Lego Marvel Avengers (PS4) im Test

von postbrawler 01.02.2016

Das habe ich nicht kommen sehen. Gerade noch habe ich als Marvel Super Hero Manhattan vor den finsteren Schergen des diabolischen Loki befreit, da kommt auch schon ein Nachfolger ums Eck. Oder ein Addon? Story-DLC? Lego Marvel Avengers ist schwer einzuordnen. Wo beispielsweise Lego Batman 3 – Beyond Gotham mit einem Space-Setting seine Open-World-Wurzeln hinter sich lässt, setzt die neueste Lego-Adaption des Marvel-Universums genau da an, wo Marvel Super Heroes aufhört: In einem frei begehbaren und mit Quests gespickten New York. Die Metropole hat sich im Vergleich zum Vorgänger kaum verändert, der Stark-Tower heißt jetzt Avengers-Tower, und da wo einst das X-Men-Anwesen lag, ist jetzt eine schnöde Lagerhalle zu finden. Der augenscheinlichste Unterschied liegt in der Lizenz. Für Lego Marvel Avengers steht die gleichnamige Filmserie des Marvel Cinematic Universe Pate, genauer gesagt die beiden Avengers-Filme. Ob die cineastische Handlung den Super Heroes einen frischen Anstrich verleiht, oder doch nur schnöde Fassade ist, lest ihr in meinem Review.

LegoMarvelAvengers_PS4_Packshot

Was kann da jetzt noch kommen?

Ich muss gestehen, dass ich mir nach dem hervorragenden Lego Marvel Super Heroes bereits dachte: Was kann da jetzt noch kommen? Die Levels: abwechslungsreich und knifflig. Die Charakterauswahl: riesig und vielfältig. Die offene Welt: kann sich mit GTA messen! Einzig der Bezug zu den aktuellen, popkulturell und kommerziell sehr erfolgreichen Filmen war mangels Lizenz nicht gegeben.

An diesem Punkt bessert Lego Marvel Avengers nach und liefert die Handlung beider Filme in nicht chronologischer Reihenfolge als spielbare Missionen. Lokis Flucht aus der einstürzenden Shield-Basis oder Caps Landung auf dem prächtigen Helicarrier wurden genauso in Legosteinchen verewigt, wie der Angriff auf Baron Struckers Festung, oder die Party im Avengers-Tower. Am Spielprinzip hat sich freilich wenig geändert. In althergebrachter Traveller’s Tales-Tradition zerstört man erstmal die komplette Einrichtung eines Areals, um runde Legosteinchen, sogenannte Studs, zu sammeln, und den Blick auf Schalterrätsel freizugeben, die sich mit diversen Lego-HeldInnen lösen lassen.

Laserstrahlen-bewährte Heroes beispielsweise können Metallwände und -gegenstände zerkleinern, während psionisch begabte Charaktere die Kontrolle über PassantInnen übernehmen, und so Schalter an sonst unzugänglichen Orten bedienen können. Die Mechaniken sind so bereits aus unzähligen anderen Lego-Spielen bekannt, und stellen SerienkennerInnen vor keine großen Herausforderungen. Innovative, neue Spielmechaniken sucht man in Lego Marvel Avengers vergeblich, lediglich die bereits aus Lego Hobbit bekannten Team-Up-Mechaniken, in denen die Fähigkeiten zweier HeldInnen kombiniert werden können, haben es als willkommene Abwechslung ins sonst sehr actionlastige Gameplay geschafft.

Wo genanntes Hobbit-, oder Lego Movie-Game mit mehr taktischer Tiefe und rätsellastigem Gameplay aufwarten, setzt Lego Marvel Avengers auf eine cineastische Inszenierung mit jeder Menge Action. Teilweise wurden Szenen der Filme detailgetreu als Zwischensequenzen ins Spiel übernommen, teilweise lassen sich gescriptete Sequenzen als Quick-Time-Events abspulen (Die legendäre Hulkbuster-Szene beispielsweise). Letzteres macht dabei noch am wenigsten Spaß. Unverständlich, warum man den Kampf zwischen Iron Man und dem Hulk nicht als frei spielbare Zerstörungsorgie, sondern als durchgescriptetes Quick-Time-Event geplant hat. Auch anderorts nerven unintuitive Lösungsansätze, wie das viel zu häufig eingesetzte Tablet, auf dem in einem Legoraster versteckte Beacons gefunden werden wollen, oder einfache Schalterrätsel, bei denen drei Richtungstasten in der korrekten Reihenfolge gedrückt werden müssen. Da hat die Lego-Franchise ohne Frage schon kreativere Rätseleinlagen parat gehabt.

Gute Vorlage trifft schlechte Umsetzung

In Puncto Handlung greift Lego Marvel Avengers natürlich auf deutlich geschliffeneres Material zu, als der Vorgänger. Anders als in Lego Jurassic World kann man die Reihenfolge der Filme aber nicht frei wählen, sondern muss sich durch eine vorgegebene Geschichte spielen, die teilweise wild zwischen den beiden Avengers-Filmen wechselt. Insbesondere die Inszenierung des zweiten Filmes leidet streckenweise darunter, dass dieser einfach nicht besonders gut war, wie LeserInnen meiner Review ja bereits wissen. Außerdem werden die Handlungsstränge nur sehr bruchstückhaft in die Kampagne des Spiels integriert, wodurch NichtkennerInnen der Filme schnell den Faden verlieren dürften. Am schlimmsten ist jedoch die deutsche Synchronisation der HeldInnen. Das liegt sogar weniger an den Stimmen, die mit dem Original-Cast nur wenig gemeinsam haben, sondern an den teilweise aus dem Kontext gerissenen Dialogen, die streckenweise völlig deplaziert, oder sogar schlichtweg falsch eingespielt wirken. Wenn ein bereits besiegter Ultron (ich glaube so viel kann man verraten) das Titellied „There are no strings on me“ trällert, dann widerspricht das nicht nur den Filmen, sondern auch der Logik. Auch der teilweise sehr aufgesetzte Lego-Humor, dessen wichtigste Ingredienzen fliegenden Schweine und Softdrinks sind, wirkt aufgrund seiner ständigen Wiederholung eher aufdringlich und nervtötend.

Und das junge Zielpublikum wird sich darüber wundern, wie Szenen der Filme, in denen es doch eher erwachsen zugeht (wir erinnern uns an die Ballett-Szene von Black Widow) in einer naiv-banalen Art und Weise kindgerecht aufbereitet wurden, dass sich dadurch in weiterer Folge wieder grobe Logik-Fehler ergeben. Im Großen und Ganzen muss man leider sagen, dass sich die Lego-MacherInnen an der Avengers-Lizenz überhoben haben, und dass die lose Comic-Geschichte von Lego Marvel Heroes sich aufgrund ihrer Unbefangenheit deutlich spaßiger und stimmungsvoller angefühlt hat.

Macht eine Lizenz schon ein gutes Spiel?

Nun drängt sich die Frage auf: Wenn Lego Marvel Avengers an der Aufgabe, den tollen ersten Teil um die offizielle Geschichte der Kinofilme zu erweitern, gescheitert ist, welche Daseinsberechtigung hat das Spiel dann überhaupt? Gute Frage. Es gibt mit Manhattan immer noch die beste offene Welt bisheriger Lego-Spiele, und sie wurde obendrein noch um sporadische Zufallsmissionen, wie man sie aus GTA kennt erweitert. Aber damit nicht genug, gibt es noch einige andere Open-World-Hubs, darunter auch Washington DC und den Shield Stützpunkt.

Aufgrund der Cinematic-Universe-Lizenz fehlen diesmal zwar die X-Men– und die Spider-Man-Charaktere im Roster, dieser ist mit 200 spielbaren Marvel-HeldInnen aber nicht wirklich kleiner als der des Vorgängers. Viele HeldInnen sind freilich andere Varianten der bekannten Charaktere, aber das kennt man so ja bereits von anderen Lego-Spielen. Nach unzähligen Iterationen ein- und desselben Spielprinzips schleicht sich allmählich auch eine gewisse Abnutzungserscheinung ein. Langsam aber sicher würde ich mir mal ein paar echte spielerische Neuerungen wünschen. Wie wärs beispielsweise mit einem Free-Flow-Kampfsystem wie in der Arkham-Reihe, oder einer Charakter-Progression, die diesen Namen auch verdient? Die verschiedenen Iron-Man-Anzüge lasse ich da einfach nicht gelten.

Fazit

Nachdem mich Lego Marvel Avengers eigentlich recht unvorbereitet erwischt hat, wollte ich mich einfach mal auf die Handlung der tollen Filmvorlagen, und den Vorschuss-Bonus des Vorgängers verlassen. Doch ähnlich wie bei Lego Batman 3 – Beyond Gotham schafft es TT Games leider nicht, den hohen Erwartungen gerecht zu werden, und liefert ein schwach inszeniertes, teilweise lieblos vertontes und größtenteils eher laues Update zu einem großartigen Vorgänger ab. Dass man dabei auch noch mit spielerischen Innovationen geizt, macht das Paket leider nicht recht viel runder, und Lego Marvel Avengers aus meiner Sicht zu einem traurigen Beweis dafür, dass man die Cash-Cow eben nicht beliebig lang melken kann, ohne auch mal frisches Futter heranzukarren. Da helfen auch mehrere Open-World-Hubs und hunderte von HeldInnen nix – ich werde trotzdem weiterhin das originale Lego Marvel Heroes spielen.

Wertung: 6 Pixel

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