Test: Mina the Hollower ist Fan-tastisch
Zwölf Jahre zogen ins Land, seitdem Yacht Club Games‘ Pixel-Schaufler das Licht unserer Screens erblickte. Mit Shovel Knight hat das damals kleine kalifornische Entwicklerstudio einen großen Beitrag zum damals aufblühenden Indie-Hype beigetragen.
Das Original unter den Indie-Devs
Im Kern von nur sechs Entwicklern designed, zeigte das Spiel, dass auch aus kleinen Teams, große Erfolge entstehen können. Im Release-Jahr 2014 wurde der von klassischen NES-Spielen und Designs inspirierte Plattformer bei den Game Awards mit Best Indipendent Game ausgezeichnet. Auch IGN ehrte den Schaufelritter mit der Best Platformer Auszeichnung und der Yacht Club externe Komponist Jake Kaufman erhielt mit seinem großartigen Soundtrack den Best Music Award des größten Gaming-Mediums der Welt.
Seither wurde Shovel Knight durch drei Story-Kampagnen und diverse Challenge- und Bonusmissionspacks erweitert. Neben Shovel Knight haben Indie-Fans auch Plague Knight, Spectre Knight und King Knight in ihre Herzen geschlossen und Yacht Club Games ist seither stetig gewachsen und hat außerdem als Indie-Publisher auch die Träume anderer kleinerer Entwickler*innen wahr werden lassen. Im Jahr 2026 ist es aber letztendlich soweit: endlich lernen wir das erst zweite Franchise des inzwischen auf das Doppelte angewachsene Kernteam kennen. Kann das Action-Adventure der OG-Yacht Clubber Dave Velasco (Lead Designer), David D’Angelo (Lead Gameplay Programmer), Ian Flood (Lead Porting Programmer), Nick Wozniak (Lead Pixel Artist & Animator), Michael Herbster (Game & Level Designer) und Alex Faulkner (Game & Level Designer) dem Erwartungsdruck standhalten?
Zeldasouls Drifter
Während man als Shovel, Plague, Spectre und King Knight noch mit verschiedenen Mobilitätssets von Plattform zu Plattform und von Level zu Level gesprungen, Shovel-gebounced, Sichel-sliced, Potion-jumped und Zepter-spinned. In Mina the Hollower eröffnet uns Yacht Club Games eine weit größere Welt, die wir nach einer kurzen Tutorial-Einleitungsphase frei erkunden können. Ausgehend von der zentral gelegenen Hauptstadt Ossex, ist es an uns zu entscheiden, wohin es gehen soll. In sechs verschiedenen Regionen haben sechs Generatoren als Folge einer Attacke des Verräters Thorne den Geist aufgegeben. (Have you tried, turning it off and on again?) Als Erfinderin und Konstrukteurin der Generatoren ist es also nun an Mina, diese neu zu starten.
Wie gehen wir das an? Screen für Screen ringen wir (ähnlich wie im großartigen Hyper Light Drifter von Heart Machine) diverse Gegner nieder und lernen die Welt mehr und mehr kennen. Wie in den meisten The Legend of Zelda Spielen, begegnen wir dabei diversen NPCs und erledigen verschiedenste Aufgaben für sie, um mit neuen Tools und dadurch neuen Optionen belohnt zu werden.
(c) Yacht Club Games
Anders als in The Legend of Zelda und Hyper Light Drifter jedoch, wächst Mina auch durch klassische Level-Ups zunehmend in die sehr fordernde Rolle. Dem oft überstrapazierten Vergleich nach, leiht auch Mina sich hier Konzepte von FromSoftware’s populärem Dark Souls Genre. Ihr habt das Zeitliche gesegnet, wollt aber eure „Erfahrungspunkte“ (in diesem Spiel Bones genannt) zurück? Richtig geraten. Ein simpler Weg zurück an den Ort eures Ablebens stellt sicher, dass eure mühsame Arbeit nicht umsonst war. Wäre da nicht auch das bemerkenswert hohe Schwierigkeitsniveau, das sich Mina the Hollower ebenfalls aus den Soulslikes leiht. Gleichzeitig bedeutet das auch, dass Mina ganz der Souls-Formel nach, mit besserer Ausrüstung und zunehmenden Upgrades den Gefahren der Insel Tenebrous Isle besser gewachsen ist. Ein wesentlicher Unterschied in unserer Erfahrung ist jedoch die dabei entstehende steile Schwierigkeitsentwicklung.
Zu Beginn unseres Abenteuers bekommt Mina die Wahl zwischen drei verschiedenen Starter Weapons: der Nightstar Kettenpeitsche, den Whisper und Vesper Zwillingsdolchen und dem schweren Blaststrike Hammer. An unsere Lieblings-Bloodborne-Waffe, den Boom Hammer, erinnert, konnten wir dem Blaststrike Hammer natürlich nicht widerstehen… und bereuten diese Wahl leider in kürzester Zeit. Während die Waffenwahl stets eine Frage der persönliche Präferenzen ist, zeigt uns der Blaststrike gleich zu Beginn ein Problem, das uns leider auch weiterhin immer in Mina the Hollower verfolgte: die Tiefenwahrnehmung der Hit-Boxen.
(c) Yacht Club Games
Beat’em’up-Limbo: Wie tief kannst du stehen?
Im Vergleich zu den anderen Start-Waffen, hat der große Hammer weder Geschwindigkeit noch Reichweite auf seiner Seite. Zwar erlaubt er uns (als einzige Waffe zu Beginn) einen Dodge-Roll, doch auch dieser findet stark eingeschränkt nur in vier Richtungen statt. Unterm Strich hat diese Waffe zwar die größte Wucht, aber bietet aufgrund der Trägheit und fehlenden Reichweite sehr schlechte Sicherheit. Mit anderen Worten: Jeder Schlag sollte sitzen, denn in einem bewusst herausfordernden Spiel wird jeder Fehler bestraft. Umso schmerzvoller ist es also, wenn wir unser Hammer sein Ziel verfehlt, weil wir – ähnlich zu Beat’em’Ups a la Streets of Rage oder Teenage Mutant Ninja Turtle Arcades Games – ein paar Pixel zu tief oder hoch im Screen stehen. Dass Tiefenwahrnehmung in einem 3D Spiel mit 2D Artstyle nicht einfach ist, war für uns keine Überraschung.
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Im Laufe des Spiels schalten wir Möglichkeiten frei, uns schneller und unabhängiger zu Bewegen und auch größeren Impact unserer Attacken zu erreichen. Doch auch wenn höhere Flexibilität oder Sicherheitsabstand mit anderen Waffen helfen und mit der Zeit natürlich auch eine Lernkurve einsetzt, hatten wir leider auch später beim Testen anderer Waffen und im Platforming laufend frustrierende Momente. Gerade zu Beginn des Spiels ist damit die Schwierigkeit gefühlt am höchsten bzw. fühlen wir uns als Spieler am hilflosesten. In Anbetracht der sonst glühend positiven Reviews und Fanreaktionen, dürften wir hier wohl in der Minderheit sein. Für uns jedoch hat sich auch nach dutzenden Stunden nie ein befriedigendes Gameplay entwickelt.
Digging it!
Die Ironie der erneut zentralen Mechanik des Grabens (eventuell ein Thema für die/den Yacht Club Betriebstherapeut*in) außen vor, zeichnen sich sowohl von Yacht Club Games entwickelte wie auch gepublishte Titel durch zwei starke Kernelemente aus: eine simple aber vielseitig einsetzbare Gameplay-Mechanik und hervorragendes, modernisiertes Retro-Feeling in Ton und Bild.
Wie erwähnt, dreht sich in Sachen Kern-Gameplay erneut alles um das Graben. Diesmal allerdings sind wir kein Schaufel-schwingender Ritter, sondern eine Maus, die ihrer Natur gemäß in den Boden gräbt. Mit diesem Move bewegt man sich schneller, man weicht Attacken aus und katapultiert sich beim Auftauchen weiter als mit herkömmlichen Sprüngen. Wie ebenfalls bereits in Shovel Knight beweist Yacht Club erneut Exzellenz in Level Design und nutzt Mina’s Bewegungssets hervorragend, um in vielen Screens neuartige Plattform-Challenges zu bieten und damit die Erkundung der großen Welt zwar durchaus fordernd aber auch umso spannender zu machen. Auch die diversen Gadgets, die man in der Welt findet oder bei Händler*innen erstehen kann, faktorieren oft in Wege, die man sich in der Welt eröffnen kann und sind in der Tat oft sogar nötig, um schwierig erreichbare Stellen zu meistern. Hier trifft Shovel Knight auf Zelda und erinnert uns stark an eine moderne Variante von Link’s Awakening mit mehr Platforming.
Yacht Club Games spart keine Kosten oder Mühen und verwöhnt uns mit einer großen Vielfalt an erneut perfekt aufeinander abgestimmten Waffen, Gadgets und Trinkets, die eure Spielweise kombiniert oft völlig auf den Kopf stellen können. Phänomenal!
(c) Yacht Club Games
In gleicher Manier lässt sich auch die Insel Tenebrous nicht lumpen. Genauso wie Mina’s Arsenal, ist auch die Spielwelt von Mina the Hollower bis unter die Decke voll mit interessanten Entdeckungen, von Area zu Area viel Abwechslung in Atmosphäre, zahllosen charmanten Charakteren und einer Fülle an Geheimnissen, die es zu entdecken gilt.
Wie von Yacht Club Games zu erwarten war, entzücken uns dabei auch sowohl NPCs als auch Umgebungen mit einem fantastischen, nostalgischen Pixel-Artstyle. Während Shovel Knight’s Optik vor allem an klassische SNES-Games angelehnt ist, zeigt sich Mina the Hollower vor allem von Game Boy Color spielen wie Links Awakening inspiriert. Wie schon bei ihrem ersten Spiel sind die Sprites und Darstellungsebenen unserer Zeit gemäß natürlich wesentlich komplexer und bieten mehr Immersion, als die fast 30 Jahre alte Handheld-Konsole es könnte. Dennoch hält Mina sich mehr am 8-Bit Style des GBC und lässt sich nicht zu abweichenden Details verleiten, die der Konsistenz des Spiels geschadet hätten.
Luxus Yacht Club mit Beiboot
Mina the Hollower war ein bemerkenswertes Erlebnis für uns. Nicht nur strahlt das Spiel von Yacht Club Games mit herausragender Kreativität in Sachen Gameplay, World Building, Art Design und Soundtrack, sondern liefert zudem eine Fülle und Tiefe an Waffen-, Item- und Gadget-Kombinationen, Geheimnissen, die es zu entdecken und Charaktere, die es kennenzulernen gilt. Und das alles für lediglich 19,99 Euro!
Für uns außerdem bemerkenswert: Viele Gamer*innen werden es kennen. Ein neues Spiel erscheint. Das Internet sprudelt über vor Lob und Hype. Ihr könnt es nicht erwarten, selbst in das Erlebnis einzutauchen. Endlich ist der Download komplett. Ihr legt los und… stellt Stunde um Stunde fest, dass ihr einfach nicht warm mit dem neuesten Hype-Game werdet. Trotz aller Vorzüge hat Mina the Hollower unseren persönlichen Geschmack einfach verfehlt. In unseren über 30 Stunden in Tenebrous konnten wir die Qualität in allen Aspekten klar sehen, aber einfach nicht genießen lernen. Die vor allem anfangs sehr hohe Difficulty kombiniert mit der laufend nicht ganz treffenden Tiefenwahrnehmung und Hitboxes hat unsere Immersion zu oft gebrochen, um einen guten Spielfluss zu entwickeln.
(c) Yacht Club Games
Unsere Geschmacksverwirrung soll allerdings keinesfalls ein Hindernis für Fans von Spielen in den Spuren von The Legend of Zelda und Dark Souls, sowie von Retro Pixelart und Sounds sein. Mina the Hollower ist objektiv betrachtet ohne jede Frage eine Perle an Indie-Gaming-Expertise, mit der Yacht Club Games die Latte erneut sehr hoch für die restliche Spielebranche legt. Für unseren Tester mag Mina the Hollower eher eine 6/10 sein. Die objektivere Wertung jedoch sieht völlig anders aus.
Mina the Hollower ist ab sofort um 19,99 Euro für Nintendo Switch & Switch 2, PlayStation 5, Xbox Series X|S, PC, Mac und Linux verfügbar.