This War of Mine (PC) – Das mutigste Spiel seit Jahren

von Max Hohenwarter 18.02.2015

In Zeiten digitaler, moderner Kriegsführung, in welcher wir jedes Jahr aufs neue in der Rolle schwer bewaffneter Elitesoldaten dem Ruf der Pflicht folgen, um uns auf dem Schlachtfeld Ehrenmedaillen für das reihenweise Niedermetzeln gesichtsloser Übeltäter zu verdienen, gehen die 11bit Studios mit This War of Mine den anderen Weg und positionieren die SpielerInnen auf der anderen Seite des Gewehrlaufs, denn wie die EntwicklerInnen gleich zu Beginn postulieren, ist im Krieg nicht jeder Soldat. Lest hier, warum This War of Mine ein digitales Guernica ist.

Krieg, Krieg bleibt immer gleich

Der Krieg begleitet die Menschheit seit wir erkannt haben, dass wir mit einem angespitzten Stock nicht nur Fressfeinde und Beute, sondern auch unseresgleichen töten können, wenn uns Neid oder ähnliche niedere Bedürfnisse dazu treiben. Traurigerweise sind wir eine der wenigen Spezies auf diesem Planeten, die tatsächlich eigene ArtgenossInnen aus diesen Gründen umbringen. Geändert hat sich daran nicht viel. Bewaffnete Konflikte, Zerstörung und Tod gibt es aktuell überall auf der Welt.

Die Leidtragenden sind zum Großteil die in den Krisengebieten festsitzenden Zivilisten. Uns VideospielerInnen wird meist ein Bild dieser Kampfhandlungen vermittelt, das uns in Sicherheit wiegt, weil wir meist als waffenstrotzende Ein-Mann-Armee durch diese Wirren wandern und alles umpusten, was durch den vorherrschenden amerikanischen „Hoorah“-Patriotismus als eindeutiges Feindbild institutionalisiert wurde.

Mit This War of Mine versuchen die 11bit Studios dieses absolut unrealistische Weltbild einzureißen, indem sie uns die Ausnahmesituation, die ein Krieg mit sich bringt, durch die Augen angsterfüllter und ums nackte Überleben kämpfender ZivilistInnen erleben lassen.

Das wahre „Wir“ im Krieg

Einfache Leute sind wir. Ein ehemaliger Fussballspieler, ein Koch und eine Journalistin. Wir sind abgestumpft von den lauten Einschlägen von Bomben und Raketen, fragen uns nur, ob die nächste wohl auf unser Haus stürzen wird. Zu dieser maroden Unterkunft, die wir notdürftig mit Brettern zunageln, um die Krise zu überdauern, sagen wir Zuhause. Das zweckmäßig reparierte Radio informiert uns über den Verlauf des Krieges, dessen Auslöser niemand wirklich kennt, was umso mehr seinen Wahnsinn unterstreicht. Ablenkung davon verschaffen uns nur zerfledderte und abgegriffene Bücher, doch wenn der eisige Wind zu sehr durch unseren Verschlag weht und das letzte Stück Holz im kleinen Ofen zu Asche zerfällt, hat selbst diese Kurzweil ein Ende, denn irgendwie müssen wir die Nacht überstehen ohne krank zu werden.

Krank werden ist alles andere als schwer, denn selbst die einfachsten Überlebensgrundlagen wie fließendes Wasser gibt es schon seit Längerem nicht mehr. Mit primitiven Eigenbau-Filtern gewinnen wir unser Trinkwasser. Lebensmittel sind ebenso rar und das Wenige, das wir aus den verfallenden, jedoch nicht immer unbewohnten Ruinen plündern können, nehmen wir immer in dem schlechten Gewissen, dass wir es den anderen Überlebenden weggenommen haben. Da ist es fast schon eine ausgleichende Gerechtigkeit, wenn wir in der selben Nacht ebenso heimgesucht werden und unsere Nahrungsmittel ebenfalls gestohlen werden. Sie sind zwar selten, aber es gibt durchaus auch die positiven Gegenbeispiele, wenn auf einmal andere Leute freundlich an unsere Tür klopfen, um mit uns Handel zu treiben. Logischerweise kommt es viel öfter vor, dass der menschliche Überlebensinstinkt und der daraus resultierende Egoismus uns gegeneinander aufbringt. Notgedrungen werden wir wieder zu Tieren, die sich um die letzten sehnigen Fleischstücke eines fauligen Kadavers streiten, sich gegenseitig anknurren und im Schlimmstfall gierig zerfetzen. Der Mensch – und das war seit jeher so – ist und bleibt des Menschen Wolf.

Wir hangeln uns von Tag zu Tag und hoffen, dass, während andere sich auf den Schlachtfeldern ihre Ehrenabzeichen durch blinde Pflichterfüllung verdienen, wir unseren eigenen Kampf, unseren Krieg überleben und aus diesem Albtraum erwachen. Die Hoffnung, dass all das nur ein böser Traum ist und auch für alle bleibt, aus dem wir morgen wieder erwachen, stirbt zuletzt. Doch Krieg ist real, egal wo auf dieser Welt und wir sind keine Soldaten. Wir kämpfen diesen, unseren Kampf ums Überleben, This War of Ours!

Fazit

This War of Mine macht keinen Spaß. Warum auch? Krieg ist kein Spaß. Das sollte er auch nicht einmal sein, wenn man, wie in anderen Games üblich, die „toughe“ Ein-Mann-Armee spielt. Doch genau dieses Bild suggerieren uns Call of Duty, Battlefield und Konsorten jedes Jahr aufs Neue.

This War of Mine ist das mutigste Spiel seit Jahren, denn es zerschlägt nicht nur den Traum, im Ernstfall ein/e harte/r und unaufhaltsame/r EinzelkämpferIn zu sein, sondern pulverisiert dieses Trugbild und lässt uns auf diesem harten Boden der Realität mit voller Wucht aufprallen.

Ich enthalte mich aus gutem Grund einer Spielspaßwertung für This War of Mine, gebe aber Jedem und Jeder den Auftrag, diese spielbare Message an den einfachen und von diverser Kriegspropaganda verklärten Menschen zu installieren und den Faustschlag in die Magengrube der Irrationalität zu „genießen“, um Aufwachen zu können! This War of Mine ist Picassos Guernica in digitaler Form! Aufwühlend, traurig, inspirierend und abscheulich zugleich!