Forager im Test – Spiel zur Senkung der Arbeitsmoral

von Marianne Kräuter 14.04.2021

Während ich Forager spielte, kam mir eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll in den Sinn. Darin kommen ein Tourist und ein Fischer ins Gespräch, der – mit seinem Morgenfang zufrieden – trotz guter Wetterbedingungen kein zweites Mal ausfahren möchte. Der Tourist ist ob des fehlenden Arbeitseifers des Fischers entsetzt und malt ihm aus, was er mit mehr Fleiß doch alles erreichen könnte: Das zusätzliche Geld in einen Motor investiert, könnte der Fischer tiefere Gewässer erreichen und dort größere Fische einholen. Mit dem Erlös dieses wertvolleren Fangs könnte er sich irgendwann weitere Boote leisten, um noch mehr Fische zu fangen. Und irgendwann wären ein eigenes Kühlhaus, eine Räucherei, ja gar eine Fabrik möglich!

Für den Tourist in dieser Geschichte scheint Forager entwickelt worden zu sein.

forager - homebase

(c) HopFrog

Es ist nie genug

Denn auch wenn Forager überschaubar beginnt und SpielerInnen mit niedlicher Pixelgrafik einlullt, zeigt es bald seine großen Ambitionen. Kaum hat man mit der Spitzhacke erste Rohstoffe abgebaut und einfache Verarbeitungsmöglichkeiten – wie Schmelzen und Webstühle – erstellt, hat einen die ewige Suchtspirale schon fest im Griff: Materialien sammeln, um Gegenstände herzustellen, um mehr und wertvollere Materialien zu sammeln, um bessere Gegenstände herzustellen, um mehr und…

Neben dem Sammeln und Verarbeiten von Rohstoffen bietet Forager ein wahres Füllhorn leicht verdaulicher Spielmechaniken. So z.B ein Erfahrungspunktesystem, mit dem sich Verbesserungen und neue Bauten freischalten lassen. Monster wollen verkloppt, Dungeons durchkrochen und Charaktere mit ihren Wunschgegenständen versorgt werden. Stets gibt es neue Biome zu entdecken, kleine Rätsel zu lösen und Käfer zu fangen. Also ein bisschen wie The Legend of Zelda trifft Stardew Valley trifft Minecraft. Nur dass Forager in keinem Aspekt den Tiefgang dieser geistigen Vorgänger erreicht.

Forager - Kampf

(c) HopFrog

Spiel vs. Arbeit

Man merkt Forager an, dass das Ein-Mann-Studio HopFrog viel Herzblut in die Entwicklung gesteckt hat. Alles ist bunt und vergnügt. Der Spielinhalt ist erstaunlich groß und breit gefächert. Die Lootspirale flutscht und man kann über dem Spiel gut die Zeit vergessen. Mehr als einmal habe ich mich dabei ertappt, dass ich überrascht auf die Uhr sah und mir sagte: „Ach, nur das eine Upgrade noch, dann mach ich Schluss.“

Und doch fühlt es sich irgendwann nach Arbeit an. Nach zig Spielstunden erledigt man im Grunde genommen noch immer die gleichen banalen Aufgaben wie ganz zu Beginn des Spiels. Nur dass immer neue, zeitaufwändigere Prozesse hinzukommen. Alle Errungenschaften, über die man sich zunächst aufgrund der miteinhergehenden Arbeitserleichterung freut, verblassen bald darauf angesichts der größeren Anforderungen, die es zu erfüllen gilt, um wieder die nächste Stufe zu erreichen.

Da kann es schon passieren, dass man nach stundenlangem Steineklopfen aus seiner Zock-Trance erwacht und sich eine Auszeit vom Wahn des immerwährenden Fortschritts wünscht

Fazit: Ich mache ab jetzt blau

…was mich zum Ende des Tagtraums des Touristen in Bölls Erzählung bringt. Dieser gerät im Laufe seines Monologs über das Fischereiimperium, welches sich vor seinem geistigen Auge entfaltet, in völlige Ekstase. Der schönste Gedanke dabei: Schlussendlich, nach langen Jahren harter Arbeit, könnte sich der Fischer entspannt zurücklehnen, um im Hafen selig in der Sonne zu dösen. – „Aber das tu ich ja schon jetzt“, entgegnet der Fischer.

Und ich deinstalliere Forager.

Forager - Eiswelt

(c) HopFrog

Wertung: 7.6 Pixel

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