Bananenblatt-Special „Das große Fressen“ im Test

von Natalie Lamprecht 25.05.2014

Spätestens seit Maslow wissen wir: Essen und Trinken gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Die fünf CartoonistInnen Henning Christiansen, Björn Ciesinski, Teja Fischer, Dorthe Landschulz und Oliver Ottitsch haben sich daran gemacht, diese elementaren Vorgänge mit der obersten Stufe des Maslow’schen Pyramide kurzzuschließen und ihren Hunger nach Selbstverwirklichung mit Cartoons zum Thema „Fressen und Gefressenwerden“ in Das große Fressen, einer Spezialausgabe des Satiremagazins Bananenblatt, zu stillen. Das Ergebnis ist ein herrlich anarchistischer Kommentar zum (De-)Goutieren in allen seinen Varianten.

Das große Fressen_Cover

Facts

  • Genre: Satire
  • Publisher: Komische Künste Verlagsges.m.b.H.
  • AutorInnen: Henning Christiansen, Björn Ciesinski, Teja Fischer, Dorthe Landschulz, Oliver Ottitsch
  • Releasetermin: Mai 2014

Da schäl mir einer eine Banane!

Für alle, die das Bananenblatt nicht kennen, hier eine kurze Selbstvorstellung: „Das Magazin für Satire und Kunst“ ist, wir ahnen es schon, ein „Satiremagazin aus Wien und erscheint seit Herbst 2010 vierteljährlich. Wenn es groß ist, will es Politiker in einer Regierungspartei sein.“ Bis es so weit ist, muss es sein Geld jedoch mit ehrlicher Arbeit verdienen – und welche Arbeit könnte ehrlicher sein, als gepflegte Satire zu betreiben, die den Unsinnigkeiten unserer Bananenrepublik mit ebenso viel unverfrorenem Unsinn begegnet? Eben. Hier eine kleine Kostprobe aus dem Internetauftritt des Bananenblatts:

Klimaneutrale Kondome, die dem Grünen-Magazin „Eva“ beilagen, sind unsicher. Tausende Mädchen geben an, schwanger zu sein, nachdem sie die Kondome verwendet hatten. […] Vertreter der FPÖ kritisieren die Ökokondome der Grünen. „Tausende Mädchen schwanger, die FPÖ stellt das an den Pranger“, reimte Herbert Kickl spontan am Telefon. „Ich versteh gar nicht, warum die überhaupt Kondome verwenden“, empörte sich Barbara Rosenkranz. […] Ob der Skandal den Grünen kurz vor der Wahl schadet? Glawischnig wollte im Gespräch mit dem Bananenblatt keine Voraussagen machen. „Ich hab meine Kristallkugel ja nicht dabei.“ http://bananenblatt.wordpress.com/category/uncategorized/ (24. Sept. 2013)

In diesen Kontext des Un- und Wahnsinns bettet sich also die Spezialausgabe Das große Fressen. Wie den MacherInnen des Bananenblatts ist auch den CartoonistInnen nichts und niemand heilig: BiofanatikerInnen, VegetarierInnen, Adipöse, Eigenfleischverliebte, TrinkerInnen, Dekadente, HaustierfetischistInnen, Blinde, Gott, Mütter – selbst Babys kriegen ihr Fett weg. Womit ich bei einem meiner Lieblingscartoon des Heftchens wäre, der programmatisch für das Gros der darin enthaltenen Cartoons ist: der Babywurst. Eltern und alle anderen, die es noch werden wollen und/oder Kinder lieben, sollten jetzt weglesen, denn das ist nichts für Zartbesaitete!

Alle lieben Babywurst

… kündigt uns Oliver Ottitsch in seinem Cartoon vollmundig an, und schon sehen wir, was wir nicht zu sehen gehofft, aber dennoch gefürchtet haben: wie Babys – noch mit Windeln! – durch den Fleischwolf gedreht und schließlich zu kleinen Würstchen, eben Babywurst, verarbeitet werden. Ungläubig blättern wir um, da setzt der Cartoonist noch eins drauf: Auf der Rückseite des Cartoons prangt uns ein Peace-Zeichen made of vielen kleinen Babywürstchen entgegen, eingerahmt von der verballhornten Liedzeile: „All we are saying … is give Babywurst a Chance!“ Wer nun Lennons „Give Peace a Chance“ mit diesen bösen Worten im Gedanken – oder gar laut – trällert, ist genauso verderbt wie ich. Das ist so überhaupt nicht pc und so hinterhältig, dass es eine Freude ist!

Vorsicht, Satire!

Hätte ich Babywurst schon vorher gekannt, hätte ich damals, vor ein paar Wochen, als mich eine Nachbarin fragte, ob ich denn wörtlich „nicht auch Gusta“ bekäme, wenn ich die zwar wonnepröpplich aussehende, doch durch und durch satanische dreijährige Brut einer Freundin betrachte, die mit eben dieser gerade auf Besuch war, einfach an die köstliche Wurst denken und mit dem Brustton der Überzeugung „Ja, sehr“ antworten können, anstatt sie mit einem lapidaren „Nein, überhaupt nicht“ darauf hinzuweisen, dass mir so eine kleine stinkende Nervensäge jetzt nicht ins Haus kommt – was durchaus der Fall sein könnte, war ich ja genau so eine Göre, aus der meine Eltern wohl am liebsten auch Babywurst gemacht hätten. Ihr findet, das überschreitet

Die Grenzen des guten Geschmacks?

Das tut es auch! Wer das nicht mag, sollte lieber die Finger von Nr. 16 des Bananenblatts lassen, vielleicht vom Bananenblatt generell, denn wer schon bei Babywurst die Nase rümpft, wird von vielen anderen Cartoons im Kulinarik-Special auch angewidert sein – versprochen! Es wird geblutet (aus Eigenblut lässt sich auch Blutwurst machen), ejakuliert (Sauce Hollandaise, Eierlikör), gekotzt („Bulimie hin oder her, aber so bringt man kein Kind zur Welt“), fäkalisiert (Fast Food geht so schnell, wie es gekommen ist): Was rein muss, muss auch wieder raus, wobei das, was raus geht, manchmal auch wieder rein … ach, lassen wir das.

Es geht auch lieb!

Um das Ganze zu relativieren, kann ich verraten, dass es zwischendurch auch einfach liebe Cartoons gibt, etwa, wenn ein Riesenwal über die Hecke lugt und fragt, ob sich die nachbarliche Grillerei um „Krillwürstchen“ dreht, wenn der Restaurantgast den Kellner, der wie eine Obergine aussieht, mit „Herr Ober … äh … gine“ anredet oder wenn neurotische Küchengeräte zu Wort kommen (Herd: „Ständig denke ich: Haben sie mich auch wirklich ausgemacht?“). Das brauchen wir LeserInnen zwischendurch wie einen Bissen Brot, sonst wäre das Heftchen wohl unverdaulich.

Nun aber genug der Essensmetaphern. Und ein Wortspiel mit Wurst erpare ich euch auch!

Einmal möchte ich ein Böser sein …

Wer wie ich sonst immer bemüht ist, so politisch korrekt wie möglich zu sein, und seine Mr.-Hyde-Seite so gut es geht sublimiert, wird mit Das große Fressen seine helle (heimliche) Freude haben. Hier wird oft und willentlich die Grenze des guten Geschmacks nicht nur überschritten, sondern weit hinter sich gelassen und fröhlich der Anarchie der Anti-PC gefrönt. Ich kann euch nur raten: Frönt dieser Anarchie mit, das kommt eurer geistigen Gesundheit zugute und unterstützt nebenbei die österreichische Satiremagazinszene, die, wie schon der Bananenblatt-Herausgeber Clemens Ettenauer in einem Wiener Zeitung-Interview gesagt hat, zwar eine lange Tradition hat, aber sehr überschaubar ist. Wir sind doch alle ein bisschen böse und Banane, also: „Give Das große Fressen a Chance!“ That’s all we are saying.

PS: Wer nach der Lektüre von Das große Fressen auf den Geschmack gekommen ist, kann in der Ausstellung „Cartoons! Junge Karikatur mit Biss“, die im Rahmen der Reihe „Kunst am Steinberg“ der Salzwelten Altaussee gezeigt wird, bis 19.10.2014 weitere bitterböse Kunstwerke der fünf CartoonistInnen sehen (Infos zur Veranstaltung). Der Eintritt ist frei!

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