HTC Vive Hands-on-Preview

von Ben Vollmann 16.11.2015

Wenn man das MQ in Wien besucht, dann rechnet man ja mit vielem: Enzis, Glühweinstände, Kunst und Kultur. Womit man nicht rechnet, ist, dass man dort ein versunkenes Schiffswrack, ein Alchemielabor und Zombies vorfindet. Genau das und noch mehr erwartet mich aber, als ich mich für ein Hands-on-Demo mit dem VR-Headset HTC Vive ins MQ aufmache.

Schöne neue Welt

Als VR-Enthusiast, der bereits einige Stunden mit dem Occulus DK 2 und diversen Demos verbracht hat, hatte ich gewisse Erwartungen an das HTC Vive, das derzeit in enger Zusammenarbeit mit dem Softwaregiganten Valve entsteht. Gerade bei VR zählt aber in Wirklichkeit nur eines: ausprobieren. Denn egal, wie viele Previews, Videos und Trailer man sich ansieht, die Immersion und das Gefühl, sich in der virtuellen Realität aufzuhalten, lassen sich nur schwer in Worte fassen. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass man am ehesten einen Eindruck davon bekommt, was VR bedeutet, wenn einem ein Kumpel völlig aus dem Häuschen schildert, wie sich so etwas eigentlich anfühlt. Also versuche ich einfach, euch an dem teilhaben zu lassen, was ich seit meiner Hands-On-Demo so ca. jedem meiner technikaffinen Bekannten voller Begeisterung erzählt habe.

Die Geschichte beginnt damit, dass ich einen abgedunkelten Raum betrete, wo der HTC Vive Operator schon auf mich wartet. Nachdem ich meine Jacke abgelegt habe, kann es auch schon losgehen. Ich bekomme eine kurze Einführung zu den Sensoren (zwei davon sind auf Stativen in den Ecken des Raums aufgestellt und sorgen dafür, dass die Controller und die Brille akkurat getrackt werden können) und den Controllern ( die wirken wie zwei aufgemotzte PS-Move-Controller mit einem Sensorcube anstelle der Lichtkugel, jeweils einem Trigger für den Zeigefinger und einem Touchwheel für den Daumen), bevor ich mir die Brille und die Kopfhörer überstülpe und es um mich herum dunkel wird. So stehe ich da, meiner Sinne beraubt und ziemlich gespannt auf das, was mich erwartet.

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99 Luftballons

Plötzlich ein Lichtblitz und dann stehe ich in einem weißen Raum mit Kuppel, der viel größer ist als der Raum, in dem ich mich in Wirklichkeit befinde. Zaghaft schaue ich mich um. Vor mir schweben die digitalen Pendants der Controller, die ich in den Händen halte. Ich wackle mit meinen Händen und bin überrascht, wie perfekt die virtuellen Controller meiner Bewegung folgen. Mein Guide weist mich über die Kopfhörer an, ein paar Schritte zu machen, also spaziere ich los. Nach einigen Metern taucht ein Gitternetz vor mir auf, das, wie ich erklärt bekomme, dazu dient, mich vor realen Hindernissen zu warnen. Dann eben zurück ins Zentrum des Raumes, wo ich jetzt den Umgang mit den Controllern üben soll.

Das Scrollwheel auf dem linken Controller ist inzwischen kreisrund in den Farben des Regenbogens eingefärbt und ich soll mit dem Daumen eine Farbe auswählen. Als ich auf grün klicke, poppt am oberen Ende meines Controllers ein grüner Luftballon auf – herrlich! Ich schüttle meine Hand, er löst sich und schwebt langsam nach oben davon. Staunend recke ich meinen Hals und sehe ihm nach. Ich lasse noch einen Ballon erscheinen, diesmal einen roten und stupse ihn sanft mit der anderen Hand an, bin verzückt, als er genau so reagiert, wie ich es von einem Ballon erwarte. Der Tourguide weist mich dezent darauf hin, dass mir nur wenige Sekunden bleiben, bevor der nächste Teil der Demo startet. Traurig winke ich meinen Ballons zum Abschied.

Under the Sea

Nach einer kurzen, stockfinsteren Ladepause befinde ich mich plötzlich am Meeresgrund. Ich stehe auf dem Bug eines Schiffswracks und um mich herum tümpeln unzählige kleine Fische. Zunächst schaue ich nur und verscheuche mit meiner Hand Fische, die mir zu nahe kommen. Langsam packt mich dann aber die Neugier und ich gehe vorsichtig an die Reling und blicke meiner Höhenangst zum Trotz in den Abgrund. Ein Geräusch lässt mich aufschrecken, ich drehe mich um und sehe einen riesigen Wal, der direkt auf mich zu schwimmt. Mein Guide versichert mir zwar, dass der nur neugierig ist, aber mulmig fühle ich mich trotzdem ein wenig. Als der sanfte Riese schon fast wieder weg ist, schlägt er plötzlich mit der Schwanzflosse und ich ducke mich instinktiv, um nicht getroffen zu werden.

The Office

Die nächste Station meiner Reise ist ein klassischer boxartiger Arbeitsplatz, wie man ihn aus amerikanischen Großraumbüros kennt. Es ist zwar ein wenig unordentlich hier, aber dafür gibt es einiges zu entdecken. Die Controller haben sich in comicmäßige Mickey-Maus-Hände verwandelt und wenn ich den Trigger drücke, kann ich Dinge greifen. Ich schnappe mir einen Papierflieger und werfe ihn quer durchs Büro, dann schnappe ich mir ein Kaffeehäferl und schalte die Kaffeemaschine an, um es mit dem dampfenden Heißgetränk zu füllen.

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Es gibt auch Donuts, die ich essen kann, wenn ich sie in Richtung Mund führe, einen Hüpfball, den ich in die Luft werfe und wieder auffange und einen Computer, der aber keinen Saft hat. Nachdem ich unter den Tisch krieche, um alle Stecker anzustecken und der Computer anspringt, erscheint auf dem Bildschirm eine Mail, die mich darüber informiert, dass ich gefeuert wurde – na klasse. Weil die Zeit schon wieder knapp wird, schnappe ich mir ein paar Akten und werfe sie herum, zerdeppere noch ein paar Gläser und sorge für Chaos – ist sowieso mein letzter Tag hier.

Secret Shop

Mein nächstes Reiseziel ist der Secret Shop aus Dota 2, eine Art Alchemielabor, in dem sich allerhand Kreaturen herumtreiben. Ich bekomme zu Beginn gleich eine Lichtkugel geschenkt, die fortan über meinem Controller schwebt. Die Kugel sorgt nicht nur für herrliche Lichteffekte, sie erlaubt mir auch, Runen zu aktivieren, die an verschiedenen Orten versteckt sind. Klicke ich auf eine Rune, werde ich plötzlich ganz klein. So warpe ich mich an verschiedene Orte und sehe den Shop aus unterschiedlichen Perspektiven. Am Holzträger unter dem Dach merke ich, dass mir meine Höhenangst ein wenig zu schaffen macht. Wenn ich nach unten schaue, macht mir das mehr Angst als das vor Zähnen strotzende Zauberbuch, das neben mir herumhampelt.

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Zombies

Die letzte Station meiner Reise ist eine postapokalyptische Wüste, in der ich zum ersten Mal eine Waffe in die Hand bekomme. Mit einem Druck auf den Trigger hebe ich sie auf und schaue sie mir an. Ich kann sie sogar wie richtiger Gangster waagrecht halten. Das Zielen erleichtert mir ein Laserpunkt, den ich dann auch gleich auf die Zombies richte, die auf mich zukommen. Mit einer zweiten Waffe in der Hand fühle ich mich dann wie ein Actionheld und ballere auf die herannahenden Zombies. Ich kann sogar meine Hände austrecken, eine links, eine rechts und per Kopfdrehung mein ganzes Umfeld im Blick behalten. Nachdem ich alle Zombies erledigt habe, erscheint ein kreisrundes Symbol in einiger Entfernung. Ich ziele, schieße und werde prompt an einen neuen Ort gewarpt, wo ich weiter gegen die anstürmenden Zombiehorden kämpfe. Irgendwann höre ich dann leider schon wieder die Stimme meines Guides und werde daran erinnert, dass meine 30 Minuten mit dem HTC Vive sich dem Ende zuneigen – echt schade.

Fazit

Nachdem ich wieder im realen Umfeld des MQ angekommen bin, brauche ich eine Minute, um die Eindrücke zu verarbeiten. Ein wenig fühlt es sich an, als würde man aus einem intensiven Traum hochschrecken. Ich löchere den netten Herrn von HTC, der mich durch die Demo geleitet hat, noch ein wenig. Ich frage nach dem Releasetermin (wird dieses Jahr noch bekannt gegeben), dem Preis (steht noch nicht fest und wird ebenfalls bald bekanntgegeben), dem Finalisierungsgrad der Hardware (Auflösung und Framerate – beide meiner Meinung nach ausgezeichnet – bleiben, der Formfaktor der Brille ändert sich noch) und bringe meine Begeisterung zum Ausdruck. Seiner Reaktion nach zu urteilen, geht es den Meisten TesterInnen wie mir. Meine letzte Frage gilt dem Platz, den man für das HTC Vive braucht und ich bin erfreut zu hören, dass die Minimalanforderung mit 1,5 mal 2 Metern durchaus wohnzimmertauglich ist (bei meiner Demo hatte ich einen Raum von 5 mal 5 Metern zu Verfügung) und man das HTC Vive auch im Sitzen benützen kann.

Das HTC Vive hat meine Erwartungen übertroffen und meine Bedenken zerstreut. Die Übelkeit, mit der ich beim Occulus DK 2 bei einigen Spielen zu kämpfen hatte, war überhaupt kein Thema und die Möglichkeit, sich in der virtuellen Welt zu bewegen bzw. via Controller mit ihr zu interagieren, steigert die Immersion enorm. Die Demos haben eindrucksvoll gezeigt, auf wie viele Arten man die Möglichkeiten der Hardware nutzen kann. Der Gedanke daran, was namhafte Studios mit entsprechenden Budgets fürs Vive zaubern können, erfüllt mich jetzt schon mit Vorfreude. Der einzige Wermutstropfen ist, dass es noch ein wenig dauern wird, bis das HTC Vive in den Läden steht.