Life is Strange (PS4) im Test

von David Kolb 25.11.2015

Nach dem großen Erfolg von Telltales episodischen, interaktiven Adventures (The Walking Dead, The Wolf Among Us), gibt es mit Square Enix nun einen Kontrahenten am Markt, der sich ebenfalls dieses Genres annimmt. Ob es mit Life is Strange nur eine Nachahmung ist oder Telltales Abenteuer sogar übertrumpfen kann, erfahrt ihr in meinem Test.

Teenie-Hipster Fassade

Life is Strange spielt im verschlafenen und beschaulichen Städtchen Arcadia Bay. Neben einer Strandpromenade, einem großen Leuchtturm und ein paar Diners gibt es dort auch die berühmte Blackwell Academy. Zu Beginn des Spiels kehrt die 18-jährige Max Caulfield deshalb an ihren Heimatort zurück, um dort zu studieren und eines Tages eine erfolgreiche Fotografin zu werden. Gerade in der ersten Episode führt Life is Strange alle Komponenten ein, die ein klassischer Teenie-Film benötigt: Es gibt die arroganten, aber äußerst beliebten Mädels, die coolen Sportler und den schnuckeligen (meine freie Übersetzung von „handsome“) Lehrer. Das und die hoffnungsvolle und leicht melancholische Gitarrenmusik, die einen Sonnenuntergang begleitet, erzeugen einen völlig falschen Eindruck! Ja, es gibt auch ein bisschen Teenie-Drama und ja, ich musste einige Male das Verlangen unterdrücken laut „Hipster“ zu schreien. Hinter dieser Fassade, die das Spiel sehr geschickt einsetzt, verbirgt sich viel mehr als nur Vintage-Filter, Selfies oder kitschige Romanzen.

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Zeit ist relativ

Denn ähnlich wie bei den Telltale Spielen müssen auch in Life is Strange schwierige Entscheidungen gefällt werden, allerdings läuft das hier ein bisschen anders ab. Durch ein bestimmtes Ereignis kann Max die Zeit zurückspulen, zumindest für ca. 30 Sekunden. Das macht sie zwar noch zu keinem Säbel schwingenden Prince of Persia, jede Entscheidung kann dadurch aber rückgängig gemacht werden. Nach dem Rewind kann so die gestellte Frage eines Lehrers doch noch korrekt beantwortet werden oder z.B. mit den gerade erfahrenen Vorlieben des Gegenübers, ein erfolgreicheres Gespräch geführt werden. Zu Beginn hat die Zeitmanipulation auf mich einen merkwürdigen Eindruck gemacht, denn so fallen die spannenden Bauchentscheidungen weg, da ich mir dadurch immer erst alle Optionen mit den jeweiligen Konsequenzen anschauen kann und erst danach entscheide, wie Max sich verhalten soll. Die spontanen und adrenalingesteuerten Reaktionen z.B. aus The Wolf Among Us fallen zwar tatsächlich weg, Square Enix kompensiert das aber mit einem sehr geschickten, erzählerischen Kniff!

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Mystersy-Thriller

Als Max sehe ich zwar alle Optionen vor mir, ich bekomme aber nur die unmittelbare Konsequenz mit, die weitreichenden Folgen kann ich hingegen nur erahnen. Deshalb steht das gesamte Spiel ganz im Zeichen des Butterfly-Effekts, denn hier haben – und das kann ich nach fünf Episoden bezeugen – kleine Entscheidungen oft große Auswirkungen. Diese reichen sogar soweit, dass eine Aktion aus der Ersten eine Szenerie in der dritten Episode bedeutend beeinflussen kann. So kann jede Zeitmanipulation horrende Reaktionen hervorrufen und fatale Konsequenzen haben. Im Gegensatz zu The Walking Dead verhält sich Life is Strange hier viel mehr wie Sonys Until Dawn, das jede getroffene Wahl über Leben und Tod entscheiden lässt. Life is Strange findet hier genau die richtige Mischung aus simplem Vorstadtalltag, einer bei Weitem nicht übermächtigen Heldin, Mind Fuck und Drama. Wie bereits erwähnt, beginnt die erste Episode ein wenig gemächlich, nimmt sich aber dafür genügend Zeit, um die Hintergründe und Motive der Charaktere zu erklären. In den besten Momenten spielt sich Life is Strange wie ein interaktiver Mystery-Thriller, der mich mit abgefahrenen Twists zum Staunen, Zweifeln und vor allem auch Nachdenken bringt.

Immer wieder ein Rätselchen

Wie das immer so ist, bei diesen sehr filmhaften Spielen, weicht hier das Gameplay meist der Erzählung. Zwar gibt es mehr Rätsel, als bei den Telltale Spielen, einige davon sind aber optional. Diese versteckten Aufgaben drehen sich meist um einen seltenen Schnappschuss, den Max in diesen Situationen quasi herbeiführen muss. Oftmals passen diese Fotoszenen ganz gut, da diese indirekt etwas über Arcadia Bay und dessen Einwohner zu erzählen haben. Mehr als nettes Beiwerk sind sie aber nicht, zumindest gibt es dafür aber immer ein Achievement.

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Malerisch

Wie die Musik, die immer wieder im Hintergrund einsetzt, zeichnet auch die Grafik von Life is Strange eine melancholische Stimmung, die von ihrer Einfachheit lebt. Gerade wenn man mit Max am alten Leuchtturm sitzt und sich die untergehende Sonne ansieht, kann man einen wohligen Seufzer kaum unterdrücken. Stilistisch kann Life is Strange daher wirklich glänzen, grafisch merkt man dem Spiel aber deutlich an, dass hier kein Millionenbudget verbraten wurde. Das würde prinzipiell auch gar nichts ausmachen, denn das Spiel weiß mit seinem Aquarelllook und den hübschen Beleuchtungen viel zu kaschieren. Leider sind aber viele Texturen grob oder ploppen erst spät auf. Inszenatorisch hätten zudem flüssigere Animationen und eine etwas detailliertere Mimik viel zur Atmosphäre beigetragen können. So wirken die Protagonisten manchmal ein wenig hölzern und unecht. Dafür ist die Sprachausgabe fantastisch, denn alle SprecherInnen überzeugen und schaffen es gut Emotionen zu transportieren und darzustellen. Hinweis: Life is Strange kann nur auf Englisch gespielt werden!

Life is Strange Fazit

Dontnods Life is Strange ist ein echter Geheimtipp! Nach jedem Ende einer Episode wartet man bereits sehnsüchtig auf die nächste Folge. Dabei schaffen es die Entwickler bis zum Schluss, den Spannungsbogen noch weiter nach oben zu treiben und mir neue What-The-Fuck-Momente zu bescheren. Aber auch die sentimentalen Szenen sind sehr schön gemacht, da die Reaktionen der Charaktere immer authentisch bleiben und ich so an zwei Stellen des Spiels sogar feuchte Augen bekommen habe. Die kleinen Unzulänglichkeiten, wie den grafischen Schnitzern, dem etwas langsamen Storytelling oder dem klischeehaften Teenie Verhalten, kann man Life is Strange schnell verzeihen. Gerade mit einem, für Videospiele angenehm frischen Setting, Abseits von großen Kriegen oder Weltraumschlachten, erzählt Life is Strange ganz einfach eine spannende und schöne Geschichte. Für gerade einmal 20€ sollten hier alle Storyenthusiasten unbedingt zuschlagen.

Wertung: 9 Pixel

für Life is Strange (PS4) im Test von David Kolb
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Mandi
Admin

Oh ja. Das Game spielt mit Gefühlen, egal welcher Altersgruppe man angehört, und die Entscheidungen reichen von belanglos bis hin zu richtig, richtig knüppelhart. Auch ein großer Daumen von mir!