The Banner Saga (PC) im Test

von Ben Vollmann 14.10.2014

Wenn etwas aussieht wie ein Mix aus klassischen Text-Adventures, der 78er-Zeichentrickversion von Der Herr der Ringe und Baldur’s Gate, bin ich grundsätzlich schon einmal interessiert. Wenn es sich bei dem Ganzen dann noch um ein Indiegame und Kickstarterprojekt handelt, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich zusammen mit Kriegern und Riesen auf in den hohen Norden zu machen.

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Von dreien, die auszogen …

Irgendwie kommt einem die Geschichte inzwischen bekannt vor: Trotz des immensen Erfolgs der Spiele, an denen sie arbeiten, vermissen drei Arbeitskollegen bei ihrem Job in einem Big-Name-Studio die gute alte Zeit, als ein Game noch von ein paar FreundInnen in einer Garage programmiert wurde. Kurzum entschließen sie sich also, ihre Sachen zu packen und eine Kickstarterkampagne für ihr gemeinsames Independent-Projekt zu starten. Die Resonanz ist enorm, und schon nach einem Tag ist das Funding-Ziel erreicht. Als der Kickstart endet, haben die Kumpels ein Vielfaches ihres Wunschbudgets erreicht. Ab jetzt warten die zahlreichen UnterstützerInnen gespannt darauf, ob das Spiel hält, was die drei versprochen haben. In diesem Fall handelt es sich bei dem AAA-Studio um BioWare und bei den drei Jungs mit Indie-Ethos um Alex Thomas, Arnie Jorgensen und John Watson. Ihr Passion-Project ist The Banner Saga, und ob es den hohen Erwartungen gerecht wird, klärt mein Test.

Die Götter sind tot

Was mit einem in den Plural gesetzten Nietzsche-Zitat beginnt, ist eine Liebeserklärung an die alte Schule des Gamedesigns und Storytellings. Die Geschichte rund um die riesenhaften Varl und die Menschen, die eine Zweckallianz gegen die Wildlinge … äh, White Walker … nein … gegen die finsteren Wüter aus dem Norden gebildet haben, erinnert nicht nur wegen des depressiven Grundtons an A Song of Ice and Fire/A Game of Thrones. Die weiten Landschaften und mittelalterlichen Dörfer, die ihr auf eurer Reise durchquert, sind ebenso trostlos stimmungsvoll wie der grandiose Soundtrack von Austin Wintory. Erzählt wird die Story von The Banner Saga in wunderschön gezeichneten Bildern mit adventure-esquen Dialogbäumen, in denen ihr die Möglichkeit habt, verschiedene Pfade einzuschlagen. So werbt ihr neue MitstreiterInnen an, erhaltet Gegenstände oder vermeidet Kämpfe, wenn ihr euch als geschickte RednerIn beweist. Ein kleines Manko: Eine Sprachausgabe ist nur an wenigen Stellen vorhanden, meist heißt es lesen, dafür kann aber die Qualität der Dialoge überzeugen. Neben dem Dialogsystem gibt es auch noch den Reisebildschirm, in dem ihr einzelne Dörfer und Städte erkundet und gegen die drohende Wüterinvasion verteidigt, und das rundenbasierte Kampfsystem inklusive Skilltrees, Items und Initiative-Balken.

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Neben einigen klassischen Mechaniken, die wegen des schachbrettbasierten Movement-Systems eher an Disgea und Final Fantasy Tactics erinnern als an das eingangs erwähnte Baldur’s Gate, zeichnet sich das Debütgame von Stoic vor allem durch einen kleinen Twist der altbekannten Formel aus. Wie in solchen Games gewohnt, bewegt ihr eure HeldInnen rundenweise in Reihenfolge ihrer Initiative über das Schlachtfeld und – hier die kleine, aber feine Neuerung – attackiert einen von zwei Balken der gegnerischen Einheiten: seinen Rüstungs- oder seinen Stärkebalken. Der rote Stärkebalken hat zwei Funktionen: Er bestimmt, wie stark ein Gegner zuschlägt, und dient zugleich als seine Lebensenergie. Haut ihr auf diesen Balken, schwächt ihr die feindliche Einheit also offensiv und defensiv. Es gibt aber durchaus einen Haken an der Sache, denn der blaue Rüstungsbalken schützt die Stärke vor euren Angriffen. So hat eure HeldIn oft bei vollem blauen Balken kaum eine Chance, überhaupt Stärkeschaden zu verursachen, während ein Feind ohne Rüstung auch schon mal mit einem Schlag erledigt werden kann. Genretypisch gibt es natürlich auch Spezialangriffe, ein System für kritische Treffer und vieles mehr; das duale Health-System ist aber trotz seiner trügerischen Einfachheit der strategisch spannendste Part der Kämpfe. Ständig müsst ihr abwägen, welche Ressource ihr attackiert und in welcher Reihenfolge ihr die Fieslinge angreift.

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Ragnarök

Der Mix aus gekonntem Storytelling, einem tiefgängigen, nuancierten Kampfsystem und einigen überraschenden Wendungen kann überzeugen. In den gut zehn Stunden, die ihr mit The Banner Saga beschäftigt sein dürftet, kommt selten Langeweile auf. Das liegt sicher ebenso am episodenhaften Aufbau der Geschichte inklusive Cliffhanger wie an den harten und folgenschweren Entscheidungen, die euch immer wieder abverlangt werden. The Banner Saga ist eines jener Spiele, bei dem Story, Art Direction und Gamplay auf wundervolle Weise miteinander harmonieren. Wer so gar nichts mit rundenbasierten Spielen anfangen kann oder nach drei Zeilen Text ohne Sprachausgabe hibbelig wird, sollte sich vielleicht noch einmal überlegen, ob das Game etwas für ihn oder sie ist. Wenn euch aber bei den Begriffen Initiative-Balken, rundenbasiert und isometrisch warm ums Herz wird, solltet ihr euch The Banner Saga auf keinen Fall entgehen lassen.

Nachtrag: Geht’s noch?

Lustig oder traurig? King, die Developer hinter dem Game Candy Crush Saga, besitzen doch tatsächlich die Trademark für das Wort „Saga“ und haben deshalb Einspruch gegen den Titel von The Banner Saga eingelegt, weil ihrer Meinung nach sonst Verwechslungsgefahr zwischen den beiden Games bestehe. Während anfang des Jahres noch gemunkelt wurde, der Rechtsstreit könne das Release eines Sequels verzögern, hat Stoic aber inzwischen bekannt gegeben, dass es mit King inzwischen zu einer Einigung gekommen ist.

Wertung: 9 Pixel

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