Die Geschichte meiner Frau – Kinokritik

von Michael Neidhart 03.11.2021

Die Geschichte meiner Frau erzählt vom Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Misstrauen. Erzählt von der Frage, wie viel Kontrolle für ein gelungenes Leben nötig ist und wie wir mit dieser latenten Ungewissheit umgehen, die ohne Ausnahme Teil jeder Beziehung zwischen zwei Menschen ist. Die ungarische, vielfach ausgezeichnete Filmemacherin Ildikó Enyedi verarbeitet dazu den gleichnamigen Roman von Milan Füst zu einer Art Kammerspiel, in dem Léa Seydoux als aufreizende Lizzy auf und mit ihrem von der Welt der 1920er Jahre überforderten Ehemann Kapitän Jakob Störr (Gijs Naber) spielt. Josef Hader spielt einen neugierigen und geizigen Hausbesitzer, der ein wenig Wienerisches nach Hamburg verlegt.

Das Meer und die Stadt

Während Kapitän Störr auf hoher See alles unter Kontrolle hat und dabei auch in schwierigsten Situationen richtig entscheidet, scheinen ihm die Zwischentöne menschlicher Kommunikation zu leise, als das er sie wahrnehmen würde. So müssen wir dem sympathischen Seebär dabei zusehen, wie er im offenen, freigeistigen Lebensstil der blühenden, goldenen Zeit nahezu verloren geht. Doch nicht einmal das scheint dem Kapitän zu gelingen. Wäre sein Leben eines seiner Schiffe, stünde er einen Meter neben dem Steuer und würde sich darüber wundern, in welche Richtung seine Lizzy ihn lenkt.

Die fehlende Kontrolle über das Leben als Ehemann kündigt sich bereits zu Beginn des Films an. Per Zufall fällt Jakobs Wahl auf die elegant rauchende Lizzy. Für den mittelalten Mann, der das Meer zu lieben scheint, wird es Zeit eine Frau zu haben. Also beschließt er die nächstbeste, die das Café, in dem er mit einem alten Kompagnon sitz, zu heiraten. „Machen Sie schnell“ folgt als Antwort auf die Begrüßung und Störr erfüllt den Gefallen: „Werden Sie meine Frau“. Die Frage klingt mehr nach Kommando und damit hat sich das Werben auch erledigt. Mehr braucht es nicht. Bedenken hat der Kapitän keine. Die Warnung seines Freundes, eine Ehe als Kapitän würde durch lange Abwesenheit Untreue befördern, beantwortet er kühl und nüchtern: „Das gehört doch dazu.“

Die Geschichte meiner Frau

Langsam lernt der Kapitän seine Frau kennen. Lernt, welches Leben sie führt und welchen Platz er darin einnehmen kann. Gekonnt inszeniert Ildikó Enyedi dieses Wechselbad der Gefühle, in dem der Seemann versucht, nicht unterzugehen. Die Regisseurin beschreibt im Interview seinen Verlust des Selbstvertrauens, das ihn an Board eines Schiffes auszeichnet. Die Sprache ist dabei ein erstes Handlungsfeld, auf dem sein Scheitern beginnt. Wie es sich für einen Ehemann jener Zeit gehört, möchte Störr bei der Polizei etwas für Lizzy lösen. Der Polizist spricht aber nur französisch und ruft einen Kollegen zu Hilfe. Es entsteht eine tragisch-komische Situation, in der die Beamten Störr, als sie bemerken, dass er der Ehemann ist, einen Schnaps anbieten. Die Aussage seiner Frau stimmt nicht mit dem überein, was die Polizisten sagen. Ein erster Vertrauensverlust ist die Folge.

Lizzy scheint ein Leben zu führen, von dem Störr nichts weiß, über das er keine Kontrolle hat. In den Szenen, in denen sich Mann und Frau gegenüberstehen und sich negative Gefühle zu entladen beginnen, braucht es dann wenig Worte. Enyedi gelingt es, mit kurzen, einprägsamen Sätzen, meist nicht mehr als sechs, sieben Wörter, alles zu sagen. Lizzy sieht ihrem Mann tief ins Gesicht und die Räder, die hinter seiner Stirn zu arbeiten beginnen, sind deutlich hörbar.

Ein Film der wahnsinnig fein ist, wie zwischen den Hauptdarstellern, wahnsinnig viel unausgesprochenes da ist. Ich habe mir nicht gedacht, dass ein Film ohne Worte so viel zwischen Menschen zeigen kann. – Josef Hader

Helft ihm doch

Josef Hader beschreibt im Interview genau diesen Punkt, den er an der ungarischen Regisseurin bewundert. Das Gespür, Zwischenmenschliches mit eindrucksvollen Bildern unmittelbar ans Publikum zu bringen. Oftmals wünscht man sich dabei, dem mittelalten Seebären aus seiner Traumwelt zu schütteln. Aber er muss es selbst erfahren, erspüren. Die Geschichte meiner Frau ist eigentlich die Geschichte des Kapitäns. Ein Wanderer zwischen zwei Welten, von denen er nur eine versteht. Die Geschichte beschreibt einen Prozess des Bewusstwerdens. Ähnliche Worte legt Enyedi einem Arzt in den Mund, der mit seiner Art zu sprechen den Bezug zu einem berühmten Wiener nicht abstreiten kann.

Gelungenes Spielt - Das Fazit

Die Geschichte meiner Frau lebt von den grandiosen Bildern und seinen Schauspieler:innen, allen voran Léa Seydoux und Gijs Naber. Ihr stilles, gestenreiches Spiel ist eine angenehme Abwechslung zu den üblichen Ehedramen, in denen lauthals geschrien wird und Gegenstände fliegen. Das passiert hier auch, aber viel eleganter, viel subtiler. Es entsteht fast ein voyeuristischer Genuss, der immer wieder gefüttert wird. Als Lizzy kein Geld bekommt, um Mittagessen zu gehen, agiert sie anscheinend wie ein kleines Kind, dass genau weiß, welchen Knopf es bei seinen Eltern drücken muss, um einen Wutausbruch zu kreieren. Einzig das verschmitze Lächeln zeigt an, das hier alles kühl kalkuliert ist.

Besonders gelungen ist auch das Einfangen der als Golden beschriebenen 1920er Jahre. Nicht pompös, glitzernd und übertrieben. Ildikó Enyedi bringt gerade genug Glanz und Glammer, damit es plausibel wirkt. Hier wird nicht mit Ausstattung und Kostüm ein schwaches Drehbuch aufgepeppt. Josef Hader beschreibt es am besten: “Er ist einer dieser raren historischen Filme, wo man nicht in Kostümen und Dekor erstickt wird, sondern wo man immer das gefühl hat, es könnte auch heute sein.” Der historische Hintergrund ist nicht das ausschlagebende Merkmal dieses Films. Das Verhältnis zweier Menschen wird zwar mit davon geprägt, die Angst vor Verlust und Vertrauen ist aber das zentrale Element und macht den Film dadurch zeitlich versetzbar.

Wertung: 8.5 Pixel

für Die Geschichte meiner Frau – Kinokritik von Michael Neidhart
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