Astral Chain Test (Switch): Hassliebe auf den ersten Blick

von David Kolb 26.08.2019

Astral Chain ist das neueste Werk von Platinum Games für die Switch, das Sci-Fi Actionfeuerwerk und Dektetiv-Mistery-Thriller zugleich sein möchte. Ich verbinde mit dem Spiel eine Hassliebe. Warum? Das kläre ich in diesem Test.

Die Sache mit der Erwartungshaltung…

Wer mich kennt weiß, dass ich Spiele wie Bayonetta, Metal Gear Rising: Revengeance, aber auch Nier: Automata, die allesamt von Platinum Games stammen, in höchstem Maße schätze. Also Spiel eingelegt und mir aus einem sehr rudimentären Charaktereditor einen Polizisten gebastelt und dem den Namen Kazuma  verpasst. Das Spiel ist so schreiend stark japanisch, Namen wie John oder Hank hätten nicht ins Setting gepasst und das zeigt sich schon in den ersten Minuten. Sehr filmisch beginnt ein Intro mit Credits, Titelsong und Charakteren, die in Astral Chain eine wichtige Rolle spielen werden, abzulaufen. Kazuma setzt sich auf ein Motorrad und beginnt eine wilde Verfolgungsjagd, die zwar spielerisch wenig anspruchsvoll ist, mich aber an actiongeladene Szenen aus Metal Gear Rising erinnert. Im Geiste warte ich schon spannungsvoll auf die erste Explosion, auf umstürzende Hochhäuser, auf einen Ritt auf einer Rakete, im Prinzip auf einen Adrenalinrush, der mich auf die Vorderkante meines Sofas fesselt. Und dann kommt Platinum Games und bombardiert mich zwei Stunden lang mit dümmlichen Klischees, schwafelt mich zu und möchte dabei aber eine glaubhafte Geschichte erzählen.

Detektiv und Weltenretter

Astral Chain möchte also einen ernsteren Ton anschlagen. Gut, das hat man mit Nier: Automata durchaus gut hinbekommen. Das Spiel dreht sich um ein Geschwisterpaar, dessen Ziehvater bei der Polizei arbeitet und deshalb auch einen Karriereweg als Gendarm einschlägt. Blöd aber nur, dass die Menschheit von der außerirdischen Macht Chimera bedroht wird, die Menschen durch Portale in eine andere Dimension verschleppen. Neben den Portalen verteilt sich zusätzlich rote Materie, die die ansässigen BewohnerInnen verrückt macht und sogar in eine außerirdische Bestie verwandeln kann. Das größte Problem daran ist, dass all diese Gefahren für Menschen unsichtbar sind und die Bevölkerung so rasend schnell dezimiert wird. Der letzte Strohalm der Menschheit ist das Aegis Research Instutes (ARI), dem es gelungen ist, dass einige Menschen unter speziellen Bedingungen Chimären kontrollieren können. Diese gebändigten Kreaturen werden dann Legion genannt und sind mit der namensgebenden Astral Chain mit dem Menschen verbunden, der damit Befehle erteilt. Schnell kommt es dazu, dass Kazuma dank seiner Fähigkeiten, der einzige ist, der die Welt noch retten kann.

Oberflächlich

Neben meinem stummen Protagonisten ist jeder andere Charakter ein Abziehbildchen und so tief gehend, wie eine Lacke am Straßenrand. Das wird besonders deutlich, wenn sich die gesamte Polizeimannschaft am Revier bei euch vorstellt und euch durch ein langes Tutorial durchschleifen möchte. Da fallen dann Sätze wie: „Oh, ich hab dich gar nicht reinkommen hören, weil ich mir gerade meine Lieblingsexplosionen in einem Video angesehen hab.“. Diese plumpen Ausreißer gibt es leider öfter und sind für die eigentlich seriöse Geschichte sehr störend.

Reden, ohne etwas zu sagen

Dazu kommt, dass die Dialoge in den Zwischensequenzen zwar vertont sind, aber die Figuren so lange ihre Münder bewegen, bis die Untertitel ebenfalls durchgescrollt sind. Da die Untertitel im Deutschen oft länger brauchen, als die gesprochenen Sätze der Sprachausgabe, machen die Figuren mit ihren Mundbewegungen einfach weiter, ohne dass dann etwas zu hören ist. D.h. das ist nicht einmal Lippen asynchron, das wurde gar nie angepasst! Das ist eine absolute Frechheit 2019 noch so etwas erleben zu müssen. Das bedeutet nämlich, dass man rumläuft und Charakteren dabei zusieht, wie sie vermeintlich unkontrolliert mit ihrem Unterkiefer zucken. Mit dem A-Knopf könnt ihr die Sätze manuell abbrechen, wodurch dies nicht mehr vorkommt und es erträglich wird. Ich muss aber persönlich jeden einzelnen Satz korrekt skippen, damit das nicht mehr passiert und das ist eine Zumutung.

Der erste Bayonetta-Teil erschien vor genau zehn Jahren und da wurden schon Dialoge Lippen synchron und ohne Probleme dargestellt. Trefft ihr auf unwichtige Nebencharaktere, geben diese mit Onelinern auf Pokémon: Blaue Edition-Niveau wieder, was sie sich gerade denken oder beschreiben die Szenerie, die ich ohnehin selbst wahrnehme. Immer wieder werde ich das Gefühl nicht los, dass mich das Spiel für dumm verkauft.

Endlich etwas Positives

Jetzt kommen wir aber endlich zum Kampfsystem und das ist zwar zunächst eigenwillig, aber auch ziemlich cool. Wie in früheren Platinum Games Titeln gibt es die Möglichkeit mit normalen oder aufgeladenen Schlägen, auf die Feinde einzukloppen. Außerdem gibt es ein Ausweichmanöver, welches perfekt getimet zu einem Konter führt. Die Waffen reichen von einer Pistole für Nahkampf, einem schnellen Schlagstock zu einem großen, langsamen Schwert. Zwischen diesen dreien kann jederzeit gewechselt werden. Mit diesem Arsenal kommt ihr schon ganz gut voran, gegen stärkere Gegner hätte man aber keine Chance. Dann kommt die Legion ins Spiel. Die kann in den Kampf geschickt werden, wo sie dann selbstständig eure Feinde attackiert. Ihr könnt aber nicht die ganze Zeit mit eurem großen Helfer herum laufen, da ihre Energie ständig sinkt. Fällt das Energieniveau auf null verpufft die Legion für kurze Zeit und ihr seid auf euch selbst gestellt. Deshalb verlangt das Kampfsystem mir ab, dass ich sie beschwöre, taktisch klug einsetze und per Tastendruck wieder verschwinden lassen. So kann ich sie sogar vor drohenden Angriffen schützen.

Tag Team Action mit der Legion

Zu Beginn dachte ich sofort, dass es absolut langweilig ist, einen KI-Kollegen an der Backe zu haben, dem man hin und wieder Befehle erteilt. Da hatte ich mich gründlich getäuscht, denn es gibt so viele, coole Manöver, wo mein Hauptcharakter mächtige Kombos meiner Legion auspacken kann. Das beginnt schon bei der Astral Chain, die ein wenig an eine blau funkelnde Hundeleine erinnert, mit der ihr mit der Legion verbunden seid. Per Tastendruck und dem rechten Stick könnt ihr die Legion, mit linken Stick euren Charakter steuern. Schafft ihr es mit der Kette einen Gegner einzukreisen ist dieser für kurze Zeit gefesselt. Ruft ihr im richtigen Moment eure Legion herbei, könnt ihr ein Spezialmanöver auslösen, dasselbe gilt auch für Konter. Mein Kazuma kann sich außerdem per Knopfdruck zur Legion schießen und auf dem Weg allen Gegnern einen Kick verpassen.

Kämpft gemeinsam

Zu Beginn verfügt ihr nur über eine Schwertlegion, später könnt ihr diese dann auch durch eine Bogen oder z.B. eine Bestienlegion jederzeit (auch im Kampf) austauschen. Zu Beginn sind diese noch eher schwach. Ihr könnt sie aber dank eines Levelsystem und eines Skilltrees stark verbessern und dem eigenen Spielstil anpassen. Meiner Schwertlegion war es z.B. schon bald möglich kreisende Schwerter zu beschwören oder per kreisendem Stick, tödliche Pirouetten zu schlagen. Nach etwa fünf Spielstunden hatte ich mich selbst und meine Legion auf ein Niveau gebracht, wodurch die Kämpfe dann einer Art brutalen Paartanz glichen. Bei jeder gut getimeten Aktion leuchtet Kazumas Waffe kurz blau auf, wodurch die Legion aktiviert wird und zum mächtigen Spezialschlag ausholt. Wird das dann noch mit den freischaltbaren Fähigkeiten kombiniert, ergeben sich sehr viel Synergien, die allesamt entdeckt, aber vor allem auch im Kampf in Sekundenbruchteilen abgerufen werden wollen.

Meisterdetektiv Kazuma

Außerhalb des Kampfes geht ihr dann auf Detektivarbeit. Meistens beginnt ein jedes der Kapitel erst mal damit nach Spuren zu suchen und Leute zu befragen. Die ausrüstbaren Legionen gehen euch auch dabei zur Hand. So kann die Bestienlegion nach Fährten suchen, die Schwertlegion Materialien zerschneiden und die Pfeillegion auf Gegner und weit entfernte Gegenstände schießen. Damit und indem ihr Passanten befragt oder für sie kleine Fetchquests erledigt, sammelt ihr Hinweise. Habt ihr dann alles in diesem Gebiet nötige eingesammelt, fragt euch das Spiel dann bestimmte Fragen und ihr müsst aus den gesammelten Ergebnissen eures Notizblocks antworten.

Von wegen Meisterdetektiv

Dabei sind wir abermals eher auf der dümmlicheren Seite angelangt, an Titel wie Sherlock Holmes: Crimes and Punishments braucht ihr dabei nicht denken. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Kapitel, wo sich alles um die Bande der Eremiten dreht, die ihr dann überall antreffen könnt. Das Spiel fragt dann wer hier das sagen hat. In diesem Moment habe ich meinen Fernseher angeschrien und mit zittriger Stimme: „DIE EREMITEN!“ gerufen. Ja, die Eremiten, die du mir seit 30 Minuten andauernd beschreibst und sogar in den Untertiteln rot hervorhebst. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Idiotie und dass mich das Spiel verarschen möchte. So offensichtliche Fragen werden leider immer wieder gestellt und sogar ein Dreijähriger könnte diese beantworten. Es gibt später auch ein paar bessere Beispiele, wo es tatsächlich so etwas wie einen Red Herring gibt. Beantwortet ihr aber einmal etwas falsch, beeinflusst das ohnehin nicht die Story, sondern nur die Bewertung am Ende des Levels.

Miniquests

Irgendwann wird man sich bewusst, dass eher das Beweise sammeln das Problem darstellen soll und nicht das Beantworten der Fragen und in meinem Fall konnte ich mich damit abfinden. Dann wird die Detektivarbeit eine willkommene Abwechslung zu den actionreichen Kämpfen. Es gibt so viele Nebenquests, die erstens in unter einer Minute erledigt werden können und viele davon sind nicht ganz ernst zu nehmen. Da gibt es z.B. Lappy das Polizeimaskottchen, das euch eine Tour durch das Revier gibt, eine Toilettenfee, für die ihr in jedem Kapitel Klopapier suchen könnt, Katzen, die ihr rettet und in der Nähe der Polizeistation besuchen könnt. Außerdem gibt es auch einen Fotomodus, wo Kazuma bestimmte Menschen und Motive ablichten muss und kleine Belohnungen erhaltet.

Systeme greifen langsam

Diese Aufgaben sind meistens mit „nett“ zu bezeichnen und schnell erledigt. Das Gute daran ist, dass ihr damit Erfahrungspunkte, Geld und Materialien bekommt, wodurch ihre eure Legionen und euch selbst aufleveln könnt. Ihr könnt sogar verschiedenste Perks, wie die aus Fallout finden, wodurch ihr z.B. nicht mehr brennen könnt oder eure Legion mehr Energie erhält. Die vielen, einzelnen Rädchen greifen dann sehr gut ineinander und machen mich im Kampf deutlich stärker. Deshalb funktioniert auch diese Karotte vor meiner Nase so erstaunlich gut.

Später im Spiel, man möchte es kaum glauben, gibt es dann sogar ein paar, nennen wir es einmal kleine Twists, die tatsächlich spannend sind. Die grundsätzliche Idee hinter der Chimera ist eigentlich eine interessante. Trotzdem kann es das Spiel dann aber nicht lassen, mir nach einer spannenden Wendung wieder ein weiteres Klischee reinzudrücken – da ist sie wieder die Hassliebe.

Um ein bisschen besser darüber hinweg zu kommen hat Platinum Games eine Koop-Möglichkeit eingebaut, die jederzeit de- bzw. aktiviert werden kann. Der/die zweite SpielerIn übernimmt dann die Kontrolle der Legion. Die Teammanöver sind dann immer noch möglich und müssen gemeinsam ausgelöst werden. Das ist an sich sehr cool, aber kann auch schnell mal ein chaotisch werden. Das Kampfsystem des Spiels ist eben nicht in zehn Sekunden erklärt und schon gar nicht in einer kurzen Zeit gemeistert. Es macht dann aber umso mehr Spaß sich in das System rein zu fuchsen und es irgendwann zu beherrschen.

Cel Shading Anime Look

Dann wird man auch in den Kämpfen von der schnell Musik angetrieben und wird von einem Flow mitgerissen, wo z.B. Devil May Cry 5 nur davon träumen kann. Bei der Grafik sieht der Vergleich allerdings schon anders aus. Manchmal wirkt die Umgebung so, als hätte ich meine alte Xbox 360 an den Fernseher angeschlossen. Der comichafte Look per Cel Shading kaschiert das aber zumindest halbwegs. Das Wichtigste für diese Art von Spiel ist aber, dass es sowohl auf dem Fernseher, als auch im Handheldmodus immer alles flüssig und reibungslos abläuft und das tut es auch. Der Stil an sich ist ganz cool, aber die Grafik ist sogar für Switch-Verhältnisse eher veraltet.

Astral Chain - Mehr Liebe, als Hass

Zwischen Stunde eins und drei habe ich Astral Chain und Platinum Games verflucht. Danach ist aber die Tutorialphase vorbei, man durchblickt das Kampfsystem und die eigenen Legionen werden dank des ausgebauten Skilltrees und der vielen Möglichkeiten immer stärker. Dann erlebe ich dieses klassische Platinum Games Erlebnis mit viel Action und coolen Kämpfen. Auch ein oder zwei Charaktere erhalten hinterher noch etwas interessantere Motive und die Story zieht etwas an. Es beißen sich aber trotzdem die eigentlich schwere und ernste Bedrohung der Menschheit, die mit Krankheit und Tod in der Bevölkerung verbunden ist und die teilweise absurden oder schwachen Dialogen. Meiner Meinung nach wäre das in einem übertriebenen und humorigen Setting, wie es ein Bayonetta nutzt, weniger negativ aufgefallen. Trotz all der berechtigten Kritik habe ich mich immer wieder selbst dabei ertappt, wie ich nur noch einen weiteren Kampf machen oder nur schnell noch das Kapitel abschließen wollte und es dann auf einmal drei Uhr morgens war. Platinum Games hat in Teilen zumindest einen herausragenden Job gemacht und mir ein ungewöhnliches und rasantes Kampfsystem beschert, dass ich in dieser Art noch nie gesehen habe.

Wertung: 8.3 Pixel

für Astral Chain Test (Switch): Hassliebe auf den ersten Blick von David Kolb

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