Mit Call of Duty WWII kehrt Activision zu den Wurzeln des Shooter-Genres zurück und bearbeitet einen der tragischsten Konflikte unserer Geschichte. Viele Kommentatoren sehen darin einen Rückschritt, da dieses Thema innerhalb der Serie bereits verwendet wurde und insgesamt alles andere als neu ist. Dabei übersehen sie aber einen ganz pragmatischen Hintergrund.

Der mit der Kuh tanzt

Call of Duty WWII ist bei weitem keine eierlegende Wollmilchsau. Dennoch lohnt ein Blick in die Tierwelt, um zu verstehen, welches Prinzip Activision mit dieser Serie verfolgt. Gleich einer Kuh, die ihre Nahrung stundenlang wiederkäut, um sie in verschiedenen Mägen zu verwerten, bauen die EntwicklerInnen auf die vorigen Teile. Neues Spielprinzip? Nicht vorhanden. Innovative Kampagne? Fehl am Platz. Neuerungen beim Multiplayer? Wozu? Ich lehne micht jetzt mal weit aus dem Fenster und sage, dass das schon OK ist. Warum sollte eine erfolgreiche Formel, die Abermillionen Dollar eingespielt hat, auch verändert werden? Diese Frage begleitete mich von Beginn an. Aber bereits im kleinen Landungsboot, welches sich seinen Weg tapfer an den Strand der Normandie kämpft, hat sie sich für mich geklärt. Ich will gerade nirgendwo anders sein als hier.

Um zu ergründen, warum Activision sich wieder dem altbekannten Thema 2. Weltkrieg widmet, wage ich einen kurzen Exkurs. Ich kann ihn mit nichts belegen, den er stellt vielmehr ein Gedankenexperiment dar. Ich lade euch ein, mir gedanklich zu folgen und die Kehrseite des Jammerns um vertane Chancen beim Entwickeln von Videospielen kennen zu lernen.

Pragmatische Wende

Was zeichnet einen erfolgreichen Publisher wie Activision aus? Die Jungs und Mädchen wissen ganz genau, was sie tun. Wer einen AAA-Titel entwickelt, will die Welt nicht verändern. Dieses Feld überlassen die Großen lieber den Independent-Games. Ähnlich wie beim Film, geht es meist darum, die inzwischen unglaublichen Summen, die ausgegeben werden, um so ein Spiel zu entwickeln, wieder herein zu spielen. Das bedeutet nicht, dass die Spiele schlecht sind, bei weitem nicht. Ich spreche vom Anspruch, der an das Spiel gestellt wird.

So las ich in einer Kritik, dass Activision die Chance vertan hat, den 2. Weltkrieg angemessen aufzuarbeiten. Wie soll das gehen? Ich laufe mit verschiedenen Waffen bestückt quer durch Europa, schieße scharenweise Nazis zusammen und dank der Zwischensequenzen verstehe ich einen der größten Konflikte unserer Geschichte besser. Tut mir Leid, aber so funktioniert das nicht. Wer so einen Vorwurf vorbringt, hat das eigentliche Thema leider übersehen. Dazu aber später mehr.

Lasst uns doch einfach wieder Nazis abknallen. Das geht immer!

Seit längerem rücken die beiden Weltkriege wieder vermehrt in den Fokus. Das hat mit verschiedenen Gedenktagen zu tun, die in den letzten Jahren auf uns zu kamen und uns bevorstehen. Zudem zieht das Thema „Terroristen bedrohen die Welt“ auch nicht mehr so stark, da es zu einer tragischen Konstante der Post-9/11-Zeit geworden ist. EntwicklerInnen haben sich also zusammengefunden, um darüber nachzudenken, wie diesem Umstand zu begegnen ist. Und dann hat irgendjemand bei irgendeiner Besprechung, sicher ohne aufzuzeigen, rausgerufen: „Lasst uns doch einfach wieder Nazis abknallen. Das geht immer!“ Gesagt getan und eine der erfolgreichsten Spielserien ist zurück in Nazi-Deutschland. Natürlich gab und gibt es auch andere Konflikte auf der Welt, die tragisch sind und waren. Für den angepeilten Markt, USA und Europa, lässt sich aber kein einfacher verwertbares Feindbild finden.

Das in der deutschen Fassung wieder mal keine Hakenkreuze zu finden sind und die feindlichen Soldaten Krauts (schließlich essen Deutsche und Österreicher nur Sauerkraut und Würstel) gerufen werden, liegt an einem fast 20 Jahre alten Gesetz. Im Gegensatz zu Filmen werden Videospiele nicht als Kunst gewertet. Deshalb sehen wir zum Beispiel bei Indiana Jones Nazi-Symbole und müssen uns in Call of Duty WWII ohne diese zurechtfinden. Videospiele gelten laut diesem Gesetz nämlich nicht als Kunst, weshalb keine Nazi-Symbole gezeigt werden dürfen. In Österreich sieht das anders aus, weshalb hier auch die originale Fassung verfügbar ist. Ich habe diesen Exkurs absichtlich polemisch verfasst. Keinesfalls soll irgendetwas verharmlost werden aber viel von der Kritik, die ich zu Call of Duty WWII las, veranlasste mich, meine Gedanken einmal in diese Richtung schweifen zu lassen.

Projektionsfläche Krieg

Ohne Frage, auch mit Call of Duty WWII wird Activision wieder Unmengen an Geld erwirtschaften. Dafür sorgt alleine schon die riesige Fangemeinde. Dahinter steckt aber noch mehr. Krieg kann immer auch als Projektionsfläche und Rahmen für andere Themen dienen. Gut und Böse sind klar verteilt, fast immer stehen sich zwei Bündnisse gegenüber. Jedes ist von seiner gerechten Sache überzeugt und handelt nach Kriterien, welche die eigene Weltsicht ausmachen. Zudem haben wir dank unzähliger Filme wie Der Soldat James Ryan, Pearl Harbor und dergleichen gelernt, wie Kriegsgeschichten verlaufen. Vor allem Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan kommt mir beim Spielen von Call of Duty WWII immer wieder in den Sinn.

Wir landen in der Normandie, kämpfen uns durch zerbombte Städte und müssen am Ende eine Brücke verteidigen. Irgendwann im Lauf der knapp sechsstündigen Kampagne muss sogar einmal ein Soldat gerettet werden. Warum etwas neu erfinden, wenn das Gute bereits existiert? Das eigentliche Thema des Spiels leitet sich genau hiervon ab. Die Kampagne trieft fast vor Stereotypen. Im Grunde ist es ein Kampf um Würde innerhalb einer würdelosen Zeit. Der vom Schauspieler Josh Duhamel (besser bekannt als Capt. Lennox in der Transformers-Filmen) verkörperte Sergeant Pierson ist ein traumatisierter Vorgesetzter, der sich alleine betrinkt und jeden kritischen Kommentar seines Platons als Befehlsverweigerung wertet. Call of Duty WWII zeigt ein überkommen geglaubtes Männlichkeitsideal, das von Kameradschaft, Treue und Stärke geprägt ist. Nur der Kampf kann den von euch gespielten Protagonisten Private Daniels von seiner Kindheitsschuld befreien. Gerade in dem Moment, in dem er als Held nachhause gehen kann, zweifelt er jedoch.

Mehr als nur ein hübsches Anhängsel

Die grandiosen Zwischensequenzen erzählen eine Geschichte von Verlust, Angst und Überlebenswillen. Ein zu schneller Blick verbirgt oft, dass wir ein Videospiel spielen und keinen Film sehen. Nur an den Lippenbewegungen tritt das ganz deutlich hervor. So werdet ihr intensiv in die Geschichte hineingezogen und erlebt fantastische Spielstunden. Vorausgesetzt, ihr könnt euch darauf einlassen. Activision hat es wieder geschafft. Es zieht uns unaufhörlich durch die Schlauchlevel. In der ruinierten Stadt Aachen schießen wir zur Abwechslung Hausfassaden mit einem Panzer in Schutt und Asche und kurze Zeit später holen wir deutsche Flugzeuge aus der Luft.

Die Kampagne spielt sich wieder so kurzweilig und intensiv, wie wir es von einem Call of Duty gewöhnt sind.Nach rund sechs Stunden dann der Wechsel zum Kerngeschäft von Call of Duty WWII, dem Multiplayer. Mit Ausnahme des neuen Kriegs-Modus, bei dem jeweils ein Team Stellungen halten muss, während das andere diese einzunehmen versucht, ist hier alles beim Alten. Das ist auch gut so. Sowohl WiederkehrerInnen als auch Neulinge finden sich sofort zurecht. Mit dem Hauptquartier gibt es zudem eine Art Social Hub und Übungsgelände.

Punktserien und alle eure Waffensets dürfen hier so oft wie ihr wollt ausprobiert werden. Beim Major gibt es die obligatorischen Aufträge wie „Erziele 2o Siege in der nächsten Stunde“ oder ähnliches abzuholen. Im Grunde heißt es aber immer noch: Konsole starten, in den Online-Modus von Call of Duty WWII wechseln und los, los los. Gefühlsmäßig hat sich seit dem Start der Call of Duty-Erfolgsgeschichte mit Modern Warfare kaum etwas verändert. Ich finde das tatsächlich großartig, da ich schon damals unzählige Stunde damit verbrachte, mich an die Spitze der Tabelle zu kämpfen.

Call of Duty WWII – Mein Fazit

Es ist schon erstaunlich, wie wirkmächtig das Shooter-Genre trotz aller Diskussionen und berechtigten Einwände noch immer ist. Bitte nicht falsch verstehen, ich gehöre weder zu den Killerspiel-Marktschreiern noch zu jenen, die solche Spiele einfach als Spiele abtun. Alleine schon aufgrund des prekären Themas darf und soll Call of Duty WWII nicht unkommentiert stehen gelassen werden. Das Spiel macht aber weder etwas falsch noch etwas richtig. Call of Duty WWII reiht sich ganz einfach in die ewig lange Liste der Kriegsfilme und -spiele ein.

Wer mit diesem Genre etwas anfangen kann, bekommt ein großartiges Spiel. Die Kampagne ist zwar wieder kurz geraten, unterhält dafür intensiv und ohne Pause zum Verschnaufen. Der Multiplayer ist wie immer toll zu spielen und als Zuckerglasur ist die Grafik und vor allem die Soundkulisse über jeden Zweifel erhaben. Seit Call of Duty WWII in meiner PS4 steckt, lief kein anderes Spiel mehr und es sieht nicht danach aus, dass sich das bald ändert.