Evoland II (PC) im Test

von Mandi 24.08.2015

Nach dem Überraschungserfolg von Shiro Games’ Evoland hat sich das Team entschlossen, dem Game einen Nachfolger zu verpassen. Ganz wie Teil eins möchte auch Evoland II mit verschiedenen Grafik- und Spielstilen punkten, gleich vorweg: Ideen hatten die Jungs und Mädels von Shiro Games zur Genüge. Lest hier den Test zu Evoland II: A slight case of spacetime continuum disorder!

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Von Evoland zu Evoland II

Ich persönlich kenne den Vorgänger Evoland und habe ihn sowohl auf PC, Mac als auch iOS heiß geliebt. Trotz oder gerade wegen der kurzen Spielzeit von knapp vier Stunden ist der Wiederspielwert höher, als man es vermuten würde. Das ist auch der Grund, wieso ich Evoland nicht nur ein, zwei oder drei Mal durchgespielt habe (die tatsächliche Zahl bleibt aus persönlichen Gründen geheim).

In aller Kürze für LeserInnen, die Evoland nicht kennen und/oder nicht gespielt haben: Ihr beginnt eure Reise in einer pixelartigen, grün-schwarzen Welt (denkt an die erste Game Boy-Grafik zurück) und schaltet euch graduell neue Features frei. Das beginnt bei freier Bewegung, besseren Sounds und Animationen, geht über eine Story, rundenbasierten Kämpfen bis hin zu neuen Spielprinzipien à la Diablo oder Kartenspielen. In etwa vier Stunden habt ihr die Entwicklung der bisherigen Videospielgeschichte im Großen und Ganzen gesehen und durchgezockt.

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Mit dementsprechenden Erwartungen ging ich also an die Arbeit. Als Evoland II angekündigt wurde, war ich sofort Feuer und Flamme: Das gleiche Spielprinzip, nur in längerer, neuer Version und vom gleichen Team, das sich schon für das gute alte Evoland verantwortlich zeichnete? Yes please! Ihr könnt euch also sehr gut vorstellen, wie es sich anfühlte, als ich den Zugang zur Beta-Version von Evoland II: A slight case of spacetime continuum disorder erhielt. Die schon vom Vorgänger bekannten Menüsound-Midis erfüllten den Raum, und es war um mich geschehen…

Doch nun weiß ich es besser. Ich liebte Evoland heiß und innig, denn wenn ihr so wie ich mit relativ vielen Nicht-SpielerInnen befreundet seid und sie bekehren wollt, gibt es keinen besseren Titel, um die Essenz der Videospielgeschichte einzufangen. Was Evoland für mich so grandios machte, so liebenswert, ist in Evoland II ein Erzählmechanismus geworden. Ich erwartete, dass ich auch in Evoland II bessere Grafiken freischalten kann, dass ich noch mehr Spielarten ausprobieren kann, dass ich an jeder Ecke Anspielungen auf die Games-Branche finden würde. (Der letzte Punkt trifft übrigens auch auf The Book of Unwritten Tales zu, ein weiterer Pflichtspiel-Hit.) Zunächst wurde ich aber von Evoland II enttäuscht.

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Der Einstieg

Euer Abenteuer in Evoland II beginnt erneut mit einem kurzen und knappen Tutorial. In feinster Grün-Schwarz-Bitmap-Grafik erlernt ihr das Laufen und Attackieren, bevor ihr auf mysteriöse Weise in einem Wald landet. Dort findet ein Mann euren Helden und bringt ihn in sein Dörfchen, wo euch das Magiermädchen Fina weckt. Nach einem kurzen Gespräch freundet euer noch namenloser Protagonist sich mit Fina an, und die erste Aufgabe ist klar: Ihr müsst ein Schwert finden, damit ihr euch in den nördlichen Wald wagen könnt. Hier zeigt Evoland II seine Wurzeln ganz deutlich – ganz wie in traditionellen Rollenspielen ist eine direkte Anleitung rar gesät, ihr müsst mit so vielen Bewohnern wie nur möglich reden, um weiterzukommen.

Habt ihr euer Schwert erhalten, prügelt ihr euch durch den Wald, um Fina zu retten, die gerade von ein paar Pilzen attackiert wird. Die Inspiration stammt natürlich von The Legend of Zelda, nur dass ihr dieses Mal einen Lebensbalken anstatt von Herzcontainern präsentiert bekommt. In der ersten Spielstunde habt ihr dann nicht nur den Einstiegs-Bosskampf gewonnen, sondern auch einen Magilith-Stein gefunden und dank diesem eure erste Zeitreise in die Vergangenheit erlebt. Naturgemäß ist in der Vergangenheit die Grafik weniger detailliert, wohingegen in der Zukunft alles in 3D abläuft und mit feinsten Texturen dargestellt wird. Am Spielprinzip mit Schwert und Monstern ändert sich zunächst wenig, egal in welcher Epoche ihr euch befindet. Schade ist für mich persönlich, dass sich auch die Anzeige von Leben und Porträts (noch?) nicht mit den Zeiten ändert: Wie gerne hätte ich eine verpixelte Ansicht in der Vergangenheit, die Standard-Variante in der „Gegenwart“ und eine HD-Version in der Zukunft gesehen!

Allerdings verkommt Evoland II trotz aller Schwertarbeit auch im weiterer Folge nicht zu einem reinen Kampfspiel, dafür haben die Jungs und Mädels von Shiro Games von Anfang an gesorgt. Immer wieder gibt es teils richtig knackige Rätsel zu lösen, was in Zeiten von Komplettlösungen niemanden mehr vor ernsthafte Probleme stellt, ehrgeizige SpielerInnen aber schon mal an die Grenzen bringt. Es fällt schon nach kurzer Zeit auf, dass das Schema „Sammle X von dies und Y von jenem“ gerne benutzt wird. So gilt es etwa im weiteren Verlauf des Spiels, einige Schlüssel zu finden, eine bestimmte Anzahl von Rätseln zu lösen oder alle Fragmente eines Steines zu finden. Es sollte also für alle SpielerInnen etwas dabei sein – die wahre Abwechslung entpuppt sich aber erst nach ein paar Stunden.

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Vorsicht: Vielseitigkeit ist gefragt

Zuvor bleibt Evoland II der RPG-typischen Spirale „Töte, Sammle, Steige eine Stufe auf – töte Stärkeres, sammle Wertvolleres, steige eine Stufe auf“ treu. Was ihr aber dann erlebt, lässt sich nicht anders als ein Feuerwerk an Ideen beschreiben: Hommagen an Bomberman werden auf die Spitze getrieben, der rundenbasierte Kampf feiert ein grandioses Comeback, ihr macht dank Pac-Man, Snake und Pong einen Abstecher ins Retroland, sogar FreundInnen von Street FIghter dürfen sich in Evoland II heimisch fühlen. Dass dies keine vollständige Liste ist und dass euch darüber hinaus etwa ein Boss im Stile von 1942 erwartet, ist klar: Ein paar Überraschungen sollten schon sein.

Da Evoland II aber durchwegs ein fordernder Titel ist, kann für einige SpielerInnen diese Vielfalt ein Nachteil sein. Wie schon in Evoland zuvor sind die Action-Adventure-Einlagen teils überdurchschnittlich knackig, die rundenbasierten Kämpfe stellen da im Kontrast fast schon eine Entspannung dar. Eine lange Flugsequenz hat mich persönlich länger und stärker gefordert, als ich gerne zugebe, und wenn ihr nichts mit Jump’n#Runs oder Endlos-Runnern zu tun haben wollt, wird euch eine bestimmte Passage in Evoland II richtig auf den Geist gehen. Man könnte schon fast sagen, wer Evoland II durchspielt, kann dies als eine Art Vielseitigkeits-Medaille vorweisen, wobei der Schwierigkeitsgrad natürlich von einer Dark Souls-Reihe weit entfernt ist.

Dafür sorgen nämlich die vielen und vor allem regelmäßig auftretenden Speicherpunkte, die euch vollständig heilen und einen Checkpoint für spätere Tode darstellen. Gerade in kurzen und fordernden Sequenzen sind diese ein Segen und ihr werdet oft davon Gebrauch machen müssen. Spannend ist jedoch, wie unterschiedlich diese Passagen sind: Während ihr euch mit den einen Abschnitten herumplagt, kann es sehr wahrscheinlich sein, dass sich FreundInnen von euch über ganz andere Herausforderungen aufregen. Doch bei aller Herausforderung gilt für Evoland II, dass es niemals unfair wird. Bosse haben ihre eigene Systematik, Sprünge kann man durch wiederholtes Probieren perfektionieren und böse Überraschungen bleiben großteils aus.

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Fordernd, nicht vollkommen, aber fesselnd

Ihr seht schon: Evoland II verlangt von euch ein klein bisschen Hingabe und Durchhaltevermögen – in jeder Hinsicht. Falls ihr also wie bei Evoland erwartet, dass es eine leicht verdauliche Story für zwischendurch gibt, seid ihr schief gewickelt. Das Zeitreise-Thema mittels Magilithen wird richtig ausgereizt bis zu dem Punkt, wo ihr in die Richtung Zeitparadoxen kommt. Auch ist nicht immer klar, wohin ihr als Nächstes müsst. Bedenkt man, bei welchen Spielen sich Evoland II die Inspiration holt, ist dies auch vollkommen legitim – für GelegenheitsspielerInnen, die dann und wann ein paar Minuten spielen wollen, kann dies zu einer Hürde werden.

Apropos Hürden: Die Testversion von Evoland II wurde vor dem Releasetermin am 25. August 2015 bereitgestellt. Hier waren noch einige Bugs vorhanden, die allerdings alle schon gemeldet wurden und voraussichtlich auch zum Launch behoben werden. Dazu zählen etwa Abstürze bei bestimmten BossgegnerInnen, Hängenbleiben in gewissen Konversationen und der Umstand, dass ihr durch sich bewegende NPCs einfach durchlaufen könnt – bei stehenden Charakteren ist dies logischerweise nicht der Fall. Diese Bugs werden von mir natürlich nicht in die Wertung übernommen, doch es kann passieren, dass ihr anfangs noch den einen oder anderen bemerken werdet. Da das Team von Shiro Games allerdings laufend Updates vornimmt, sollte nichts Unvorhergesehenes mehr passieren.

Zockt ihr allerdings Evoland II, wie es die EntwicklerInnen vorgesehen haben, kommt ihr sehr schnell in einen Spielfluss. Das „Nur-noch-schnell-die-nächste-Aufgabe“-Gefühl kommt hervorragend rüber, egal, ob es der nächste Stufenaufstieg, das nächste Rätsel oder zumindest die nächste Reise ist. Als ich einmal auf meinen Spielstand sah und eine zweistellige Stundenanzahl erblickte, hatte ich nicht das Gefühl, so lange gespielt zu haben. Evoland II präsentiert euch häppchenweise und Stück für Stück die nächste Etappe, und es ist eine Freude, immer einen Schritt weiterzugehen. Auch, wenn die Story mit den Zeitreisen nicht für alle gleichermaßen verdaulich ist, das Spiel macht Spaß, und genau darauf kommt es schlussendlich an.

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Evoland II: Anders und deswegen gut

Gleich vorweg: Ich als Fan des originalen Evoland tat mir zunächst richtig schwer, Evoland II richtig einzukategorisieren. Nach den ersten zwei Spielstunden war ich verwirrt, wieso ich nicht „wie gewohnt“ weitere neue Goodies freischalten konnte. Als ich allerdings das Game getrennt vom Vorgänger betrachtete, wurde das Bild gleich viel klarer: Meine Erwartungshaltung war schlichtweg die falsche. Falls ihr also eine exakte Kopie des Spielprinzips von Evoland erwartet, ist Evoland II nicht der richtige Titel für euch. Evoland II: A slight case of spacetime continuum disorder ist viel mehr als das, es ist eine Evolution des Vorgängers.

Anders als das Spiel mit schnellem und regelmäßigem Überhäufen mit neuen Features und Ideen, wie es in Evoland der Fall war, bedient sich Evoland II einem anderen Prinzip. Hier wird das Hauptaugenmerk auf die Story gelegt, und anstatt einem durchgängigen Konzept von Vergangenheit bis zur Gegenwart bietet euch Teil zwei einen kultigen Mix zwischen den Genres und Zeiten. Wenn ihr euch darauf einlassen könnt, gibt es außer dem teils recht hohen Schwierigkeitsgrad nichts, was euch von Evoland II abhält. Das Spiel bietet euch wie kein anderes die Möglichkeit, eure Vielseitigkeit zu testen und setzt euch daher einige Herausforderungen aus verschiedensten Teilen der Games-Landschaft vor.

Das ist es, was Evoland II auch letztlich auszeichnet: Noch nie zuvor gab es ein solch feierliches Mash-Up von unterschiedlichsten Genres. Shiro Games ist damit meiner Meinung nach auf Gold gestoßen, und da in den Presseaussendungen von der „Evoland series“ die Rede ist, bin ich vorsichtig optimistisch, dass Evoland II: A slight case of spacetime continuum disorder nicht das Ende der Fahnenstange ist. Und wie es schon nach Teil eins bei mir der Fall war, ist es auch nach dem Genuss von Evoland II so: Ich liebe das Spiel dafür, dass es ist, was es ist – und wenn ein Nachfolger des Weges kommen sollte, weiß ich schon, was auf meiner Wunschliste landet. Doch bis es so weit ist, gibt es noch Evoland II, und das kann ich nur von Herzen empfehlen.

Wertung: 8.5 Pixel

für Evoland II (PC) im Test
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[…] In meinem Review zu Evoland 2 sparte ich nicht an Lobeshymnen: „Noch nie zuvor gab es ein solch feierliches Mash-Up von unterschiedlichsten Genres. Shiro Games ist damit meiner Meinung nach auf Gold gestoßen, und da in den Presseaussendungen von der „Evoland series“ die Rede ist, bin ich vorsichtig optimistisch, dass Evoland 2: A slight case of spacetime continuum disorder nicht das Ende der Fahnenstange ist. Und wie es schon nach Teil eins bei mir der Fall war, ist es auch nach dem Abspann dieses Titels so: Ich liebe das Spiel dafür, dass es ist, was es ist – und wenn ein Nachfolger des… Read more »