Xenoblade Chronicles 2 ist, wie auch schon sein Vorgänger, ein gigantischer JRPG-Koloss. Man könnte meinen die riesigen Titanen im Spiel, auf deren Oberfläche sogar Menschen leben, waren Inspiration zum Umfang dieses Spiels. Mich hat das JRPG gepackt und begeistert, obwohl es ein paar deutliche Schwächen aufzuweisen hat.

Fantastische, einfallsreiche Welt

Xenoblade Chronicles 2 ist der Nachfolger des 2010 erschienenen Wii-JRPGs und spielt 500 Jahre nach dessen Ereignissen. Weiterhin leben die Menschen in Alrest, einer Welt, mit riesigem Wolkenmeer und kolossalen Titanen. Diese Wesen sind so gigantisch, dass sie sich über dem Wolkenmeer befinden und dadurch Lebensraum für die Menschen bieten. Doch genau das ist das Problem, denn die Titanen sind sterblich und mit ihnen versinken ganze Städte im Meer. Das führt zu einer angespannten Lage, wodurch die Angst vor einem drohenden Bürgerkrieg immer größer wird. Nach und nach werden im Spiel mehrere, große Reiche vorgestellt.

Da gibt es einerseits das Kaiserreich Mor Ardain, das sehr militärisch und technisch versiert ist. Sie kontrollieren Titanen über ihre zahlreichen technischen Errungenschaften. Gegenübergestellt wird ihnen das naturliebende, imperiale Reich von Gormott. Im Laufe der Story lernt man noch andere Völker und Regionen kennen und alle haben Angst um ihren möglicherweise schwindenden Lebensraum. Xenoblade Chronicles 2 betreibt damit ein großartiges Worldbuilding, mit einer weitreichenden und glaubwürdigen Hintergrundgeschichte. Nach und nach erhält man neue Informationen über Alrest und lernt so über die interessanten Zusammenhänge dieser Welt.

Die Suche nach dem Himmel

In der Welt von Xenoblade Chronicles 2 gibt es aber neben den Titanen, auch die sogenannten Klingen (Blades), magische Wesen (meist in menschlicher Form), die mit einer bestimmten Person eine Verbindung eingehen und diese zu ihrem Meister machen. Lasst euch nicht vom Begriff „Klinge“ verwirren. Mit diesem leblosen Wort ist in Xenoblade Chronicles 2 immer ein reales, selbstständiges Lebewesen gemeint. Rex, der Hauptcharakter des Spiels, ist eigentlich Bergungstaucher, wird aber durch eine Verkettung von Ereignissen zu so einem Meister.

Während einer Erkundung eines altertümlichen, aus dem Wolkenmeer geborgenen Schiffs, berührt der neugierige Taucher die berühmt, berüchtigte Klinge Aegis. Hinter dieser Klinge verbirgt sich Pyra, die über erstaunliche Feuerkräfte verfügt und in Zukunft mit Rex gemeinsam in den Kampf zieht. Pyra stammt aus dem sagenumwobenen Elysium, einem Ort, der sich an der Spitze eines gigantischen Baumes befindet und neben himmlischen Anspielungen, auch noch das Platzproblem der Bevölkerung von Alrest lösen könnte. Pyra und Rex, nun aneinandergebunden, schwören sich besagtes Elysium zu suchen und so den Krieg zwischen den Menschen zu beenden.

Einen zweiten Blick wert

Die Geschichte, wie auch die Charaktere sind auf den ersten Blick oberflächlich und überzeichnet. Rex ist der treue, aber hitzköpfige Held, Pyra ist die tugendhafte, scheue Heldin und später lernt man weitere Personen kennen, die ebenfalls vor Klischees nur so triefen. Auch gibt es Inszenierungen, die weniger liebenswert, dafür eher zum Fremdschämen sind. Da kommt dann der harmlose, kindlich naive und manchmal auch nasenblutende Humor zum Einsatz, mit dem ich wenig anfangen kann. Zum Glück beschränkt sich das aber auf ein Mindestmaß und blickt man hinter diese Fassade, gibt es einige spannende Twists.

Auch die Charaktere sind bei Weitem nicht so eindimensional, wie zuerst angenommen. So verändert der eine oder andere Schicksalsschlag das Wesen der Partymitglieder, die mit Rex mitreisen. Die größte Stärke bleibt aber trotzdem die Welt und ihre Geheimnisse. Wie funktioniert die Bindung zwischen Klingen und Meistern, warum gibt es überhaupt Klingen, welche Bedeutung haben die Titanen und was und wo genau liegt eigentlich Elysium? Diese Fragen werden mit der Hauptstory beantwortet und es tauchen dabei immer wieder neue, spannende Themengebiete auf.  Es gibt so viel über die Welt von Alrest und ihre Lebewesen zu lernen, dass es bis zum Schluss packend und spannend blieb.

Echtzeit mit vielen Variablen

Aber in der Welt von Alrest geht es nicht immer friedlich zu, weshalb viel gekämpft wird. Das Kampfsystem erinnert dabei an Final Fantasy XII und läuft daher in Echtzeit, mit bis zu zwei zusätzlichen Mitstreitern ab, die auch jeweils über eigene Klingen verfügen. Dabei ist frei wählbar, welcher der drei MitstreiterInnen gesteuert wird, die beiden Anderen werden von der KI übernommen. Per Autoangriff laden sich drei Zusatzfähigkeiten auf, die voll aufgeladen eingesetzt werden können. Die Zusatzangriffe sind nicht nur stärker, sondern offenbaren auch ganz spezielle Effekte.

Mit Rex „Anchor Shot“ lassen Gegner Heiltränke fallen, mit seinem „Double Spinning Edge“ macht man besonders viel Schaden, wenn der Angriff den Gegner seitlich trifft. Dabei gehören diese Angriffe eigentlich gar nicht zu Rex, sondern zur ausgerüsteten Klinge. Man erhält im Spiel immer wieder Kernkristalle, aus denen man neue Klingen, mit neuen Fähigkeiten freischaltet. Diese können dann die Klassen Angriff, Verteidigung oder Heilung besitzen. Es gibt ab einem gewissen Zeitpunkt im Spiel sogar die Möglichkeit mehrere Klingen auf einmal einzusetzen und diese im Kampf daynamisch auszutauschen. Mit geschicktem Timing der Zusatzfähigkeiten lädt sich zusätzlich der Spezialangriff, der Klingen schneller auf, der in bis zu vier verschiedenen Stufen ausbaubar ist.

So viele Möglichkeiten

Wir sind aber immer noch nicht am Ende angelangt, denn ein weiterer Balken lädt sich auf, mit dem man entweder gefallenen Freunde wiederbelebt oder einen ultimativen Gegenschlag aller drei Partymitglieder auslöst. Das Kampfsystem birgt daher eine gewisse, spielerische Tiefe – in den Gefechten gegen Standardmobs, benötigt man aber meist nur die drei sich aufladenden Zusatzangriffe und das Austauschen der Klingen. Auf jeden Fall lädt das System ungemein dazu ein, mit verschiedenen Partymitgliedern und unterschiedlichen Klingen herumzuexperimentieren. Einige Bossfights, die schon mal an die zehn Minuten und darüber hinaus dauern können, wurden mir aber dann doch ein wenig langatmig. Solange der Boss keine neue Stufe hat, bleibt der taktische Ablauf gleich und ist daher nicht sehr abwechslungsreich.

Leveln ist Leben!

Sowieso sollte man aber niemals Gegner (auch Standardmobs) angreifen, die einen höheren Level haben, als man selbst. Bei gerade mal fünf Stufen Unterschied werden Rex und seine Freunde gnadenlos umgeholzt. Das bedeutet, dass Leveln sehr wichtig ist und mich das Spiel dazu bringt, brav zu grinden und Nebenaufgaben zu erledigen. Am schlechtesten dabei gefallen mir dabei die Passagen, wo sogar die Hauptmission von mir möchte, dass ich mich vom letzten Storyabschnitt in ein neues Gebiet ergrinde. Dabei gibt es nämlich nichts anderes zu tun als zu laufen und optional die am Weg liegenden Kämpfe auszutragen, damit ich auch ja im Level ansteige und danach für die weitere Story nicht zu schwach bin. Seltsam ist auch, dass mich Xenoblade Chronicles 2 darauf hinweist, dass ich für Nebenquests Erfahrungspunkte bekomme und diese optional gegen Levelaufstiege eintauschen kann.

Je nachdem, ob mir das Spiel zu leicht oder zu schwer ist, soll ich nach meinem eigenen Gusto diese Levelaufstiege einlösen. Das ist für mich schlechtes Gamedesign, denn ich möchte das Spiel nicht selbst balancen müssen. Zum Glück aber für Xenoblade Chronicles 2 fällt dies nur wenig ins Gewicht und trübt den Gesamtspielspaß kaum. Ich habe auf meiner Reise diese Erfahrungspunkte immer genutzt, wodurch das Spiel weniger grindy wurde und mir somit mehr Spaß gemacht hat.

Ein vollgestopftes Featurefestival

Außerdem bietet mir das Spiel so viel nebenbei. Ich kann Mini-Achievements erledigen (setze X-Mal Attack Y ein, etc.), wodurch meine Klinge verstärkt wird. Ich kann die Spezialangriffe der Partymitglieder leveln. Es gibt viele verschiedene Waffen- und Ausrüstungsgegenstände und mit Kernkristallen kann ich komplett neue Klingen erschaffen. Die gibt es in verschiedenen Seltenheitsstufen und wenn ich Glück habe, erhalte ich dadurch sogar einzigartige Klingen, die ganz andere Waffen und Fähigkeiten besitzen. Dadurch wird sogar mein Pokémon-Sammeltrieb angeregt und ich möchte die verschiedensten Klingen freischalten und entdecken.

Es ist sogar möglich aus meinen nicht genützten Klingen eine Söldnertruppe zu formen und diese dann auf Missionen zu schicken. Ja, es gibt sogar eine künstlich hergestellte Klinge namens Poppi, die ich nicht über normalem Wege verstärken kann. Stattdessen muss man ein kleines, aber feines 8-Bit-Minispiel spielen und dort Schätze sammeln, um Poppi verbessern zu können. Es gibt so viele, kleine, schöne Ideen, die alle einen sinnvollen Platz in Xenoblade Chronicles 2 und dafür muss ich das Spiel gebührend loben. Und da wir gerade beim Umfang sind, sei last but not least für alle O-Ton-Fans erwähnt, dass das Spiel sowohl auf Japanisch, wie auch Englisch vertont ist und auch so konsumiert werden kann.

Schattenseiten

Trotz der wahren Fülle an Features ist das Spiel sehr gepolished und ich konnte nur ein paar kleine, unbedeutende Bugs (z.B. Clipping) ausmachen. Dafür sieht das Spiel teilweise aus wie ein PS3-Titel. Versteht mich nicht falsch, für das Genre der JRPGs ist das Spiel grafisch noch immer gelungen (ich blicke da in deine grobkörnige Richtung Tales of Berseria). Natürlich wird die Grafik im Handheldmodus der Switch nicht besser, aber immerhin wird der Bildschirm damit auch kleiner und es fallen gewisse Effekte nicht mehr so auf. Klare Kritikpunkte am Fernseher sind das seltene, aber unschöne Kantenflimmern, das Aufpoppen von Grasbüscheln und anderer Vegetationen in der Ferne, sowie das Nachladen von Texturen, die ohnehin eher schwammig und verwaschen sind.

Dafür weiß Xenoblade Chronicles 2 aber seine Stärken auszuspielen und hat märchenhafte und fantasievolle Landschaften und Städte im Repertoir. So wird man z.B. durch das Wackeln der gigantisch großen Schwanzflosse des Titanen daran erinnert, dass man sich selbst gerade auf einem dieser lebenden Monstrositäten befindet und nicht auf einem statischen Objekt. Das ist schon sehr cool und trägt stark zur Atmosphäre bei. Außerdem finde ich den Soundtrack fantastisch, der es in den verschiedensten Situationen genau auf den Punkt bringt, die gerade erwünschte Stimmung noch zu untermauern.

Xenoblade Chronicles 2 Fazit

Ich habe jetzt schon einige negative Punkte aufgezählt, die mir an Xenoblade Chronicles 2 nicht gefallen. Die schwache Grafik, das auferlegte Grinden und die manchmal klischeehaft agierenden Charaktere. Dazu sei außerdem noch erwähnt, dass ich wahrlich kein brennender JRPG-Fan bin und mich mit der Form der Erzählung erst zurechtfinden musste. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Monolith Soft und Nintendo gelungen ist, ein großartiges Rollenspiel zu kreieren, das vollgestopft mit Features ist. Besonders gut gefällt mir auch die Mobilität, durch die Nintendo Switch, denn so kann ich Xenoblade Chronicles 2 auch im Zug oder im Bett problemlos weiterspielen. Xenoblade Chronicles 2 ist für mich der letzte große AAA-Paukenschlag 2017, der ein sensationelles, außergewöhnliches Spielejahr abschließt.