Genialer Genre-Mix: Evoland 2 (iOS) im Test

von Mandi 28.02.2018

Nach dem Überraschungserfolg von Shiro Games’ Evoland hat sich das Team entschlossen, dem Game einen Nachfolger zu verpassen. Ganz wie Teil eins möchte auch Evoland 2 mit verschiedenen Grafik- und Spielstilen punkten, gleich vorweg: Ideen hatten die Jungs und Mädels von Shiro Games zur Genüge. Lest hier den Test zu Evoland 2: A slight case of spacetime continuum disorder! Zur offiziellen Website geht es hier.

Von Evoland zu Evoland 2

Ich persönlich kenne den Vorgänger Evoland und habe ihn sowohl auf PC, Mac als auch iOS heiß geliebt. Trotz oder gerade wegen der kurzen Spielzeit von knapp vier Stunden ist der Wiederspielwert höher, als man es vermuten würde. Das ist auch der Grund, wieso ich Evoland nicht nur ein, zwei oder drei Mal durchgespielt habe.

In aller Kürze für LeserInnen, die Evoland nicht kennen und/oder nicht gespielt haben: Ihr beginnt eure Reise in einer pixelartigen, grün-schwarzen Welt (denkt an die erste Game Boy-Grafik zurück) und schaltet euch graduell neue Features frei. Das beginnt bei freier Bewegung, besseren Sounds und Animationen, geht über eine Story, rundenbasierten Kämpfen bis hin zu neuen Spielprinzipien à la Diablo oder Kartenspielen. In etwa vier Stunden habt ihr die Entwicklung der bisherigen Videospielgeschichte im Großen und Ganzen gesehen und durchgezockt.

Mit dementsprechenden Erwartungen ging ich also an die Arbeit. Als Evoland 2 angekündigt wurde, war ich sofort Feuer und Flamme: Das gleiche Spielprinzip, nur in längerer, neuer Version und vom gleichen Team, das sich schon für das gute alte Evoland verantwortlich zeichnete? Yes please! Ich liebte Evoland heiß und innig, denn wenn ihr so wie ich mit relativ vielen Nicht-SpielerInnen befreundet seid und sie bekehren wollt, gibt es keinen besseren Titel, um die Essenz der Videospielgeschichte einzufangen. Was Evoland für mich so grandios machte, so liebenswert, ist in Evoland 2 zum Erzählmechanismus geworden. Auch in Evoland 2 werdet ihr bessere Grafiken freischalten und noch mehr Spielarten ausprobieren können.

Finger auf den Screen und los!

Euer Abenteuer in Evoland 2 beginnt wie im Vorgänger mit einem kurzen und knappen Tutorial. In feinster Grün-Schwarz-Bitmap-Grafik erlernt ihr das Laufen und Attackieren, bevor ihr auf mysteriöse Weise in einem Wald landet. Dort findet ein Mann euren Helden und bringt ihn in sein Dörfchen, wo euch das Magiermädchen Fina weckt. Nach einem kurzen Gespräch freundet euer noch namenloser Protagonist sich mit Fina an, und die erste Aufgabe ist klar: Ihr müsst ein Schwert finden, damit ihr euch in den nördlichen Wald wagen könnt. Hier zeigt Evoland 2 seine Wurzeln ganz deutlich – ganz wie in traditionellen Rollenspielen ist eine direkte Anleitung rar gesät, ihr müsst mit so vielen Bewohnern wie nur möglich reden, um weiterzukommen.

Habt ihr euer Schwert erhalten, prügelt ihr euch durch den Wald, um Fina zu retten, die gerade von ein paar Pilzen attackiert wird. Die Inspiration stammt natürlich von The Legend of Zelda, nur dass ihr dieses Mal einen Lebensbalken anstatt von Herzcontainern präsentiert bekommt. In der ersten Spielstunde habt ihr dann nicht nur den Einstiegs-Bosskampf gewonnen, sondern auch einen Magilith-Stein gefunden und eure erste Zeitreise erlebt. Naturgemäß ist in der Vergangenheit die Grafik weniger detailliert, wohingegen in der Zukunft alles in 3D abläuft und mit feinsten Texturen dargestellt wird. Am Spielprinzip mit Schwert und Monstern ändert sich zunächst wenig, egal in welcher Epoche ihr euch befindet. Schade ist für mich persönlich, dass sich auch die Anzeige von Leben und Porträts nicht mit den Zeiten ändert: Wie gerne hätte ich eine verpixelte Ansicht in der Vergangenheit, die Standard-Variante in der „Gegenwart“ und eine HD-Version in der Zukunft gesehen!

Allerdings verkommt Evoland 2 trotz aller Schwertarbeit auch im weiterer Folge nicht zu einem reinen Kampfspiel, dafür haben die Jungs und Mädels von Shiro Games von Anfang an gesorgt. Immer wieder gibt es teils richtig knackige Rätsel zu lösen, was in Zeiten von Komplettlösungen niemanden mehr vor ernsthafte Probleme stellt. Ehrgeizige SpielerInnen kommen aber schon mal an die Grenzen, auch die Touch-Steuerung verlangt da etwas Geduld. Es fällt schon nach kurzer Zeit auf, dass das Schema „Sammle X von dies und Y von jenem“ gerne benutzt wird. So gilt es etwa im weiteren Verlauf des Spiels, einige Schlüssel zu finden, eine bestimmte Anzahl von Rätseln zu lösen oder alle Fragmente eines Steines zu finden. Es sollte also für alle SpielerInnen etwas dabei sein – die wahre Abwechslung entpuppt sich aber erst nach ein paar Stunden.

Vielseitigkeit und Geduld sind gefragt

Zuvor bleibt Evoland 2 der RPG-typischen Spirale „Töte, Sammle, Steige eine Stufe auf – töte Stärkeres, sammle Wertvolleres, steige eine Stufe auf“ treu. Was ihr aber dann erlebt, lässt sich nicht anders als ein Feuerwerk an Ideen beschreiben: Hommagen an Bomberman werden auf die Spitze getrieben, der rundenbasierte Kampf feiert ein grandioses Comeback, ihr macht dank Pac-Man, Snake und Pong einen Abstecher ins Retroland, sogar FreundInnen von Street Fighter dürfen sich in Evoland 2 heimisch fühlen. Ein paar Überraschungen hat dieses Game immer für euch parat!

Da Evoland 2 aber durchwegs ein fordernder Titel ist, kann für einige SpielerInnen diese Vielfalt ein Nachteil sein. Wie schon in Evoland zuvor sind die Action-Adventure-Einlagen teils überdurchschnittlich knackig, die rundenbasierten Kämpfe stellen da im Kontrast fast schon eine Entspannung dar. Eine lange Flugsequenz hat mich persönlich länger und stärker gefordert, als ich gerne zugebe, und wenn ihr nichts mit Jump’n’Runs oder Endlos-Runnern zu tun haben wollt, wird euch eine bestimmte Passage in Evoland 2 richtig auf den Geist gehen. Man könnte schon fast sagen, wer Evoland 2 durchspielt, kann dies als eine Art Vielseitigkeits-Medaille vorweisen, wobei der Schwierigkeitsgrad natürlich von einer Dark Souls-Reihe weit entfernt ist.

Dafür sorgen nämlich die vielen und vor allem regelmäßig auftretenden Speicherpunkte, die euch vollständig heilen und einen Checkpoint für spätere Tode darstellen. Gerade in kurzen und fordernden Sequenzen sind diese ein Segen und ihr werdet oft davon Gebrauch machen müssen. Spannend ist jedoch, wie unterschiedlich diese Passagen sind: Während ihr euch mit den einen Abschnitten herumplagt, kann es sehr wahrscheinlich sein, dass sich FreundInnen von euch über ganz andere Herausforderungen aufregen. Doch bei aller Herausforderung gilt für Evoland 2, dass es niemals richtig unfair wird. Bosse haben ihre eigene Systematik, Sprünge kann man durch wiederholtes Probieren perfektionieren und böse Überraschungen bleiben großteils aus. Wäre da nicht nur die Touchscreen-Steuerung…

Fordernd, nicht vollkommen, aber fesselnd

Ihr seht schon: Evoland 2 verlangt von euch ein klein bisschen Hingabe und Durchhaltevermögen – in jeder Hinsicht. Falls ihr also wie bei Evoland erwartet, dass es eine leicht verdauliche Story für zwischendurch gibt, seid ihr schief gewickelt. Das Zeitreise-Thema mittels Magilithen wird richtig ausgereizt bis zu dem Punkt, wo ihr in die Richtung Zeitparadoxen kommt. Auch ist nicht immer klar, wohin ihr als Nächstes müsst. Bedenkt man, bei welchen Spielen sich Evoland 2 die Inspiration holt, ist dies auch vollkommen legitim – für GelegenheitsspielerInnen, die dann und wann ein paar Minuten spielen wollen, kann dies eventuell zu einer Hürde werden.

Zockt ihr allerdings Evoland 2, um es zu genießen, kommt ihr sehr schnell in einen Spielfluss. Das „Nur-noch-schnell-die-nächste-Aufgabe“-Gefühl kommt hervorragend rüber, egal, ob es der nächste Stufenaufstieg, das nächste Rätsel oder zumindest die nächste Reise ist. Als ich einmal auf meinen Spielstand sah und eine zweistellige Stundenanzahl erblickte, hatte ich absolut nicht das Gefühl, so lange gespielt zu haben. Evoland 2 präsentiert euch häppchenweise und Stück für Stück die nächste Etappe, und es ist eine Freude, immer einen Schritt weiterzugehen. Auch, wenn die Story mit den Zeitreisen (Chrono Trigger war ein Witz dagegen) nicht für alle gleichermaßen verdaulich ist, das Spiel macht Spaß, und genau darauf kommt es schlussendlich an.

evoland 2 a slight case of space time continuum disorder

Evoland 2: Anders und deswegen gut

Gleich vorweg: Ich als Fan des originalen Evoland tat mir zunächst richtig schwer, Evoland 2 richtig einzuordnen. Nach den ersten zwei Spielstunden war ich verwirrt, wieso ich nicht „wie gewohnt“ weitere neue Goodies freischalten konnte. Als ich allerdings das Game getrennt vom Vorgänger betrachtete, wurde das Bild gleich viel klarer: Meine Erwartungshaltung war schlichtweg die falsche. Falls ihr also eine exakte Kopie des Spielprinzips von Evoland erwartet, ist Evoland 2 nicht der richtige Titel für euch. Evoland 2: A slight case of spacetime continuum disorder ist viel mehr als das, es ist eine Evolution des Vorgängers.

Das Spiel überhäuft euch nicht ständig mit neuen Features und Ideen, wie es in Evoland der Fall war. Nein, eher bedient sich Evoland 2 einem anderen Prinzip. Hier wird das Hauptaugenmerk auf die Story gelegt, und Teil zwei bietet einen kultigen Mix zwischen den Genres und Zeiten. Wenn ihr euch darauf einlassen könnt, gibt es außer dem teils recht hohen Schwierigkeitsgrad (danke, lieber Touchscreen!) nichts, was euch von Evoland 2 abhält. Das Spiel bietet euch wie kein anderes die Möglichkeit, eure Vielseitigkeit zu testen. Es setzt euch daher einige Herausforderungen aus verschiedensten Teilen der Games-Landschaft vor.

Das ist es, was Evoland 2 auch letztlich auszeichnet: Noch nie zuvor gab es ein solch feierliches Mash-Up von unterschiedlichsten Genres. Shiro Games ist damit meiner Meinung nach auf Gold gestoßen, als Games-Fan kann man gar nicht um den Titel umhin. Und wie es schon nach Teil eins bei mir der Fall war, ist es ebenso nach dem Genuss von diesem Evoland 2: Auch auf iOS ist das Spiel nur zu empfehlen.

Wertung: 9.0 Pixel

für Genialer Genre-Mix: Evoland 2 (iOS) im Test von Mandi

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