Divinity Original Sin 2 – Großartiger RPG-Epos im Test

von David Kolb 25.09.2017

Ich möchte hiermit eines gleich klarstellen: Divinity Original Sin 2 ist Larians „Summum Opus“. Wikipedia erklärt den lateinischen Begriff als ein Spätwerk, in dem die AutorInnen über lange Jahre erworbene Erfahrung und Kenntnis der Zusammenhänge auf einem Gebiet zu einem Meisterwerk verdichten. Besser kann das Spiel kaum beschrieben werden, denn Divinity Original Sin 2 ist für mich das Rollenspiel des Jahres. Eigentlich solltet ihr jetzt sofort aufhören zu lesen und anfangen zu spielen!

Verbannt sie!

Gut, wer nicht blindlings drauflosspielen möchte, darf sich natürlich auch noch die Begründung an hören warum Divinity Original Sin 2 so gut geworden ist.
Das wichtigste zuerst, die Story spielt 1000 Jahre nach Divinity Original Sin, wodurch keine Vorkenntnisse benötigt werden. Höchstens die eine oder andere Anspielung auf historische Geschehnisse bleibt dann unverstanden, was locker verschmerzt werden kann. Das Spiel beginnt damit, dass meine gerade erstellte Hauptfigur, die Bardin Lohse, die in meinem Fall mit Polymorphen Künsten ausgestattet ist, mit vielen anderen Menschen gefangen genommen und abtransportiert wird.
All jene Gefangenen sind QuellmagierInnen und werden deshalb auf eine eigene Insel verbannt, weil sie potenziell gefährlich sind. Viele dieser Menschen sind aber unter anderem auch Heiler und tun mit ihren Kräften Gutes. Es werden aber alle in einen Topf geworfen und somit erfolgt die automatische Zwangsabschiebung auf eine eigene Gefangenen-Insel. Dieser Storystrang erinnerte mich mehr als nur einmal an unsere derzeitige Flüchtlingsthematik und bietet äußerst interessante Konflikte. Übrigens, damit das auch noch gesagt ist, jede einzelne Dialogzeile wurde vertont! Aber nicht nur das, die (englischen) SynchronsprecherInnen wurden großartig ausgewählt. Außerdem sind die Texte sehr gut geschrieben und verzichten nun auf halbgare Gags.

Unzählige Kombinationen

Auf besagter Insel befindet sich die Freudenfeste, wo die sogenannten Magister herrschen. Das sind die Typen, die Lohse erst auf diese Insel verbannt haben. Schon nach ein paar Stunden erfreut sich meine kämpfende Bardin an einer Party aus vier Mitgliedern und einiger neuer Fähigkeiten. Die rundenbasierten Kämpfe stellen mir als Spiels einen gesamten Physikbaukasten, samt eingestreuter, verrückter Ideen zur Verfügung. Da kann es ganz simpel einfach mal Regnen (auch per Zauber). Dadurch entstehen Pfützen, die vereist werden können, wodurch beim Betreten die Gefahr besteht, dass Freund wie Feind ausrutschen und einen Zug am Boden liegen. Die Lacke, die aber z.B. auch aus Blut oder Öl bestehen kann, kann mit einem Blitz elektrisiert werden, sodass ein schockender Effekt entsteht. Wird die Lacke entzündet, entsteht Dampf und der ist nicht nur Sichtschutz, sondern kann ebenfalls bearbeitet werden.

Dadurch entsteht im weiteren Kampfverlauf eine Giftwolke, wo mit Hilfe der Teleportationsfähigkeit sogar noch der gut geschützte Bogenschütze ganz hinten im Eck reinplumpst. Dann noch mit einem Feuerpfeil die Wolke zur Explosion bringen und der zuerst aussichtslos wirkende Kampf dreht sich zu meinen Gunsten. Interessant ist auch, dass es einen Magie-, sowie einen physischen Rüstungswert gibt. Ist die physische Verteidigung bei meinen Gegnern aufgebraucht kann Lohse Dank Polymorph-Schule diese in ein wehrloses Huhn verwandeln. Das Kampfsystem ist eines der besten, dass ich bei rundenbasierten Kämpfen je gesehen habe. Das Terrain und die unterschiedlichen Begebenheiten (Öl, Feuer, ja sogar verfluchtes Blut), wecken meine Neugier und laden mich auch nach unzähligen Stunden noch immer zum Experimentieren ein.

Das Böse in mir

Die zu Beginn gewählten Klassen sind außerdem mehr eine Empfehlung, wodurch es mir frei steht bei Lohse und ihrer Party alle Fähigkeiten frei weiter zu entwickeln. Da macht das Ausprobieren und Tüfteln mit den verschiedenen Angriffsoptionen noch einmal mehr Spaß. Deshalb machen wir noch einmal einen kurzen Schwenk zum Anfang, nämlich zur Charaktererstellung. Lohse, die Bardin ist einer von sechs Origin-Charakteren. Diese verfügen alle über eine reichhaltige Hintergrundgeschichte, die sich als roter Faden durch die Story zieht. Nicht gewählte Figuren tauchen in der Welt auf und sind rekrutierbar. Jeder und jede verfügt dann über eine ganz eigene Questline. Meine Bardin ist im ganzen Land als Sängerin bekannt, wodurch sie NPCs wiedererkennen und sich teilweise ganz neue Dialogoptionen auftun. Zusätzlich fühlt sie in sich ein Wesen, mit dem sie manchmal redet und welches von Zeit zu Zeit von ihr Besitz ergreift.

Alles dabei: Untote, Kannibalismus und Sklavenhandel

Oder schauen wir uns Fane an, einen Untoten Magier, der von einem alten, vergessenen Volk abstammt. Das sympathische Skelett kann sich Gesichter von Toten abschneiden und diese selbst tragen und sich somit verkleiden. Tut man das nicht laufen Kinder schreiend vor ihm davon, weil sie natürlich Angst vor dem Klappergestell haben. Da gibt es aber auch noch die Elfe Sebille, die gebrandmarkte Meuchelmörderin, die sich auf Rachefeldzug gegenüber ihrem einstigen Meister befindet. Als kleines Detail am Rand, kann sie Leichenteile essen, wodurch sie erfährt, was dieser Mensch zu Lebzeiten so getrieben hat. Das hilft besonders, wenn ein wichtiger NPC das Zeitliche segnet und es mit dem Nachfragen eher schwierig wird.

Hinweis: Wird ein Origin-Charakter als Hauptfigur gewählt, können Aussehen, Klassen und Fähigkeiten trotzdem angepasst werden.

Der Eisdrache …

Das ist aber nicht die einzige Möglichkeit, denn per Perk kann erlernt werden, dass ein Charakter mit Tieren oder mit Geistern oder mit den Geistern verstorbener Tiere reden kann – je nachdem. Überhaupt lässt einem Divinity Original Sin 2 immer die Wahl. Ein Beispiel dazu: Meine Lohse findet mitten im Grünen, einen eingefrorenen See mit einem Eisdrachen. Der Schrecken ist groß, jedoch ist dieser gefesselt und kann nicht reden. Sie kann das schuppige Monster daher umbringen und wertvolle Gegenstände einsacken oder ihn befreien. Befreit man den eisigen Kollegen redet er mit der Party und bittet darum einer Hexe, seiner ehemals Geliebten, einen Quellzauberstab abzunehmen, der ihn von seinem Fluch befreit. Also auf zu besagter Dame, aber wo versteckt sich die überhaupt?

… Und die Hexe

Zum Glück hat der rote Prinz, Partymitglied und seines Zeichens Echsenprinz, gerade vorhin noch mit einer Ratte geplaudert. Die meinte, dass es im Südosten der Insel so schön nach Blutrosen riecht und die hatte ja auch der Drache erwähnt. Also dorthin und mal ein Wörtchen mit der Hexe reden. Die besitzt neben dem wertvollen Stab auch seltene Nekormantie-Skillbücher, die im Kampf wertvolle Fähigkeiten bieten. Ich kann anstatt sie anzusprechen, ihr den Quellstab einfach klauen, ich kann sie versuchen zu überreden, ich kann sie mich überreden lassen und doch den Drachen töten oder aber ich kann sie töten. Und alle diese Optionen bieten noch einmal unterschiedliche Herangehensweisen.

Hat Lohse dann den Quellzauberstab entrissen wird mir klar, dass dieser der Schlüssel zur Flucht von dieser fürchterlichen Insel sein könnte. Also die wichtige Reliquie einfach dem Drachen überlassen oder die Waffe im Kampf gegen die Magister einsetzen? Diese Qual der Wahl taucht ständig im Spiel auf und die vielen Quests und deren Konsequenzen beeinflussen zukünftige Aufgaben – kurzfristig, aber auch langfristig. Das macht das Spiel großartig und jede Entscheidung muss gut überlegt sein.

Ständig eine Karotte vor der Nase

Als würde das nicht schon reichen, entfesselt Divinity Original Sin 2 in mir eine Sammelsucht. Nicht nur, dass es ein umfangreiches Crafting-System, inklusive versteckter Rezepte, gibt, ich werde ständig mit neuen Items und noch besseren, noch selteneren Waffen belohnt. So gibt es neben den Bossen auch unzählige, optionale Dungeons mit Rätseln und coolen Rüstungssets. Und wie immer nutzt Divinity Original Sin 2 seine spielerische Vielfalt. Verstehe ich ein Schalterrätsel nicht, kann ich es vielleicht trotzdem mit Teleportation oder einem anderen Zauber lösen. Wie ich dabei ans Ziel komme wird mir nie vorgeschrieben und das macht das Gameplay so einzigartig. Die vielen kleinen Rädchen greifen wunderbar ineinander.

So geht Multiplayer

Ganz obendrauf auf all diese gut designten Systeme, setzt Larian Studios auch noch einen Multiplayer. Dabei können bis zu vier SpielerInnen (pro SpielerIn, ein Charakter) gleichzeitig durch die Welt von Divinity Original Sin 2 laufen und gemeinsam Quests erledigen. Couch-Coopfans, wie ich es einer bin, werden sich außerdem über einen Splitscreen freuen, wo zu zweit vor einem Bildschirm gespielt werden kann. Zusätzlich gibt es sogar noch einen Gamemastermodus, wo es mit Hilfe von verschiedenen Tools eigene Abenteuer erstellt und geleitet werden können. Larian lässt beim Mehrspielerspaß absolut keine Wünsche offen!

Viel Licht, kaum Schatten

Was gibt es also überhaupt Schlechtes zu berichten? Da muss schon genauer hingesehen werden, aber es gibt sie doch, die kleinen, aber feinen negativen Aspekte. Zum Beispiel, dass jeder noch so sinnlose Gegenstand ungefragt in meine Aktionsleiste gelegt wird (am PC gibt es eine Mod, die das besser löst). Außerdem wird es mühsam immer den Charakter auszuwählen, der für eine Aktion am Besten geeignet ist. So muss darauf geachtet werden, dass z.B. beim Feilschen oder Überreden in Dialogen immer das Partymitglied mit dem jeweils höchsten Wert ausgewählt ist. Da wäre es praktisch gewesen, wenn das Spiel das automatisch macht. Das sind aber alles Kleinigkeiten. Nerviger ist es dann, wenn mal eine Quest kaputt und dadurch nicht mehr abschließbar ist. Zum Glück kommt das nicht häufig vor und beim letzten Update wurden bei mir zwei Quests dadurch wieder spielbar. Larian bemüht sich daher weiterhin redlich darum, damit bei diesem Projekt epischer Größe, auch die kleinsten Fehlerchen ausgebügelt werden.

Divinity Original Sin 2 Fazit

Die Nische der Oldschool Rollenspiel wurde und wird mit Titeln wie Torment: Tides of Numenara, Pillars of Eternity, Wasteland 2 oder eben Divinity Original Sin sehr gut bedient. Divinity Original Sin 2 ist aber ein neuer Meilenstein für das Genre. Larian Studios erschaffen eine wahnwitzige, ausgefallene und geniale Welt mit ungeheurer Spieltiefe. Als ich nach 20 Stunden die erste Karte verlassen habe, hat das Spiel sowohl bei Story, Vielfalt und taktischem Niveau noch einmal zugelegt. Es gibt so viel was sich zu Erforschen und zu Entdecken lohnt und auch nach so vielen Stunden werden mir das Kampfsystem und die vielen, kombinierbaren Fähigkeiten einfach nicht langweilig. Bei Divinity Original Sin gab es noch Schwierigkeiten eine lang anhaltende, fesselnde Geschichte zu erzählen. Beim Nachfolger gibt es nicht nur eine wahnsinnig interaktive Welt, sondern auch coole, interessante Backgroundstories zu den Charakteren und dazu eine packende Geschichte, die später im Spiel noch mehr Fahrt aufnimmt. Deshalb möchte ich Larian zu ihrem eingangs genannten Summum Opus gratulieren. Sie haben es nach mehreren Anläufen endlich geschafft ein rundum poliertes, wie faszinierendes Spielerlebnis zu schaffen.

Wertung: 9.2 Pixel

für Divinity Original Sin 2 – Großartiger RPG-Epos im Test von David Kolb
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Mari
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Mari

Wow! Haben muss! <3