenden Inszenierung verabschiedet werden. Davon darf’s in Zukunft ruhig mehr sein.

Endgame

Nach knapp einer Woche hat man das neue Levelcap 100 erreicht und wird direkt ins Endgame katapultiert. Statt „Ding! – Was nun?“ lautet die Devise hier „Wo fange ich an?“, denn zu tun gibt es jede Menge: die Garnison aufwerten, Gear farmen, die sieben neuen, heroischen Instanzen unsicher machen, PVP und, und, und. Diese Woche hat auch der brandneue Oger-Raid „Hochfels“ seine Tore für Hobby-Raider geöffnet und lockt mit Items der Stufe 640. Einen legendären Ring stellt Erzmagier Khadgar in einer langen Questreihe in Aussicht, und natürlich will auch das „Meister der Leeren“-Achievment für das Erledigen aller Draenor-Quests erarbeitet werden. Bleibt abzuwarten, in welcher Frequenz die EntwicklerInnen neue Contents nachreichen. In diesem Punkt gab es aber bis dato wenig Anlass zum Zweifel, denn die Welt von Warcraft ist seit jeher regelmäßig mit hochqualitativen Inhalten versorgt worden.

Fazit

Ich könnte noch stundenlang über die Features und Detailverbesserungen in Warlords of Draenor schreiben, aber die essenzielle Frage ist doch: Lohnt sich der Wiedereinstieg für VeteranInnen und der Neueinstieg interessierter NachwuchsheldInnen? WoW ist über die Jahre immer einsteigerfreundlicher und tauglicher für den gelegentlichen Konsum geworden. AnfängerInnen kommen über zugängliche Features wie den Raid-Finder und eine lebendige, hilfsbereite Community schnell ins Geschehen. Diese Tugenden führt Warlords of Draenor konsequent weiter. Für hartgesottene Raider und langjährige Fans bietet das neue Add-on vor allem viel Nostalgie, sinnvolle Neuerungen und jede Menge Content. Als Vanilla-WoW-Veteran ist Warlords of Draenor für mich wie ein zweiter Frühling und ein Liebesbrief der EntwicklerInnen. Mit den Pandas wurde ich nie so richtig warm, und Todesschwinge hat die alte geliebte Welt kaputtgemacht. Das neue alte Draenor hingegen macht mir wahnsinnig viel Spaß und entführt mich gekonnt in die Ära von Burning Cruisade, als WoW noch das war, was es heute wieder ist: das beste MMO aller Zeiten!

[James] An dieser Stelle möchte auch ich mich noch kurz zu Wort melden: Nach einem der schlimmsten Starts in der WoW-Geschichte entpuppt sich das neue Add-on als das beste seiner Art. Nach einem eher mäßigen Mists of Pandaria, das neben dem neuen Content nur wenig Neuerungen mit sich brachte, strotzt Warlords of Draenor in vielen Belangen nur so vor Neuem. Neben den bereits erwähnten Features begeistert auch ein einst beliebter Open-World-PvP-Schauplatz als Battleground: Die Gegend rund um Tarrens Mühle entführt sentimentale Classic-SpielerInnen in eine längst vergangene Zeit. Zwar bleibt aufgrund der zahlreichen PvE-Inhalte kaum Zeit für ausgiebiges PvP, aber dennoch versteht WoW auch in diesem Segment mit dem neuen Add-on zu begeistern. Ergo bleibt mit wenig mehr zu tun, als mich Bernhard anzuschließen: das beste Add-on für das beste MMO aller Zeiten.

9.5

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Jürgi

Die Bewertung liest sich so gut, dass ich echt wieder über eine WoW Rückkehr nachdenke …